Was ist denn das überhaupt, Kirche?? – Teil 1: Wieso soll ich überhaupt von Kirche reden? Adolph von Harless

In von Harless‘ „Votum“ „Etliche Gewissensfragen hinsichtlich der Lehre von Kirche, Kirchenamt und Kirchenregiment.“ aus dem Jahre 1862 sind wirklich interessante Dinge zu finden. Wir fangen mit der absoluten Grundlage an:

Wir fragen also: Wie kommt der Christ zur Frage nach der Kirche? Welches ist der Punkt, in welchem ihm die Frage nach der Kirche mit der Frage nach seinem Christenthum und seinem Christenstand als eine Gewissensfrage zusammenfällt? Oder kann ich meines Christenthums und Christenstandes gewiß sein, ohne nach dem zu fragen. was Kirche ist und Kirche heißt? Und wenn nicht, welchen Begriff von Kirche habe ich und muß ich haben, soweit diese mit der Gewissenserforschung meines eigenen Christenstandes untrennbar zusammenhängt?

Dr. von Harless fragt also, ob es einen Punkt gibt, an dem sich die Kirche aus meinem eigenen (Zu)Stand als Glaubender, als Christ, heraus ergeben muss, mindestens notwendigerweise vor meinem aufrichtigen Gewissen.

Wenn ich darauf zu antworten mich anschick, hebe ich als Christ, wie billig, zuerst von Christo an und sage: Ich muß vor Allem wissen, wie ich zu Christo, meinem Herrn, stehe und ob meine Beziehung zu ihm und meine Gemeinschaft mit ihm die rechte, d. h., so beschaffen ist, wie sie nach Seinem Willen bei denen bestehen soll, die Er die Seinen nennt. Vielleicht habe ich aber da nicht mit Bedacht geredet, sondern hätte sagen sollen: wie sie nach Seinem Willen bei demjenigen bestehen soll, den Er den Seinen nennt.

Der Grund aller Überlegungen ist Christus und sein Wille (gleichbedeutend natürlich mit Gott und dem seinen). Er ist das Maß, der grundlegend definierende Faktor aller Wertfragen, so auch dieser.

Warum nun kann ich bei der Frage nach meiner Beziehung zu Christus nicht bei mir und Christus stehen bleiben, sondern muß zugleich an eine gleiche Beziehung Mehrerer zu Christus denken? Hängt das von einer zufälligen Beziehung meiner zu mehreren anderen Gleichgesinnten ab? Ist die Beziehung zufällig, so ist sie auch nicht nothwendig mit dem Gedanken an Christus gesetzt. Ist sie nothwendig mit dem Gedanken an Christus gesetzt, so kann der Grund hierfür auch nur in Christo und nicht in meinen zufälligen, wirklichen oder gedachten Beziehungen zu Anderer liegen. Liegt aber der Gedanke an eine Gemeinschaft Mehrerer mit Christo mit Nothwendigkeit in dem Gedanken an Christus selbst, so muß dem eine Wirklichkeit entsprechen, welche zu ihrem Grund und Urheber eben diesen Christus selbst hat, also daß ich diesen Christus mir nicht denken und ihn nicht haben kann, ohne ihn als Haupt einer Gemeinschaft, d. h. einer Vielheit mit Christo verbundener Menschen, zu denken und zu haben, deren gleichheitliche, heilbringende Beziehung zu Ihm ein mit der Existenz Christi selbst gesetztes, von ihm ausgehendes Werk ist.

Puhh! Kurz gesagt: wenn es etwas in dieser Frage wirklich gibt, muss es seinen Ursprung in Christo haben. Und weil ich nicht der einzige bin, der ihm glaubt von ihm erlöst zu sein, gibt es notwendigerweise eine Gemeinschaft derer, die diesen Glauben haben. Doch der Grund dieser Gemeinschaft ist der Fakt der Heilstat Christi und des gottgewirkten Glaubens an ihn. Nichts anderes ist der Existenzgrund dieser Gemeinschaft, nähmlich:

Das ist Christus als Haupt jener Gemeinde, welche sein Leib ist. Zu diesem Haupte hat er sich selbst durch sein Erlösungswerk gesetzt und seinen Leib durch dieses sein erlösungskräftiges Wirken gezeugt. Ohne diesen Leib kann er, das Haupt, nicht gedacht werden. Wer sich in ihm, dem Haupte, findet, findet sich zugleich in dessen Leibe. Die gliedliche Gemeinschaft mit diesem Leibe ist nicht erst Sache unseres Thuns und Bewerkstelligens. Wer mit Christo wahrhaft eins geworden ist, findet sich von selbst in der gliedlichen Gemeinschaft seines Leibes.

Das Kirche-Sein ist also automatisch durch den Glauben bedingt – sobald ich ihm und seinem Erlösungswerk, seinen Versprechen glaube, bin ich unvermeidlicherweise auch Teil der Gemeinschaft, deren gemeinschaftsstiftendes Prinzip eben dieser Glaube und damit auch die Erlösung ist. Aber wie weiß ich, ob ich tatsächlich Teil dieses Leibs bin?

Um zu wissen, ob ich Christi Glied sei, habe ich bloß zu fragen, ob ich mich an sein Gnadenwort in lebendigem Glauben halte. Wo solche sind, welche dies thun, da und sonst nirgends ist der Leib Christi, sind lebendige und wahrhaftige Glieder dieses Leibes. Nenne ich nun diesen Leib Kirche und frage nach nichts, als nach seiner Existenz und dem göttlichen Grunde, sowie der gottgewirkten Bedingung seines Daseins, so habe ich mich nach dem Gesagten wohl davor zu hüten, irgendetwas Anderes zu nennen und zu suchen, als Christum in seinem Wort, welcher der Grund des Daseins dieses Leibes ist, und den lebendigen Glauben, welcher die Wirkung des Wortes ist und die Wirklichkeit des Bestandes des Leibes Christi bildet.

Hier noch: „lebendig“ wohl besser auszudrücken mit dem Wort „verzweifelt“, sonst denkt man an Qualitäten. Verzweifelter Glaube braucht im tiefsten Kern nicht mehr, als die gute Botschaft, dass er durch Christi, den wahren Mensch und wahren Gott und durch sein Leiden und Sterben errettet ist und nicht verdientermaßen verworfen wird sondern ewiges Leben mit ihm haben wird.

Aber von dieser Existenz der Kirche, von dem göttlichen Grunde und der gottgewirkten Form dieser ihrer Existenz habe ich wohl die Aufgabe zu unterscheiden, welche der Herr dieser Seiner auf Erden gegründeten Gemeinde für dieses Erdenleben zuweist. [Hier] kann ich nicht dabei stehen bleiben, zu sagen, sie vollziehe diese Aufgabe durch den Glauben an das Wort ihres Herrn, sondern ich muß eine Reihe von Tätigkeiten benennen, zu welchen diese Gemeinschaft zwar nicht ohne ihren Glauben, sondern nur durch ihren Glauben kommt, welche aber als Thätigkeiten samt und sonders vom inwendigen Herzensglauben sich dadurch unterscheiden, daß sie nach Außen sich bezeugen, […] um mittelst ihres Dienstes bei diesem göttlichen Grunde diejenigen zu erhalten, welche schon auf ihm stehen, oder um zu ihm solche hinzuführen, welche demselben noch ferne sind.

Was die Kirche also ist haben wir von dem, wie sie sich zu erkennen gibt zu unterscheiden, welche äußere Form sie nimmt. Diese können sehr wohl gut und wichtig sein, hier geht es um das essenziell Grundlegende. Ihre Aufgabe ist es in sienem Ausdruck die Glieder zu erhalten und die zu rufen, die ihr noch ferne sind. Wie genau aber?

Denn die Kirche als die Gemeinschaft der Ordnungen, in welchen sie ihre Erdenaufgabe lösen will, ist durch Nichts legitimiert, als durch die Aufrechterhaltung der Herrschaft Christi zum Heile der Seelen in der Darbietung von reinem Wort und reinem Sakrament; und alle Legitimation von Amt und [Kirchen]Regiment hängt nicht von einem [diesen inhärentem] göttlichen Recht, sondern davon ab, ob es sich als berechtigt durch Übereinstimmung seines Tuns mit dem Willen Christi in seinem Wort erweise. […] Und wenn die Kirche Amt und Regiment hat, so dient dieses zur Erhaltung einer Versammlung von Gläubigen nur so weit und hat nur so weit Werth und Geltung für den w e s e n t l i c h e n Zweck christlicher Gemeindeordnung, als es dafür sorgt und dafür tätig ist, „das Evangelium rein gepredigt“ und die „heilige[n] Sakrament laut des Evangelii gereicht werden.“

Die äußere Form der Kirche ist nur insofern – wieder im notwendigen Mindestmaß gedacht – mit dem Leib Christi übereinstimmend, wie sie mit dem durch die Schrift offenbarten Willen des Herrn der Welt und der Kirche übereinstimmt. Dies gilt für die verfasste Kirche eben nicht in der Art oder der Tatsache ihrer Verfasstheit sondern in ihrer Handlung: verkündet sie und glaubt sie das „reine Wort und Evangelium“ und spendet und verwaltet sie die Sakramente gemäß dieses Wortes? Das erste richtet sich an Glieder und Nichtglieder des Leibes, zweiteres ist nur für die Glieder bestimmt.

Um diese Ausführungen abschließend noch einmal zu kontrastieren sei die katholische Kirche erwähnt, die die Kirche als Institution durch Christus etabliert sieht und eben nicht dynamisch durch die LEHRE Christi und seiner Apostel. Ein solches Ausgehen von der Verfasstheit, der äußeren Form liegt aber auch da zugrunde, wo in „evangelischen“ Kirchen sich widersprechende Lehren öffentlich (der private, seelsorgerliche Fall sei hier einmal ausgeklammert) nebeneinander geduldet werden, weil wir ja „Teil einer Kirche“ sind. De Facto ist man das aber dann eben schon NICHT MEHR, man will nur nicht entsprechende Konsequenzen ziehen.

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