Der Wille zur Macht – oder eher demütige Geschaffenheit?

Hiervon ist unsere Lehre, Glaube und Bekenntnis, daß des Menschen Verstand und Vernunft in geistlichen Sachen blind, nichts verstehe aus seinen eigenen Kräften, wie geschrieben steht: „Der natürliche Mensch vernimmt nichts vom Geist Gottes; es ist ihm eine Torheit und .kann es nicht begreifen, wenn er wird von geistlichen Sachen gefragt“, 1 Kor. 2

 

So schreibt die Zusammenfassung der Konkordienformel über den Freien Willen des Menschen und hiermit begeben wir uns einmal auf den Weg über die Frage nach der Unfreiheit des Willens.

Hochinteressant schonmal die erste Grundlage, die die Epitome eher nebenbei legt: „Nachdem des Menschen Wille in vier ungleichen Ständen gefunden, nämlich 1. vor dem Fall, 2. nach dem Fall, 3. nach der Wiedergeburt, 4. nach der Auferstehung des Fleisches“. Das heißt:

1) Der Wille der nach Gottes Wille vollkommenen Menschheit der Schöpfung (Adam und Eva)

2) Der Wille der gesamten Menschheit seither, also unser Wille und dessen Freiheit

3) Der Wille nach der Wiedergeburt, also der Wille des Menschen, der zugleich Sünder und Gerecht ist und

4) Der Wille nach der Auferstehung, der wieder die Perfektion der ursprünglichen Schöpfung oder wohl eine ganz anders geartete Perfektion innehaben wird

Nur nebenbei: immer wieder wird klar, dass die Punkte, die wir versucht sind, im Gespräch mit unserer heutigen Zeit gern aus dem Glauben herauszulösen (Adam und Eva, z.B.) nicht wie Zuckerguss unter grundsätzlicher Unversehrtheit des Kuchens abgebrochen werden können, sondern sich als tragende Wände erweisen. Aber wenden wir uns dem Willen 2) und 3) zu, wie es auch die Konkordienformel hier tut:

Zusammenfassend kann man von Wille 2 sagen: er ist blind und hat keine Kraft, um Geistliches, also Göttliches, zu erkennen. Nicht nur blind ist er, sondern tot. Er kann sich nicht selbst zur geistlichen Erkenntnis auferwecken. Und nicht nur das, er – und das heißt wir, sowohl vor der Wiedergeburt als auch in unserer bis zum Tod weiterkämpfenden sündigen Natur – ist ein Feind Gottes. Wir können das Gute nicht nur nicht erkennen; bewusst oder unbewusst widerstrebt es uns, wir hassen es.

Dies bezieht sich jedoch nur auf die geistlichen Sachen, denn der Verstand des Menschen kann in den allgemeinen Dingen des Lebens Zusammenhänge erkennen, vermeintlich Gutes sehen und tun. Das erleben wir, wenn wir die – trotz aller Probleme – wunderbar funktionierende Welt des modernen Menschen betrachten. Allerdings ist unsere Sicht in diesen Dingen immer von der sündigen Natur begrenzt. Das lässt sich ganz einfach zeigen, indem nämlich die Frage gestellt wird: Ist, was ich tue, wirklich gut? Mit meiner Spende an eine Hilfsorganisation in einem armen Land: ist, was sie dort tun, wirklich gut? Für diese Generation (materialistisch, philosophisch, theologisch?). Und was ist mit der nächsten? Stillen Brunnen den Durst nur, um den Grundwasserspiegel zu senken und den Kindeskindern die Ernten zu nehmen? Zementieren Hilfsstrukturen nicht die Abhängigkeiten des Landes von der westlichen Welt? Oder Unterdrückungssysteme verschiedener Stämme und Kasten? Sollten wir diese nicht zerschlagen helfen? Mit Gewalt? Und wen setzen wir ein, wenn wir sie zerschlagen haben? Und wenn wir nichts tun, ist das dann besser? Müsste ich nicht selbst in das Land reisen, um wirklich Hilfe bringen zu können? Aber würde ich helfen oder unwissentlich zerstören? Aber wir brauchen gar nicht so weit schauen: Betrachten wirdie gesellschaftlich-politischen Umstände von Entscheidungsfindungen in unserem Land, so können wir genauso sehen: Es gibt meist nicht eine richtige Antwort. Meist ist etwas auf der einen Seite gut, aber auf der anderen nicht. Wird es diesem helfen und jenem schaden. Hat man am Ende Jene übersehen. So gut es geht bedeutet eben nicht, dass alles gut ist, gut gemeint und gut gemacht heißt noch nicht: letztlich gut.

Obwohl Wille 2 also in Dingen, die nicht das Geistliche betreffen, nicht blind ist, so ist er doch nicht frei, sondern gebunden an die komplexen Zuammenhänge. Da er nicht gänzlich frei ist, ist er letztlich unfrei.  Wir erkennen hier ein bestimmtes Problem, und zwar das von multiplen bzw. eines fehlenden ethischen Paradigmas und unserer (zeitlich und kapazitär) beschränkten ethischen Verarbeitungsfähigkeit. Dem entgegen behauptet das Christentum, dass „Gut“ nur von einem einzigen Indikator bestimmt werden kann: dem Willen Gottes als dem „unbewegten Beweger“, dem Ursprung allen Seins, nicht aber von unserem bewegten, hin- und hergeworfenen Willen.

Aber kommen wir zu Wille 3: In diesen Stand kommen wir schon mal gar nicht durch unseren Willen. Die FC schreibt:

Die Bekehrung aber wirkt Gott der Heilige Geist nicht ohne Mittel, sondern gebraucht dazu die Predigt und das Gehör Gottes Worts, wie geschrieben steht: „Das Evangelium ist eine Kraft Gottes, selig zu machen“, Röm. 1;  auch: „Der Glaube kommt aus dem Gehör Gottes Worts“, Röm. 10. Und ist Gottes Wille, daß man sein Wort hören und nicht die Ohren verstopfen solle, Ps. 95. Bei solchem Wort ist der Heilige Geist gegenwärtig und tut auf die Herzen, daß sie […] daraus merken und also bekehrt werden allein durch die Gnade und Kraft des Heiligen Geistes, dessen Werk allein ist die Bekehrung des Menschen. Denn ohne seine Gnade ist unser Wollen und Laufen, unser Pflanzen, Säen und Begießen alles nichts, Röm. 9; 1 Kor. 3, wenn er nicht das Gedeihen dazu verleiht, wie Christus sagt: „ohne mich vermögt ihr nichts.“ Mit welchen kurzen Worten er dem freien Willen seine Kräfte abspricht und alles der Gnade Gottes zuschreibt, damit sich nicht jemand vor Gott rühmen möchte, 1 Kor. 9, 16!

Der Wille 3 also ist nicht frei, sondern an Gott gebunden. Als Gerechter vollzieht er nach, was Gott tut. Als Sünder ist er der, der selber pflanzen, säen, gießen will. Genau aus diesem Grund gibt es keinen Freien Willen der menschlichen Geschöpfe beim Glauben. Wir sind angewiesen auf die Mittel, die Gott benutzt, um sich uns zuzuwenden. Darauf weißt dieser Abschnitt noch einmal hin: Die Gnade des Glaubens kommt aus dem Hören des Wortes.Das ist auch eine Absage an die Idee, Gott werde sich schon überall finden lassen, wie sie oft aus CA V geschlussfolgert wird. Im Anschluss an die dortigen Formulierungen kann man oft den Satz lesen, „der Geist wehe, wo und wann er will“. Das bedeute, er tauche dort auf, wo man ihn nicht vermute, sei nirgendwo greifbar, und so weiter. CA V schreibt aber eigentlich: „[Der Heilige Geist wirkt] den Glauben, wo und wann er will, in denen, so das Evangelium hören […]“. Das Evangelium, bzw. das Hören des Evangeliums also ist der Ort, wo der Heilige Geist den Glauben wirkt. Es gibt in Glaubensdingen keinen Freien Willen, auch nicht meinen freien Willen, zu entscheiden, wodurch ich zum Glauben kommen möchte. Gott hat sich selbst gebunden, damit wir, wenn wir ihn von ganzem Herzen suchen, ihn auch finden werden.

 

 

One thought on “Der Wille zur Macht – oder eher demütige Geschaffenheit?

  1. Reno Vatio

    Ein freier Wille ist selbst nach philosophischen Gesichtspunkten ein Widerspruch im Beiwort, sofern man unter der Freiheit libertäre Freiheit versteht.

    Nichts ist einfacher zu sehen als die Unfreiheit, in der wir alle stecken. Nichtchristen können diese Unfreiheit oft leichter sehen als Christen, da ihnen nicht schon von Jugend auf die Falschaussage: „Gott hat uns einen freien Willen geschenkt“ in die Ohren geblasen wird.

    Der Unterschied zwischen theologischer und philosophischer Unfreiheit des Willens ist bekannt. Aber worüber Luther in seiner wichtigsten Schrift nicht reden wollte, darüber haben andere genug gesagt, um zu zeigen, dass es mit der Willensfreiheit bei weitem nicht so weit her ist, wie Hinz und Kunz meinen. Ich erwähne hier nur Schopenhauers Preisschrift darüber.

    Aber die eigentliche Unfreiheit liegt mit Sicherheit in der Gebundenheit des Menschen an sein gefallenes Wesen, das ihn von Jugend auf nach Dingen trachten lässt, die in den Tod führen. Da kommt Gott uns in Jesus Christus entgegen und befreit den Willen, um ihn an sich zu binden. Es findet ein „Herrschaftswechsel“ statt durch einen „fröhlichen Tausch“: Meine Schuld und Sünde nimmt Jesus Christus auf sich und gibt mir dafür ewiges Leben; eigener Ungehorsam kann die Tatsache nicht ändern, dass der Christ nun einen Herrn hat, dem er Gehorsam schuldet (und oft leider schuldig bleibt).

    Und wenn der Spiritus Sanctus, qui fidem efficit, ubi et quando visum est Deo diesen Glauben durch die Verkündigung weckt, so liegt in der Unverfügbarkeit des Glaubens ein unergründliches Geheimnis, das von der Rätselhaftigkeit begleitet wird, dass sich so vielen Menschen in unserer Zeit dieses Geheimnis nicht erschließt.

    In Glaubensdingen kann es freilich keinen freien Willen geben, ist doch der Glaube etwas, das sich im Menschen plötzlich findet – oder eben nicht. Man kann zwar zum Glauben auffordern, und das tun die Apostel ja auch. Aber man kann auf dieser Aufforderung nicht bestehen, eben weil der Glaube unverfügbar ist. Und auch das zeigen die Apostel, indem sie warnen, den Ungläubigen allzu lange hinterherzulaufen, um sie zum Umdenken (Metanoia) zu bewegen.

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