Warum fühlt es sich so an, als ob ich es bin, der mich von den Toten auferweckt? – Bekehrung – ich oder Gott?

„Entscheide dich für Jesus!“ so einfach klingt es vielerorts. Doch mit der Bibel wendet das Luthertum hier ein, dass diese Aussage ungefähr so ist, als wäre dem toten Lazarus von himmlischer Seite her eingeflüstert worden: „Lazarus, Jesus steht vor Deinem Grab und will Dich von den Toten auferwecken. Entscheide dich für das Leben!“

Und doch ist die Botschaft, aus der der christliche Glaube besteht, immer ein Ruf zur Buße, zur Umkehr, also und zugleich zum Glauben an das Evangelium, das heißt: zum Glauben an das Versprechen Gottes selbst, dass eine Umkehr überhaupt möglich ist. Wie lehrt die lutherische Kirche dazu?

In Glaubensdingen gibt es keinen freien Willen, so wie es ihn in Bezug auf andere Dinge (vielleicht) geben kann. Gott ergreift uns, nicht wir ergreifen ihn. Alles, was wir tun, ist Antwort auf ein schon gesprochenes Wort und wird sogar nur durch den Heiligen Geist möglich. Und doch fühlt es sich so an, als tue der Mensch etwas, als entscheide er sich.

Die Konkordienformel, ein wichtiger Teil der lutherischen Bekenntnisschriften, schafft es die beiden Eckpunkte in ihrer Zusammenfassung Zum freien Willen zusammenzuführen:

1]Hiervon ist unsere Lehre, Glaube und Bekenntnis, daß des Menschen Verstand und Vernunft in geistlichen Sachen blind, nichts verstehe aus seinen eigenen Kräften, wie geschrieben steht: „Der natürliche Mensch vernimmt nichts vom Geist Gottes; es ist ihm eine Torheit und .kann es nicht begreifen, wenn er wird von geistlichen Sachen gefragt“, 1 Kor. 2!

 

2]Desgleichen glauben, lehren und bekennen wir, daß des Menschen unwiedergeborner Wille nicht allein von Gott abgewendet, sondern auch ein Feind Gottes worden [geworden ist], daß er nur Lust und Willen hat zum Bösen und was Gott zuwider ist, wie geschrieben steht: „Das Dichten des Menschenherzens ist böse von Jugend auf“, Gen. 8; item: „Fleischlich gesinnet sein ist eine Feindschaft wider Gott, sintemal es dem Gesetz nicht untertan ist, denn es vermag es auch nicht“, Röm. 8. Ja, sowenig ein toter Leib sich selbst lebendig machen kann zum leiblichen, irdischen Leben, so wenig mag [kann] der Mensch, so durch die Sünde geistlich tot ist, sich selbst zum geistlichen Leben aufrichten; wie geschrieben steht: „Da wir tot waren in Sünden, hat er uns samt Christo lebendig gemacht“, Eph. 2. Darum wir auch: „aus uns selbst, als aus uns, nicht tüchtig sind, etwas Gutes zu gedenken, sondern das wir tüchtig sind, das ist von Gott“, 2 Kor. 3!

 

3]Die Bekehrung aber wirkt Gott der Heilige Geist nicht ohne Mittel, sondern gebraucht dazu die Predigt und das Gehör Gottes Worts, wie geschrieben steht: „Das Evangelium ist eine Kraft Gottes, selig zu machen“, Röm. 1; item: „Der Glaube kommt aus dem Gehör Gottes Worts“, Röm. 10. Und ist Gottes Wille, daß man sein Wort hören und nicht die Ohren verstopfen solle, Ps. 95. Bei solchem Wort ist der Heilige Geist gegenwärtig und tut auf die Herzen, daß sie, wie die Lydia in der Apostelgeschichte am 16. Kapitel, daraus merken und also bekehrt werden allein durch die Gnade und Kraft des Heiligen Geistes, dessen Werk allein ist die Bekehrung des Menschen. Denn ohne seine Gnade ist unser Wollen und Laufen, unser Pflanzen, Säen und Begießen alles nichts, Röm. 9; 1 Kor. 3, wenn er nicht das Gedeihen dazu verleiht, wie Christus sagt: „ohne mich vermögt ihr nichts.“ Mit welchen kurzen Worten er dem freien Willen seine Kräfte abspricht und alles der Gnade Gottes zuschreibt, damit sich nicht jemand vor Gott rühmen möchte, 1 Kor. 9, 16!18] 9. Item, das Doktor Luther geschrieben, daß des Menschen Wille in seiner Bekehrung sich halte pure passive, das ist, daß er ganz und gar nichts tü, daß solches zu verstehen sei respectu divinae gratiae in accendendis novis motibus, das ist, wenn der Geist Gottes durch das gehörte Wort oder durch den [Ge]Brauch der heiligen Sakramente des Menschen Willen angreift und wirkt die neü Geburt und Bekehrung; denn so der Heilige Geist solches gewirkt und ausgerichtet [hat], und des Menschen Wille allein durch seine göttliche Kraft und Wirkung geändert und erneürt alsdann ist der neü Wille des Menschen ein Instrument und Werkzeug Gottes des Heiligen Geistes, daß er nicht allein die Gnade annimmt, sondern auch in folgenden Werken des Heiligen Geistes mitwirkt.

 

19] Daß also vor der Bekehrung des Menschen nur zwei wirkliche [bewirkende] Ursachen sich finden, nämlich der Heilige Geist und das Wort Gottes, als das Instrument des Heiligen Geistes, dadurch er die Bekehrung wirkt, welches der Mensch hören soll, aber demselben nicht aus eigenen Kräften, sondern allein durch die Gnade und Wirkung Gottes des Heiligen Geistes Glauben geben und [es] annehmen kann.

 

16] Was [so]dann die Reden der alten und neün Kirche ihrer belangt, als da gesagt Wird. Deus trahit, sed volentem trahit, das ist. Gott zeucht [zieht], zeucht aber, die da wollen: item. Hominis voluntas in conversione non est otiosa, sed agit aliquid, das ist: Des Menschen Wille ist nicht müßig in der Bekehrung, sondern wirkt auch etwas. weil solche Reden zur Bestätigung des natürlichen freien Willens in der Bekehrung des Menschen wider die Lehre von der Gnade Gottes eingeführt, halten wir, daß sie der Form der gesunden Lehre nicht ähnlich und demnach, wenn von der Bekehrung zu Gott geredet wird, billig zu meiden seien.

 

17] Dagegen aber wird recht geredet, daß Gott in der Bekehrung durch das Ziehen des Heiligen Geistes aus widerspenstigen, unwilligen willige Menschen mache, und daß nach solcher Bekehrung in täglicher Übung der Buße des Menschen wiedergeborner Wille nicht müßig gehe, sondern in allem Wirken [in allen Werken] des Heiligen Geistes, die er durch uns tut, auch mitwirke.

Dass wir tatsächlich den Glauben annehmen, ist also allein die Gnade des Herrn und das Wirken des Heiligen Geistes. Dass wir dem „Folge mir nach“ gehorchen, ist allein Gottes Werk. Und ebenso ist sein Werk die Erneuerung unseres Willens, zum einen in diesem unserem ganzen Wesen widersprechendem Akt der Demütigung unter Christus und danach im Faktum, dass wir tatsächlich Gutes wollen können. Anders ausgedrückt: „Wo bleibt nun das Rühmen? Es ist ausgeschlossen. Durch welches Gesetz? Durch das Gesetz der Werke? Nein, sondern durch das Gesetz des Glaubens.“ Röm 3,27

 

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