Was Würde Jesus Tun … und, wenn ja, welcher? – Artikel 2 des Glaubensbekenntnisses im Kleinen Katechismus näher erläutert

Ein Christ lebt in Bezugnahme auf Jesus Christus. Das scheint klar zu sein und unter diesem Satz können sich viele verschiedene Prägungen des Christentums zusammenfinden, wie eine Organisation wie der Ökumenische Rat der Kirchen vor Augen führt. Die Bezugnahme auf Jesus Christus kann ja auch ganz unterschiedlich inhaltlich bestimmt werden: Man hört vom ethisch handelnden, die Armen, Schwachen und Frauen gleichstellenden Jesus, vom Anti-Establishment-Jesus, vom Frommen-Praktiker-Jesus, vom gehorsamen Jesus, vom pazifistischen Jesus, vom cholerischen Jesus, vom jüdischen Jesus, vom lebenspraktischen Jesus. Es scheint als könne man fast jedes Jesus-Bild mehr oder weniger gut aus der Heiligen Schrift herausschälen oder auch an den Haaren herbeiziehen und schon kann man von einem Jesusbezug des eigenen Lebens sprechen. Daher ist eine der wichtigsten Fragen in diesem Zusammenhang „Welcher Christus ist gemeint?“. Wie wir gleich sehen werden, setzt Luther auch genau hier an.

Das Vor-den-Augen-haben Christi ist dabei eine traditionsreiche Forderung der Kirchengeschichte, der sich natürlich auch die Reformatoren angeschlossen haben. Auch hier wieder gibt es verschiedene Herangehensweisen, wie dies zu vollziehen ist. Eine Form ist die, den Jesus, der ein Vorbild des eigenen Lebensvollzugs ist, in den Mittelpunkt zu stellen. In bestimmten christlichen Kreisen wird diese gerne ganz kurz zusammengefasst als Armband WWJD: „What would Jesus do?“ – Was würde Jesus tun? – an der Hand getragen. Den inhaltlichen Aspekt, nämlich den handelnden Menschen als Vorbild für das eigene Tun herauszustellen, können aber nicht nur evangelikal-fromme Gruppierungen, die „ein Leben nach der Bibel“ fordern, nachvollziehen, sondern natürlich auch der liberale Protestantismus, dem es um Aspekte wertvoller Moral und Kultur in der Gesellschaft geht. Unter ganz unterschiedlichen Voraussetzungen können verschiedene Gruppen also zum selben Modus der Jesus-Betrachtung kommen, das heißt, den Vorbildaspekt in den Mittelpunkt rücken.

Dass man damit Gefahr läuft, große und gewichtige Aspekte des historischen und auferstandenen Gottmenschen zu unterschlagen, verdeutlichen schon einige hypothetische Antworten auf jene um das Handgelenk geschlungene Frage: „Übers Wasser gehen.“, „Lazarus von den Toten auferwecken“, „Wasser zu Wein machen“. Diese Punkte kann man nur als Vollblutcharismatiker noch als von mir selbst zu erledigende Werke begreifen, was schon einen der sehr schwierigen Aspekte dieser Bewegung verdeutlicht. Doch allen anderen wird klar: Christus kann nicht zuerst nur Vorbild sein, denn dabei wird der erste vor dem zweiten Schritt gemacht, wie wir im im Kleinen Katechismus lesen:

 

Und [ich glaube] an Jesus Christus, Gottes eingebornen Sohn, unsern Herrn, der empfangen ist vom Heiligen Geist, geboren von der Jungfrau Maria, gelitten unter Pontius Pilatus, gekreuziget, gestorben und begraben; niedergefahren zur Hölle, am dritten Tage auferstanden von den Toten, aufgefahren gen Himmel, sitzend zur Rechten Gottes, des allmächtigen Vaters, von dannen er kommen wird, zu richten die Lebendigen und die Toten.

Was heißt das?

Ich glaube, daß Jesus Christus, wahrhaftiger Gott, vom Vater in Ewigkeit geboren, und auch wahrhaftiger Mensch, von der Jungfrau Maria geboren, sei mein Herr, der mich verlornen und verdammten Menschen erlöst hat, erworben und gewonnen von allen Sünden, vom Tod und von der Gewalt des Teufels, nicht mit Gold oder Silber, sondern mit seinem heiligen, teuren Blut und mit seinem unschuldigen Leiden und Sterben; damit ich sein eigen sei und in seinem Reich unter ihm lebe und ihm diene in ewiger Gerechtigkeit, Unschuld und Seligkeit, gleichwie er ist auferstanden vom Tode, lebet und regieret in Ewigkeit. Das ist gewißlich wahr.

Jesus vor Augen zu haben heißt also zunächst nicht, Jesus als Vorbild zu begreifen, an dem das eigene Handeln zu messen und zu vervollkommnen ist. Jesus vor Augen  zu haben meint, durch den Blick auf Jesus den Blick von sich selbst wegzuwenden, nicht die eigene Fehlerhaftigkeit zu sehen, sondern sein Wirken für uns. Jesus vor Augen zu haben heißt, den Gottmenschen zu sehen, Gott, der zu uns kommt und sich für uns gibt, der die Forderungen seiner Heiligkeit selbst erfüllt und uns seine Gerechtigkeit zueignet. Wer Jesus so vor Augen hat, der kann auch jesusgemäß handeln. Aber nicht, weil es die Vorschrift will, so zu handeln wie Christus, sondern und nur, weil er von Christus selbst dazu befähigt wird, aus Dankbarkeit und freier Liebe[1],  weil er die Welt durch Christi Augen sieht und – weil der alte Mensch, der das Gute hasst, uns bis zu unserem Tode nicht loslässt – als simul justus et peccator.

[1] 7. Welches doch anders nicht verstanden werden soll, denn wie es der Herr Christus und seine Apostel selbst erkläret [erklären], nämlich von dem freigemachten Geist, das er solches nicht tu aus Furcht der Strafe, wie ein Knecht, sondern aus Liebe der [aus Liebe zur] Gerechtigkeit, wie die Kinder, Röm. 8. –  FC – Epitome IV. Von den guten Werken

 

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