Das Alte Testament bei Luther und die Moral bei uns

[D]as Alte Testament [ist] das Zeugnis von dem transmoralischen Gott. [Es] gehört beides in Luthers Verständnis zusammen, die unnachgiebige Einschärfung des göttlichen Gesetzes, nämlich Gott zu fürchten und zu lieben, und die transmoralische Wirklichkeit dieses Gottes. Infolgedessen ist das Alte Testament einem in den Bahnen Kants wandelnden, primär moralisch verstandenen Neuprotestantismus fremd geblieben, was dessen gebrochenes Verhältnis zum Ganzen der Schrift ausmacht.

Ulrich Asendorf, Luther neu gelesen, 2005, 16.

Die Beobachtung Asendorfs zu Luthers Verständnis des Alten Testaments verweist auf einen größeren Zusammenhang: Kirche und Moral. Die These Asendorfs lautet ja, wenn man sie vom konkreten Gegenstand weg hin verallgemeinert: Der Neuprotestantismus kann nur die Aspekte des Christentums verstehen, die sich in moralischen Kategorien fassen lassen. Somit stellt sich die Frage: Geht es in der Kirche um Moral? Erstaunlicherweise beantworten diese Frage nicht nur Neuprotestanten positiv, sondern auch ihre vermeintlichen Gegner. Denn wendet man die Frage hin zu: Geht es in der Kirche um Werte? Dann stimmen dem „Konservative“, „Fromme“, „Pietisten“, „Evangelikale“ ebenso zu wie „Grüne“, „Linke“, „Neuprotestanten“, … .

„Religiöse Wertvermittlung“, das macht so einige Arbeitsbereiche der evangelischen Landeskirchen aus. Ja, oft genug wird die Notwendigkeit christlichen Religionsunterrichts aus einer bestimmten Interpretation des „Böckenförde-Diktums“ abgeleitet, wonach der Staat auf Werten beruhe, die er selbst nicht schaffen könne, (und diese deshalb von der Kirche erhalten müsse). Was man tun soll, lautet die Frage, die gestellt wird. Dabei ist egal, dass die angedeuteten Gruppen die Frage jeweils anders beantworten. Sie stellen sie. Und sie machen sie zum Dreh- und Angelpunkt kirchlicher Existenz. Den einen wird das Bekenntnis verleugnet, wenn sich Homosexuelle in der Kirche befinden, für die anderen versagt Kirche da, wo sie nicht fair gehandelte Lebensmittel auf den Tisch bringt. Zweifellose sind manche dieser Anliegen grundsätzlich nicht falsch. Aber dass sie den christlichen Glauben ausmachen, das muss bei ihnen allen bestritten werden. Denn die Frage lautet eben nicht, „was soll ich tun?“! Ziel des Glaubens ist nicht die moralische Vervollkommnung der einzelnen Person (das Unterscheidet die lutherische Kirche zum Beispiel vom Freimaurertum). Die Bekenntnisschriften formulieren hinsichtlich der Idee der sittlich-moralischen Vervollkommnung lapidar: „Wo aber das Gesetz solch sein Amt allein treibt ohne Zutun des Evangelii, da ist der Tod und die Hölle, und muss der Mensch verzweifeln […].“

Die Frage, wie ein gutes Leben im Hier und Jetzt geschieht, ist nicht das, was biblisch gesehen das erste Interesse der Verkündigung von Jesus oder Paulus ist. Das gute, sinnerfüllte, richtige Leben im Hier und Jetzt – es wird als Folge dargestellt: „Auf solchen Glauben, Verneuerung und Vergebung der Sünden folgen dann gute Werke. Und was an [denselben] auch noch sündlich oder Mangel ist, soll nicht für Sünde oder Mangel gerechnet werden eben um desselben Christi willen, sondern der Mensch soll ganz, beide nach der Person und seinen Werken, gerecht und heilig heissen und seinen Werken, gerecht und heilig heissen und sein aus lauter Gnade und Barmherzigkeit in Christo, über uns ausgeschüttet und ausgebreitet.“ (SmA, 3. Teil, III, Von der Buße & XIII, Wie man vor Gott gerecht wird, und von guten Werken.)

Somit wird natürlich nicht vergessen, dass gute Werke als solche unbedingt eine Rolle spielen, denn „wo gute Werke nicht folgen, so ist der Glaube falsch und nicht recht.“ (ebenda) Aber Ihre Rolle ist eine nachgeordnete. Zunächst geht es darum, wie es oben heißt, einen Gott zu lieben, der den moralisch-sittsamen Vorstellungen nicht entspricht. Der aus ethischer Perspektive gar nicht als vollkommen beschrieben wird. Der unnachvollziehbar bleibt. Dessen Handeln nicht einleuchten will. Weder aus moralischen, noch aus vernünftigen Gründen verstanden werden kann. Ärgernis und Torheit ist dieser Gott. Weder der Klugheit, noch der moralischen Vollkommeneit erschließt sich die Bedeutung des Todes Christi am Kreuz. Warum musste er sterben? Sollte Gott dieses Opfer gebraucht haben? Nein, er muss wohl entweder durch seine moralische Vollkommenheit verärgert haben, oder als Aufrührer missverstanden worden sein. Sein Tod muss ein Justizirrtum, ein furchtbares Missgeschick gewesen sein, mehr aber auch nicht. Was bleibt ist, wie er lebte, und das soll uns Vorbild sein: Was soll ich tun, um diesem Leben zu entsprechen?

Doch die Frage, was soll ich tun, ist falsch gestellt, wenn wir sie uns vorhalten. Denn Christus fragt uns: „Was willst du, dass ich für dich tun soll?“ (Luk 18, 41) Unsere Antwort darauf lautet: „Herr, dass ich sehen kann.“ Denn wenn wir ihn im Glauben erkennen, wenn er sich von uns erkennen lässt, dann ist das das, woraus alles folgen kann. Ohne das aber bleibt alles das ewige Bemühen um eine sittliche Vollkommenheit, wie auch immer sie sich für uns ausdrückt.

Die Aufgabe der Kirche dabei ist, dass sie uns Christus vor Augen malt, auf dass er sich von uns erkennen lasse: „Derselben christlichen Kirche bin ich auch ein Stück und Glied, aller Güter, so sie hat, teilhaftig und Mitgenoß, durch den Heiligen Geist dahin gebracht und eingeleibt dadurch, daß ich Gottes Wort gehört habe und noch höre, welches ist der Anfang hineinzukommen. Denn vorhin, ehe wir dazu“ [zur christlichen Kirche] [„ge]kommen sind, sind wir gar des Teufels gewesen, als die von Gott und Christo nichts gewußt haben. So bleibt der Heilige Geist bei der heiligen Gemeinde der Christenheit bis auf den Jüngsten Tag, wodurch er uns [holt], und dazu muss sie das Wort führen und treiben, wodurch er die Heiligung macht und mehrt, daß wir täglich zunehmen und stark werden im Glauben und seinen Früchten, so er schaffet“ (Kleiner Katechismus, Über den Glauben, 3. Artikel)

Die Konkordienformel kommentiert die Worte des Katechismus schließlich: „In diesen Worten gedenkt der Katechismus unsers freien Willens oder Zutuns mit keinem Wort, sondern gibt’s alles dem Heiligen Geist, daß er durchs Predigtamt uns in die Christenheit bringe, darinnen heilige und verschaffe, da wir täglich zunehmen im Glauben und guten Werken.“ (Solida Declaratio II)

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