Gottesdienstnachlese – 15.11.2015 – Matthäus 25, 31-46 – Das Gleichnis von den Schafen und Böcken … und Sherlock Holmes

Wie auch in dem von mir besuchten Gottesdienst am vorvorletzten Sonntag richtig gesagt: eine schwierige Stelle. Denn auf den ersten und auch zweiten Blick wird hier die Teilung der Menschheit in Gerechte und Ungerechte an ihrem Handeln am Nächsten festgemacht. Wie kann man nun mit ihr umgehen, wenn man auf der einen Seite die Rechtfertigung allein aus Glauben als wahr und schriftgemäß festhalten, auf der anderen Seite die offenbar unpassende Stelle aber nicht einfach verwerfen will?

Hier zuerst eine weitere Anmerkung zu den Lutherischen Prinzipien der Schriftauslegung. Sola scriptura – allein die Schrift – bezog sich zur Zeit seiner Formulierung speziell auf anders geartete Auslegungspraktiken in der damaligen Kirche. Hier wurde neben der Schrift als Selbstoffenbarungsort Gottes hauptsächlich noch die Tradition als mündliche Überlieferung, die durch die Autoritäten der Kirche vererbt worden sei betrachtet. Vollen Zugriff auf die Tradition hätten nur die Amtsträger der Kirche, insbesondere der Papst. Zur damaligen Zeit war dies wohl Praxis und Lehrmeinung, was auch aus den heftigen Reaktion gegen die diesbezüglichen Lehren der Reformation hervorgeht, festgeschrieben wurde es aber auf späteren Konzilen.

Dagegen nun wurde von den Reformatoren die Schrift als einzige Regel und Norm der Festlegung und Prüfung von christlicher Lehre (lat. dogma) festgehalten. Denn sie ist die Sammlung und Kommunikation der Selbstoffenbarung Gottes in der Geschichte durch die Propheten, in seinem Sohn und durch die Apostel. Die Tradition, also die Gedanken und Entscheidungen der Kirche, sind zum Teil von großer Wichtigkeit, die Schrift, jedoch, steht über ihnen. Die Trinitätslehre, z.B., ist nicht wahr, weil sie von der Kirche formuliert worden ist, sondern weil sie, wenn auch nicht dogmatisch formuliert, im Neuen Testament an viele Stellen nachzuweisen ist.

Doch ist sola scriptura nicht nur Grundprinzip sondern auch eine praktische Regel der Schriftauslegung: Die Bibel erklärt sich aus sich selbst. Aussagen der Schrift müssen im Vergleich zu anderen Schriftstellen betrachtet werden; eine Stelle ist nicht aus ihrem Kontext zu reißen. Daraus leiten sich weitere Regeln der Auslegung ab. Eine davon ist, dass klare, vielerorts eindeutig nachweisbare Lehren in der Schrift jene Stellen, die nicht in diese großen Aussagen zu passen scheinen, auslegen und nicht umgekehrt. Die Rechtfertigung allein aus Glauben, dem Glauben an die sühnende Heilstat Christi am Kreuz für uns, ist ein solcher roter Faden. Und unsere Stelle eine, die ihr zu widersprechen scheint. Noch dazu aus dem Munde Jesu selbst!

Wie kommt es aber, dass ich in meiner Kirchenbank sitzen kann und ganz in dieser Stelle versinke, ja sie mir vorgibt, dass alles, was ich über Rechtfertigung weiß, glaube und bekenne falsch sei? Kann eine abweichende Stelle den Anspruch haben alle anderen eindeutigen Stellen umzudefinieren? Das entspricht jedenfalls nicht der statistischen Logik. Woran es mich jedoch erinnert ist vielmehr der klassische Detektivroman und sein alles wendender „clue“, also Hinweis.

Sherlock Holmes deutet mittels eines oder mehrerer kleiner Hinweise eine ansonsten gar nicht zu verstehende oder eindeutig anders zu lesende Geschichte. Hier hat der Hinweis als der Wahrheit entsprechend, durch seine Eingebundenheit in den tatsächlichen Verlauf, die Macht den unwahren Hergang aufzubrechen und zu verwerfen. Und im Falle der Aufklärung eines Verbrechens, wobei also starke Verdachtsmomente der Lüge bestehen, ist das auch die angemessene Herangehensweise. Doch schon beim der Forschungsarbeit in den Naturwissenschaften kann nicht jeder kleine abweichende Datensatz durch seine bloße Existenz eine ganze Theorie über den Haufen werfen. Er muss geprüft, verglichen und eingeordnet werden, bevor seine wirkliche Aussagekraft bestimmt werden kann.

Und bei der Auslegung eines Textes ist immer der Gesamtzusammenhang zu beachten, in dem der Text erscheint. Das gilt auch für ganz profane Literatur.

Eine sinnvolle und auch rational angebrachte Herangehensweise ist es also, sich bei der Auslegung vom Netz der offenbarten Wahrheiten in der Bibel tragen zu lassen und die abweichenden Stellen mit Aufmerksamkeit zu Bedenken, aber dem Holmes’schen Bedürfnis alles durch sie in Frage zu stellen, sinnvolle Zügel anzulegen indem man es an sich reflektiert und einordnet.

Wenn wir diese Überlegungen auf unsere konkrete Stelle anwenden, werden verschiedene Aspekte deutlich:

Zunächst: Der direkte Kontext der Stelle ist im weiteren Sinne eine Reihe von Reden Christi nach seinem Einzug in Jerusalem. Die Grundstimmung ist die Vorbereitung auf seinen Tod, ja direkt nach unserer Stelle beginnt der lange Gang zum Kreuz mit der Salbung in Bethanien und der Einsetzung des Abendmahls. Im engeren Sinn redet Christus im direkten Kontext von den bald kommenden Plagen über Jerusalem (Zerstörung des Tempels etc.) und seiner eigenen Wiederkunft, dem Ende der Welt. In den zwei Gleichnissen zuvor werden die Jünger gewarnt wachsam zu sein bis der Herr wiederkommt. In diesem wird im ersten kontextuellen Sinn ein weiterer roter Faden der Schrift bekräftigt, nämlich was bei dieser Wiederkunft geschehen wird: er selbst wird die Menschheit richten und eine Rettung aus diesem Gericht ist notwendig.

Zum Zweiten: Die ganze geschilderte Szene stellt in diesem Sinne Christus in den Mittelpunkt. Das ethische Verhalten ist nicht losgelöst von ihm geschehen sondern im Gegenteil: die Taten sind nur gut weil sie ihm getan wurden. Alle Augen blicken auf ihn, alle Fragen werden an ihn gerichtet. Er handelt, seine autoritäre Entscheidung wird ohne Widerspruch akzeptiert. Damit stellt Mt. 25 keine losgelöste humanistische Ethik in den Raum, sondern orientiert alles Handeln an der Person Jesu Christi.

Zum Dritten: Es geht nicht um eine verbissenen Überlebensdrang, der sich abkämpft Gutes zu tun um gerettet zu werden: Die Gerechten zeigen sich ja überrascht davon, dass sie Gute Werke getan haben sollten. Sie scheinen Menschen zu seinen, bei denen „die Rechte nicht weiß, was die Linke tut“. Dies harmoniert auch mit der lutherischen Rechtfertigungslehre, in der eine barmherzige Haltung gegenüber anderen Menschen die Folge des gnädigen Handeln Gottes an uns ist. Gute Werke verdienen uns nichts, sie sind die natürliche Folge unserer Erlösung. Und sie sind auch nicht ein hilfloses Ausgeliefert sein gegenüber dem Heer der Nächsten in aller Welt. Der Verstand darf, mit den 10 Geboten, die z.B. Vater und Mutter, Ehe usw. festhalten, die Verpflichtung dem Nächsten gegenüber gemäß Gottes Wort abstufen. So wie Luther einem Schuster auf die Frage, wie er nun als Christ Gott zu dienen hat, antwortete, er solle gute Schuhe machen. Wir sind dem Nächsten in unserem Stand – unserem Beruf als Vater und Mutter, Bruder und Schwester, Ehemann und Ehefrau etc. – verpflichtet.

So wird also deutlich, dass, im biblischen Zusammenhang gesehen, Mt. 25 gerade nicht dazu aufruft, sich den Himmel zu verdienen. Vielmehr ist die geschilderte Szene eine Illustration von Mt. 18, 21-35: Wer Gottes Barmherzigkeit und Gnade in der Rechtfertigung allein aus Glauben erfahren hat, der kann sich einer Barmherzigkeit gegenüber anderen Menschen nicht enthalten.

Mitverfasst von stud. theol.

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