Wer an der Krippe steht, kann die Welt nicht retten – unsere Weihnachtsaufgabe

Im Gegensatz zu einem weitverbreiteten Fehlurteil ist Weihnachten noch nicht vorbei, sondern dauert noch bis Februar an (es hat ja auch erst am 25.Dezember begonnen). Das gibt uns Gelegenheit, noch ein paar Blicke auf die christliche Botschaft lutherischer Weihnachtslieder zu werfen.

In diesem Beitrag soll ein Paul-Gerhardt-Lied im Blickpunkt stehen, welches dem Kenner des Bachschen Weihnachtsoratoriums gut vertraut sein dürfte: „Ich steh an deiner Krippen hier“. Es ist ein Beispiel dafür, wie lebendig, wie konkret, wie innig vetraut die theologische (Lied-)Sprache des 17. Jahrhunderts sein kann. Darüber hinaus zeigt es exemplarisch, was die Aufgabe eines Gottesdienstes ist: Die Vergegenwärtigung des Wirkens Gottes im Angesicht des Wunders seiner Selbstvergegenwärtigung in Brot und Wein. Wir stellen uns zur Krippe, stehen unter dem Kreuz, sind Zeugen des leeren Grabes. Wir erinnern uns des Geschehen, aber mehr noch als eine bloße Erinnerung vollziehen wir das Geschehene mit, werden Teil und haben Anteil an dem, was lange vor uns gewesen ist. Diese Vergegenwärtigung, unser knien an der Krippe, wirkt der Heilige Geist, der uns in und durch Gottes Wort gegeben ist („Gott [gibt] niemand seinen Geist oder Gnade […] ohne durch oder mit dem vor[her] gehenden äusserlichen Wort“, Schmalkaldische Artikel VIII, Von der Beichte).

Schon in der ersten Strophe erinnert Gerhardt in seinem Lied an grundlegende christliche Einsichten: Ich bringe und schenke Gott, was dieser mir schon längst gegeben hat. Besser kann nicht formuliert werden, was die Grundlage des Glaubens ist: Mein Tun kann nichts bewirken, sondern Gott handelt. Nicht, ob ich mich richtig verhalten habe, zählt, sondern, dass er mich erlöst und in Christus angenommen hat. Alles, was ich tun, schenken, wirken könnte, ist schon eingefangen in dem, dass ich gemacht, geschaffen bin. Wir sind nicht unser, wir sind nicht wir selbst, wenn wir nicht Gottes Eigentum sind. Auch später, wenn es heißt „O Sonne, die das werte Licht | des Glaubens in mir zugericht‘, | wie schön sind deine Strahlen!“, bleibt im Fokus: Nicht unser freier Wille hat uns durch unsere Entscheidung zu Gott gebracht, sondern er hat es getan, er hat uns zuerst geliebt. Durch das ganze Lied zieht sich dieser Gedanke: Das unscheinbare kleine Kind in der Krippe ist der, der nicht nur die Fäden der Welt in seiner Hand behält, sondern auch all mein Leben, Wirken und Sein hervorruft und geschehen lässt. Dieser Schöpfer der Welt kommt zu uns; Gott wird unser Freund und Bruder. Dies ist das Staunen, welches Gerhardt besingt: Es ist nicht fassbar, es ist unbegreiflich, warum Gott sich dazu entscheidet, uns nahe sein zu wollen und deshalb Mensch wird. So aber wird er selbst begreifbar, (an-)fassbar. Das unfassbare Ereignis führt dazu, dass wir Gott so nahe wie nur möglich sein können – vor ihm an der Krippe und unter dem Kreuz stehen können.

Was bleibt dabei unsere Aufgabe? Paul Gerhardt beschreibt es so: „weil ich nun nichts weiter kann, bleib ich anbetend stehen.“ Es ist uns zu wünschen, ebenfalls in diese Anbetung zu versinken. Hier muss nicht für eine Idee oder Sache gekämpft und getritten werden. Weihnachten – nicht das Fest der guten Taten, sondern das Fest des gläubigen Staunens.

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Ich steh an deiner Krippen hier,
o Jesu, du mein Leben;
ich komme, bring und schenke dir,
was du mir hast gegeben.
Nimm hin, es ist mein Geist und Sinn,
Herz, Seel und Mut, nimm alles hin
und laß dir’s wohlgefallen.

(Du hast mit deiner lieb erfüllt
Mein adern und geblüte /
Dein schöner glantz / dein süsses bild
Ligt mir gantz im gemüthe /
Vnd wie mag es auch anders seyn /
Wie könt ich dich / mein Hertzelein /
Aus meinem hertzen lassen?)

Da ich noch nicht geboren war,
da bist du mir geboren
und hast mich dir zu eigen gar,
eh ich dich kannt, erkoren.
Eh ich durch deine Hand gemacht,
da hast du schon bei dir bedacht,
wie du mein wolltest werden.

Ich lag in tiefster Todesnacht,
du warest meine Sonne,
die Sonne, die mir zugebracht
Licht, Leben, Freud und Wonne.
O Sonne, die das werte Licht
des Glaubens in mir zugericht‘,
wie schön sind deine Strahlen!

Ich sehe dich mit Freuden an
und kann mich nicht satt sehen;
und weil ich nun nichts weiter kann,
bleib ich anbetend stehen.
O daß mein Sinn ein Abgrund wär
und meine Seel ein weites Meer,
daß ich dich möchte fassen!

(Vergönne mir / o Jesulein /
Daß ich dein mündlein küsse /
Das mündlein / das den süssen wein /
Auch milch und honigflüsse
Weit übertrifft in seiner krafft /
Es ist voll labsal / stärck und safft /
Der march und bein erquicket.)

Wann oft mein Herz im Leibe weint
und keinen Trost kann finden,
rufst du mir zu: „Ich bin dein Freund,
ein Tilger deiner Sünden.
Was trauerst du, o Bruder mein?
Du sollst ja guter Dinge sein,
ich zahle deine Schulden.“

(Wer ist der meister / der allhier
Nach würdigkeit außstreichet
Die händlein / so das Kindlein mir
Anlachende zureichet /
Der schnee ist hell / die milch ist weiß /
Verlieren doch beyd jhren preis /
Wann diese händlein blicken.)

(Wo nehm ich weißheit und verstand
Mit lobe zu erhöhen
Die äuglein / die so unverwandt
Nach mir gerichtet stehen:
Der volle Mond ist schön und klar /
Schön ist der güldnen sternen schaar /
Dies äuglein sind viel schöner.)

O daß doch so ein lieber Stern
soll in der Krippen liegen!
Für edle Kinder großer Herrn
gehören güldne Wiegen.
Ach Heu und Stroh ist viel zu schlecht,
Samt, Seide, Purpur wären recht,
dies Kindlein drauf zu legen!

Nehmt weg das Stroh, nehmt weg das Heu,
ich will mir Blumen holen,
daß meines Heilands Lager sei
auf lieblichen Violen;
mit Rosen, Nelken, Rosmarin
aus schönen Gärten will ich ihn
von oben her bestreuen.

(Zur seiten wil ich hier und dar
Viel weisser Liljen stecken /
Die sollen seiner äuglein paar
Jm schlafe sanft bedecken:
Doch liebt vielmehr das dürre gras
Dis Kindelein / als alles das /
Was ich hier nenn und dencke.)

Du fragest nicht nach Lust der Welt
noch nach des Leibes Freuden;
du hast dich bei uns eingestellt,
an unsrer Statt zu leiden,
suchst meiner Seele Herrlichkeit
durch Elend und Armseligkeit;
das will ich dir nicht wehren.

Eins aber, hoff ich, wirst du mir,
mein Heiland, nicht versagen:
daß ich dich möge für und für
in, bei und an mir tragen.
So laß mich doch dein Kripplein sein;
komm, komm und lege bei mir ein
dich und all deine Freuden.

(Zwar solt ich dencken / wie gering
Jch dich bewirthen werde /
Du bist der Schöpffer aller ding /
Jch bin nur staub und erde:
Doch bist du ein so frommer gast /
Daß du noch nie verschmähet hast
Den / der dich gerne siehet.)

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