„Mein Bewusstsein verlangt nach dem Siegeszug des Vegetarismus aber mein Unterbewusstsein sehnt sich nach einem saftigen Stück Rindfleisch“ oder: Gesetz und Evangelium anhand eines Dilemmas erklärt.

Das Titelzitat stammt aus einem Film der siebziger Jahre. Und mindestens so lange besteht das Phänomen des bewussten Vegetarismus (wenn nicht schon viel viel länger). Eine der möglichen Begründungen für eine vegetarische Lebensweise lautet: „Wer bin ich, dass ich über den Tod eines Tieres verfügen dürfte – wieso sollte mein Leben mehr wert sein als das eines Tieres?“

Etwas weiter getrieben wurde diese Überlegung im Falle des Veganismus: „Wer bin ich, dass ich ein Tier überhaupt nutzen dürfte, also auch seine Erzeugnisse oder Bestandteile, welches Recht habe ich, mich über das Tier zu erheben?“

Doch auch diese Konsequenz ist nicht entgültig. Fructarier fragen: „Mit welchem Recht entnehme ich der Natur etwas, was sie mir nicht freiwillig gibt?“

Doch auch dies lässt sich noch weiter vertiefen: Ist nicht schon unsere bloße Existenz ein Eingriff in die Natur? Wo wir sind, kann kein anderer sein. Die letzte Frage also lautet: Welches Recht habe ich, zu leben (und damit dafür zu sorgen, dass mein Raum nicht durch andere Organismen eingenommen werden kann)?

Habe ich Recht, zu leben (und damit wohl oder übel Ressourcen zu verwenden), weil es auch alle anderen Organismen so machen? Weil ich eingebunden bin in den Kreislauf der Natur und in mir Bakterien wohnen können? Mit diesen wenigen Fragen ist sicher nur an der Obefläche von Überlegungen gekratzt, die man zur Frage der Art und Weise der menschlichen Existenzberechtigung haben kann. Wir stellen aber auf jeden Fall fest: Wir können unser Dasein nicht rechtlich begründen. Wir können es uns nur nehmen. Und wie weit wir dabei gehen, müssen wir zumindest vor unserem Gewissen verantworten. Aber dass wir da sind, dafür können wir selber als Menschen keine Begründung geben, keinen Anspruch erheben.

Das ist das Gesetz. Das Gesetz sagt: Du wirst immer, wenn du existierst, eingreifen in die Natur. Du wirst immer zerstören. Du wirst immer zum Tod und Aussterben anderer Lebewesen beitragen, egal wie sehr du dich bemühst. Gott sagte: Bewahrt die Erde. Und du zerstörst sie. Das ist das tödliche Gesetz. Auch der Tod ist kein Ausweg, denn: Gott hat dir dein Leben gegeben. Du hast kein Recht daran, es selber zu nehmen. Du steckst fest in einem Dilemma, aus dem kein Weg führt, sondern nur die Verurteilung.

Gott aber sagte auch: Ich habe dir dein Leben gegeben. Ich habe dir diese Erde gegeben. Ich habe dein Leben ermöglicht. Und Gott sagt: Christus hat die Welt mit sich versöhnt. Das ist das Evangelium. Aus dem zerstörenden Kreislauf, dem du nicht entfliehen kannst, führt Christus dich hinaus in eine neue Welt, in eine himmlische Welt, in der der Tod nicht mehr ist und kein Leid und kein Geschrei.

 

Nun schreibt das Luthertum keine Ernährungsweise vor. Wie und was duisst, ist egal (außer beim Abendmahl). Die Entscheidung, Vegetarier, Veganer, oder etwas anderes zu sein, ist eine persönliche und politische  – keine vordergründig christliche. Zwar werden Christen nicht eine Zerstörung der Schöpfung billigend in Kauf nehmen, nur, um noch mehr der Genusssucht zu fröhnen. Aber wie Überbevölkerung und Ernährungsdilemmata beseitigt werden können, ist nicht die Frage, auf die das Christentum antwortet. Das ist eine Frage der weltlichen Ordnung, und auch dieser zu überlassen. Hier kann sich die Kirche nur bemühen (und das soll sie auch), aber einen Heilsweg weisen kann sie nicht.

Wir haben dieses Beispiel nur gewählt, um den Charakter von Gesetz & Evangelium zu verdeutlichen, nicht, weil wir im ewigen Kampf der Ernährungsideologen eine Seite wählen wollten. Stattdessen bleibt zu sagen: Egal, wie du dich entscheidest, vor Gott bleibst du in jedem Fall Sünder. Aber auch: durch Christus Gerechtgemachter. Gesetz und Evangelium eben.

 

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