Gesetz und Evangelium im Bauch des Fisches – Die Notwendigkeit des Gesetzes anhand von Jonah

 „Wo das Gesetz und Euangelium fein eigentlich unterscheiden wird, nehmlich, daß das Gesetz schreckt, verdammet und tödte, das Euangelium aber tröstet, selig und lebendig macht, da bleibt die ganze christliche Lehre rein und lauter, daß man sich dadurch wol alles Aergerniß und Jrrthums erwehren kann. Jtem so kömmet auch dieser Nutz daraus, daß die Christgläubigen so geschickt und verständig werden, daß sie uber allerlei Stände in diesem Leben, dazu uber alle Gesetze und Lehre aller Menschen können Richter sein, können auch allerlei Geister prüfen. […] Denn wo man das Euangelion nicht ganz eigentlich und klärlich vom Gesetze scheidet, so ists nicht möglich, daß man die christliche Lehre sollt unverfälschet erhalten können. Wiederüm, wo man ihn aber recht und gewiß hat, so weiß man fein und richtig, was da sei die rechte Weise, wie und wodurch man für Gott gerecht werden soll. Jst dies Licht und Erkenntniß fürhanden, so kann man leichtlich den Glauben von den Werken scheiden, Christum von Mose, das Euangelium vom Gesetz Mosi und allen andern weltlichen Gesetzen, Rechten und Ordnungen.”

Martin Luthers Tischreden, WA TR 6, 135f.

 

Die Unterscheidung von Gesetz und Evangelium ist zentraler Bestandteil der theologischen Überlegungen Martin Luthers (wie A. hier schon vor einiger Zeit anmerkte). Dass er damit ein biblisches Prinzip aufgreift, zeigt der Blick auf Paulus (Röm 3,20 ff.; 10,4; Gal 2,16; 3,11) oder Johannes (Joh 1,17). Dabei darf man nicht der simplen Versuchung erliegen, einfach Gesetz und Evangelium jeweils Altem (AT) und Neuen Testament (NT) zuzuordnen. Die Unterscheidung betrifft die biblischen Texte je aktuell, ja, es kann sogar dazu kommen, dass ein und derselbe Satz in der einen Situation Gesetz, in der anderen Evangelium sein kann. Nach Luthers Auffassung führt uns die richtige Unterscheidung der beiden Weisen Gottes, durch die Schrift zu uns zu reden, zum richtigen Verständnis seines Wortes und ebenso zum Vertrauensglauben.

Im Folgenden soll ein grobes Beispiel gegeben werden, wo sich in der Schrift die Unterscheidung der Redeweise Gottes findet. Um das Missverständnis, das AT sei das Gesetz, das NT das Evangelium auszuräumen, ist ein Beispiel gewählt, bei dem sich beide in einem Buch des AT finden lassen.

Ich greife die Jona-Erzählung heraus: Am Anfang ergeht der Auftrag an Jona, wider Ninive zu predigen, dessen Bosheit der Gott erkannt habe (J 1,2). Schon hier weigert sich Jona; weshalb, werden wir später noch erkennen. Nach seiner erfolglosen Flucht beauftragt ihn Gott erneut, doch nun konkreter: In vierzig Tagen wird die Stadt aufgrund ihrer Sünde untergehen (J 3,4).

Das ist das Gesetz. Das Gesetz sieht die Sünde, verdammt und tötet sie. Die Menschen haben Unrecht getan, sie müssen sterben. Das ist das Wort des Herrn.

Doch nun das Überraschende: Das prophetische Gesetzeswort deckt den Menschen ihre Schuld auf. Die Menschen erkennen ihre Sünde und tun Buße (J 3,5-8). Sie handeln im Hoffen auf die Gnade Gottes: „Wer weiß? Vielleicht lässt Gott es sich gereuen und wendet sich ab von seinem grimmigen Zorn, dass wir nicht verderben.“ (3,9)

Und genau dieser Glaube an Gott, die Zuwendung zu ihm führt zur Rettung Ninives: „Als aber Gott ihr Tun sah, wie sie sich bekehrten von ihrem bösen Wege, reute ihn das Übel, das er ihnen angekündigt hatte, und tat’s nicht.“ (3,10).

Angesichts des Verdammungsurteils Gottes haben die Menschen ihr Heil nicht in der Flucht vor Gott, nicht in der Erbitterung gesucht, sondern sie haben sich zu Gott gewendet, sind zu ihm geflohen. Und die Hoffnung auf seine Güte ist der Fels, hinter dem sie sich vor der Flut der Gesetzesverdammung verstecken.

Nun wird auch Jonas Weigerung, den Menschen das Gesetz zu verkündigen, erklärt: Er kannte Gottes Wirken schon: „Das aber verdross Jona sehr und er ward zornig und betete zum HERRN und sprach: Ach, HERR, das ist’s ja, was ich dachte, als ich noch in meinem Lande war, weshalb ich auch eilends nach Tarsis fliehen wollte; denn ich wusste, dass du gnädig, barmherzig, langmütig und von großer Güte bist und lässt dich des Übels gereuen.“

Jona hatte selbstmächtig entschieden, dass die Menschen von Ninive Gottes Gnade nicht verdienten. Damit hatte er sich an die Stelle Gottes gesetzt und musste scheitern. Für uns heißt das: Wir dürfen den Menschen das Gesetz nicht vorenthalten. Erstens nicht, um mit der Vorenthaltung zu verhindern, dass sie gerettet werden könnten, zweitens aber auch nicht, weil wir Angst haben, sie damit zu beschweren. Denn allein die Predigt des Gesetzes kann zur Umkehr führen und damit zur Rettung. An welcher Stelle Gott sein Evangelium ausspricht, dürfen wir weder bestimmen, noch meinen, es sei noch nicht oder schon jetzt die Zeit dafür. Wir haben zu predigen.

Ein zweiter Moment der Geschichte wird deutlich: Das Gesetz Gottes ist ein wahres Wort, wenn auch anders wahr, als vom Menschen gedacht. Das alte Ninive wird zerstört. Die Menschen ändern sich von Grund auf, und das heißt: Die Stadt ist nicht mehr dieselbe. Sie ist nicht mehr Ninive, so wie es bekannt war. Doch diese Zerstörung hatte einen Zweck und ein Ziel. Sie war gut und notwendig, und sie brachte die gute Botschaft, das Evangelium, zu den Menschen: „Ihr werdet angesichts meiner Zuwendung zu euch nicht verderben, sondern leben.“

 

 

2 thoughts on “Gesetz und Evangelium im Bauch des Fisches – Die Notwendigkeit des Gesetzes anhand von Jonah

  1. Es mag an Haarspalterei grenzen, aber Du (ok, wenn ich „Duze“?) schreibst: „Das alte Ninive wird zerstört. Die Menschen ändern sich von Grund auf, und das heißt: Die Stadt ist nicht mehr dieselbe.“

    Ich weiß, was Du meinst – aber ich finde „zerstört“ trifft es in dem Fall nicht wirklich. Für mich wären „erneuert“ oder „renoviert“ die passenderen Begriffe. Du meinst doch den destruktiven/tot-bringenden Lebenswandel der Niniveeianer, der durch ihre Umkehr zerstört wurde = nicht mehr existiert. oder?

    • studiosus

      ich kann dein anliegen nachvollziehen, wir sind da ja grundsätzlich nicht unbedingt weit auseinander. Ich habe das Wort „zerstört“ benutzt, um die Radikalität der Wirkung des Gesetzes zu verdeutlichen. Wenn Luther schreibt, dass das Gesetz tötet, dann ist das nicht einfach nur eine sanfte Kurskorrektur. Das Gesetz tötet, es tötet den alten Menschen (vgl. die Taufe: Der alte Mensch wird getötet, in Christus ist er zu einem neuen Menschen geworden – so Paulus). Deshalb auch in diesem Beitrag: Ninive, so wie es war, ist zerstört. Es gibt nicht mehr das Ninive, wie es seit jeher existierte, es ist auch nicht einfach nur ein wenig neue Farbe aufgetragen, sondern das Haus ist komplett neu gebaut worden, um im Bild zu bleiben. Um einmal aus dem Bild herauszugehen: Mit „Ninive ist zerstört“ meine ich natürlich nicht die Stadt, sondern: Die Bewohner Nineves sind getötet, und jetzt sind es neue Bewohner geworden. Diese Art der Auslegung geht natürlich nur, wenn man sie als Typologie begreift. Auf der Literarebene ist ja keiner gestorben, das ist mir natürlich klar.

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