Widersprüche – unsere Serie zu exegetischen Problemen – Teil 6: Über den Zusammenhang der beiden Testamente vom Tempel aus nachgedacht

In dieser Serie wollen wir uns in loser Folge mit exegetischen Themen beschäftigen – Fragen der Bibelauslegung also. Dabei soll u.a. zur Sprache kommen, welche wissenschaftstheoretischen Probleme die Bibelwissenschaft hat. Neben Grundsätzlichem sollen aber auch Einzelbeobachtungen angesprochen werden. Der folgende vierte Gastbeitrag aus der Feder eines Exegeten schließt sich an diesen, diesen und diesen Beitrag nahtlos an, um etwas näher zu beleuchten, was es mit dem Verhältnis zwischen Altem und Neuem Testament auf sich hat. 

 

Ein letztes Beispiel, wie „Macht hoch die Tür“ an das theologische Ineinander von Altem und Neuem Testament anschließt, kann an dieser Stelle nur noch kurz gestreift werden: Das Motiv des Tempels, das vor allem in den letzten beiden Strophen des Liedes zum Tragen kommt.

Dass Georg Weissel die Motive Herrlichkeit, Königtum und Tempel in seinem Lied zusammenbringt, zeugt von seinem biblischen Sachverstand, denn die drei Begriffe sind auch in der Bibel eng miteinander verwoben. Es ist der König, der die Verantwortung für den Bau und Erhalt des Tempels trägt und es ist Gottes Herrlichkeit, die dort wohnt. Gleich nachdem Gottes Herrlichkeit dem Volk Israel am Berg Sinai erschienen ist, weist er es an, die Stiftshütte, das Zeltheiligtum, als Vorläufer des Tempels zu bauen (Ex 25,8). Dort, genauer im abgetrennten Allerheiligsten, ist Gottes Herrlichkeit anwesend (Ex 40,34). Der Tempel ist Gottes Palast, in dem er wohnt, ohne dass seine Anwesenheit freilich auf diesen Ort beschränkt wäre (vgl. etwa Ps 11,4 und 1 Kön 8,27). Wie das Zeltheiligtum ist auch der Tempel der Ort der Gottesbegegnung und -offenbarung. Vom Tempel aus erhört Gott das Gebet der Gläubigen (vgl. etwa Ps 18,7; 1 Kön 8,29-30). Im Tempel zu sein, heißt Gottes unmittelbare Nähe genießen und an seiner Freude teilhaben (vgl. etwa Ps 84). Damit diese Nähe möglich wird, ist der Tempel zugleich auch der Ort des Kultes. Auf seinem Altar werden die vorgeschriebenen Opfer dargebracht, die Reinheit und Sühne bewirken (Lev 1-9).

Das Neue Testament redet vielfältig vom Tempel. Jesus hat dort gelehrt (Joh 10,23) und auch nach Ostern nehmen die Apostel noch geraume Zeit am Tempelbetrieb teil (Apg 5,12; 21,26). Einige wichtige Stränge, wie das Neue Testament vom Tempel spricht, zielen dabei wieder unmittelbar auf Jesus. Besonders für das Johannesevangelium wird Jesus selbst zum „Tempel“. Er übernimmt seine Funktion, denn in ihm begegnet uns Gott. Schon ganz zu Beginn spricht der Evangelist Johannes davon, dass Jesus, das Fleisch gewordene Wort, unter den Menschen „zeltete“ und die Menschen daraufhin seine Herrlichkeit sahen (Joh 1,14). Damit spielt er offen auf das Zeltheiligtum an, in dem Gott den Israeliten in der Wüste begegnete. Wer das Evangelium weiterliest, wird allerorten Bezüge zwischen Jesus und dem Tempel entdecken. So spricht Jesus zum Beispiel schon ein Kapitel später davon, dass der Tempel in drei Tagen abgebrochen und wieder aufgebaut werden soll – und meint damit sich selbst, der stirbt und nach drei Tagen wieder aufersteht (Joh 2,19-21). Die anderen Evangelisten stellen auch einen Bezug zwischen Jesus und dem Tempel her und berichten etwa, wie der Vorhang, der das Allerheiligste des Tempels abtrennt, bei Jesu Tod entzwei reißt, so dass die symbolische Trennung zwischen Gott und Menschen aufgehoben ist (Mk 15,38; Mt 27,51; Lk 23,45).

Entlang einer anderen gedanklichen Linie kann Paulus von der Gemeinde als Tempel sprechen, weil Gott durch Jesus nun in ihr anwesend ist: Sie ist der Ort, an dem der Heilige Geist sich niedergelassen hat (1 Kor 3,16; vgl. auch Eph 2,21). Das gilt nicht minder für jeden einzelnen Gläubigen. Der Körper eines Christen ist ein Tempel des Heiligen Geistes (1 Kor 6,19).

Wenn es in der vierten Strophe „Macht hoch die Tür“ heißt: „Eur‘ Herz zum Tempel zubereit“ und so das Herz zum Tempel wird, in den Jesus einzieht, knüpft dies nicht ganz so unmittelbar an biblische Aussagen an wie es im Fall von „Herrlichkeit“ und „König“ der Fall war. Aber der Gedanke bekommt dennoch seine Berechtigung vor dem Hintergrund, wie das Neue Testament von Jesus und vom Tempel spricht. Die verschiedenen Aussagen und Bilder lassen sich ohne Mühe so weiter- und zusammendenken, wenn Gott in uns wohnt und wir deshalb sein Tempel sind und Gott in Jesus gegenwärtig ist. Und nicht zuletzt spricht ja schon Psalm 24 davon, dass die Tore weit und die Türen in der Welt hoch gemacht werden sollen, damit der König der Ehre einzieht – vermutlich in seinen Tempel.

 

Im Hinblick auf die Frage, inwiefern es angemessen ist, das Alte Testament im Lichte Christi auszulegen, zeigen die drei im Laufe der vergangenen Wochen angeführten Beispiele damit vor allem dreierlei:

Erstens ist es ganz offensichtlich, dass das Neue Testament in seiner Theologie und seinen Ausdrucksformen mit vollen Händen aus dem Alten Testament schöpft. Das mag zunächst einmal banal klingen. Durchaus berechtigt wird seit einigen Jahrzehnten ja landauf landab betont, dass Jesus Jude war. Paulus auch. Ja vermutlich die allermeisten, wenn nicht alle Autoren des Neuen Testaments waren mit den Heiligen Schriften und Traditionen des Judentums vertraut. Christus selbst, seine Lehre, seine Taten, seinen Tod und seine Auferstehung verstehen sie im Lichte ihrer Heiligen Schriften und ihrer Glaubenstradition.

Dass bedeutet zweitens aber auch, dass die damals entstandene Deutung des Alten Testaments eine legitime Deutung des Alten Testaments ist. Es ist nicht etwa so, dass Anhänger einer fremden Religion die Deutungshoheit über das Alte Testament an sich gerissen hätten, dort einzelne Aussagen umgebogen und gewaltsam auf einen Ausgang hin gedeutet hätten, der ihren religiösen Interessen diente. Im Gegenteil: Die Deutung der heiligen Worte auf Jesus erfolgte mit höchstem theologischen Sachverstand und folgt exegetischen Methoden, die im damaligen Judentum gang und gebe waren. Sie würdigt das Anliegen der Texte, und erkennt in Jesus dessen Aktualisierung, so wie etwa bei der Rede von Gottes Herrlichkeit. Dass viele alttestamentliche Texte dadurch eine Bedeutungsdimension gewinnen, die zuvor nicht gesehen wurde, liegt auf der Hand. Aber das delegitimiert die Auslegung nicht. Vielmehr zeigt etwa das Beispiel der Königspsalmen, wie die „christliche“ Deutung, sie prophetisch auf Jesus hin zu lesen, eine Leerstelle im ursprünglichen Text schließt. Denn das Ideal, das die Psalmen beschreiben, wurde bis dahin schlichtweg nie erreicht – und erscheint menschlich auch unerreichbar. Einen solchen Umgang mit dem Alten Testament als Auslegungsstrategie abzutun, die der abwegigen Exegese einer primitiven Stufe der Religionsgeschichte angehört, zeugt weniger von historischem Sachverstand als von moderner Hybris.

Denn, drittens, bedeutet es nicht weniger als theologische Schizophrenie, das Neue Testament als Heilige Schrift bewahren zu wollen und zugleich seinen Umgang mit dem Alten Testament abzulehnen. Das Miteinander und Ineinander der eigenen Erfahrung von Christus auf der einen Seite und der intimen Kenntnis der heiligen Schriften des Alten Testaments auf der anderen Seite ist der gedankliche Motor des Neuen Testaments. Das eine ist nicht ohne das andere zu haben. Es war das Anliegen der vergangenen Blogbeiträge einige kurze Einblicke in diese Bewegung zu gewähren. Das Beispiel von heute zeigt überdies, wie es aussehen mag, die gleiche Bewegung auch als Christ zu vollziehen: Die eigene Begegnung mit Jesus in den Kategorien, die die Heilige Schrift uns bietet, zu verstehen und zu beschreiben.  Eine solche Bibelauslegung wird zwangsweise Jesus im Zentrum haben und sie wird das Neue und Alte Testament zwangsweise miteinander ins Gespräch bringen und „vermischen“. Wer sich dagegen wendet, hat jedoch die Beweislast für seine Position zu tragen – und gegen das Zeugnis des Neuen Testaments zu verteidigen.

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