Mit Popcorn in der Vorlesung bei Prof. von Harless – Über theologische Fortschritte

Nach unserem derzeitigen Weltbild ist immer das Neue das Bessere. Das war nicht immer so – im Humanismus und der Reformationszeit lautete die Devise: Das Alte ist gut, je älter, desto besser. Und alles, was neu eingeführt werden sollte, musste auf einen alten Ursprung zurückgeführt werden. Aber auch das war damals eine neuartige Form des Denkens. So wechseln sich Denkgebäude, Weltbilder und die Betrachtungsweisen, die Welt zu beschreiben und zu verstehen, ab. Auch unser Weltbild wird einmal von einem anderen abgelöst werden. Derzeit aber noch meinen wir, uns auf einem geradlienigen Zeitstrahl zu bewegen – und immer die rechte Seite, das offene Ende, sei der erstrebenswerte Zustand. Das Vergangene scheint oft irrelevant, fehlerbehaftet und nur noch als Kuriosum interessant. Wie aber verhält sich der christliche Glaube zu dieser Auffassung der Wirklichkeit? Dem Inhalt des folgenden Textes vorausgreifend, haben wir hier nicht das Neueste vom Neuesten hervorgekramt, sondern ein Schreiben älteren Datums zur Hand genommen – und sind davon überzeugt, dass seine Worte noch nicht überholt sind. Nun aber haben Sie das Wort, Professor Harleß!

Fragt man aber, worin man es denn auch auf religiösem Gebiete so weit gebracht habe, so bekommt man in der Regel zur Antwort nur, dass man jetzt eben nicht mehr glaube, was die hinter uns zurückgebliebenen Väter geglaubt hätten. Und wenn der Besitz eines Fortschritts oder einer neuen Weisheit nur darin bestünde, dass man das Frühere über Bord wirft, so könnte unser Volk sich der riesigsten Fortschritte rühmen. Aber leider besteht der Nachweis eines neuen Besitzes nicht überall darin, dass man vom Alten nichts mehr hat, sondern dass man aufzeigt, wie und worin man dasjenige, was die Väter hatten und besaßen, jetzt in neuer und besserer Weise besitzt.

Denn wenn es sich um Christi Verheißungen handelt, so bleibt es nun einmal dabei, daß nur Diejenigen sie als Trost erfahren, die da Leid tragen. Denn wenn wir kein Leid hätten, was sollte uns denn eine Tröstung? […] Was für ein Leidtragen aber der Herr als die Bedingung nenne, außer welcher Niemand den Trost seiner Seligpreisung erfahre, das wird klar aus den folgenden Worten. Da heißt es (Matth. 5, 6): „Selig sind, die da hungert und dürstet nach der Gerechtigkeit, denn sie sollen satt werden.“ Solch Hungern und Dürsten ist ein Leiden, und das Leid rührt daher, dass wir an uns tief den Mangel eigener Gerechtigkeit empfinden und beklagen. Und doch wird allein dem Hunger und Durst nach Gerechtigkeit aus Christi Mund die Sättigung verheißen; Sättigung, die von Christus kommt, Sättigung durch Zuerkennung einer Gerechtigkeit, die wir nicht in uns, noch aus uns haben. Hungert und dürstet danach das „Zeitbewußtsein“? Oder hört man nicht abermals aus allen Ecken die Stimme Laodiceas, die da spricht: „Ich bin reich, und habe gar satt und bedarf nichts?“

Von der Wahrheit aber des Evangeliums selbst wissen wir, dass sie den Juden ein Ärgerniss und den Griechen eine Torheit ist und bleibt. Und weil das die fleischliche Empfindsamkeit des Menschen drückt, so lassen wir uns nur allzu leicht durch uns selbst oder durch Andere verführen, dahin zu wirken, dass solch Ärgernis und solche Torheit in Wegfall komme. Und dahin geht ein guter Teil des heutigen zeitgemäßen Strebens. Welches dann sich darin vollbringt, dass man ein Stück des Evangeliums nach dem andern als Torheit und Ärgernis über Bord wirft. Und darin besteht die Hauptarbeit und Hauptweisheit unserer erleuchteten Gegenwart.

 

Wer glaubt, die Wahrheit der Väter sei überholt, die Bekenntnisse irrelevant und die Schrift ohne Bedeutung, vertauscht die Wahrheit des Evangeliums mit seiner selbstgemachten Wochenend-Wahrheit. Er tauscht Gottes Wort gegen seinen eigenen Standpunkt aus – und landed damit stracks bei dem, was die Schrift als Sündenfall bezeichnet (Gen 3). Damit entpuppt sich der vermeintlich moderne Ansatz als ältester menschlicher Fehlweg. Die Wahrheit der Kirche ist nicht immer zu revidieren (in dem Sinne eben kein semper reformanda!), sondern immer wieder zurückzuführen auf das, was der Herr der Kirche selbst getan und gesagt hat, wie es die Schrift bezeugt und die Bekenntnisse wiederholen.

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