Mit Popcorn in der Vorlesung bei Philippi. Heute: Äußeres Wort und innere Vernunft

In den Kontext unserer Überlegungen der letzten beiden Wochen (hier und hier), vor allem zur geistlichen Fähigkeit menschlicher Vernunft, gehört die Frage nach der äußeren Offenbarung. Das meint, dass Offenbarung nach lutherischer Überzeugung nichts ist, was sich im (Gefühl des) Einzelnen ereignet, sondern etwas ist, was von außen – in der Offenbarung der Schrift – an den Menschen herantritt. Warum ist dem so? Die Konkordienformel antwortet darauf: Weil der Mensch das gar nicht wollen kann!

Erstens, weil die menschliche Kraft nicht in Lage ist, Gott zu vernehmen:

1. Hiervon ist unsere Lehre, Glaube und Bekenntnis, daß des Menschen Verstand und Vernunft in geistlichen Sachen blind, nichts verstehe aus seinen eigenen Kräften, wie geschrieben steht: „Der natürliche Mensch vernimmt nichts vom Geist Gottes; es ist ihm eine Torheit und .kann es nicht begreifen, wenn er wird von geistlichen Sachen gefragt“, 1 Kor. 2!

Zweitens ist die menschliche Kraft nicht nur nicht in der Lage, Gott zu erfühlen, sie fühlt und erkennt und will geradezu das Gegenteil des wahren Gottes:

2. Desgleichen glauben, lehren und bekennen wir, daß des Menschen unwiedergeborner Wille nicht allein von Gott abgewendet, sondern auch ein Feind Gottes worden [geworden ist], daß er nur Lust und Willen hat zum Bösen und was Gott zuwider ist, wie geschrieben steht: „Das Dichten des Menschenherzens ist böse von Jugend auf“, Gen. 8; item: „Fleischlich gesinnet sein ist eine Feindschaft wider Gott, sintemal es dem Gesetz nicht untertan ist, denn es vermag es auch nicht“, Röm. 8. Ja, sowenig ein toter Leib sich selbst lebendig machen kann zum leiblichen, irdischen Leben, so wenig mag [kann] der Mensch, so durch die Sünde geistlich tot ist, sich selbst zum geistlichen Leben aufrichten; wie geschrieben steht: „Da wir tot waren in Sünden, hat er uns samt Christo lebendig gemacht“, Eph. 2. Darum wir auch: „aus uns selbst, als aus uns, nicht tüchtig sind, etwas Gutes zu gedenken, sondern das wir tüchtig sind, das ist von Gott“, 2 Kor. 3!

Deshalb ist drittens die Bekehrung des Menschen nichts, was dieser aktiv tut („ich bekehre mich“), sondern etwas, was Gott an ihm (oder ihr) bewirkt. Dazu aber gebraucht Gott sein Wort der Schrift:

3. Die Bekehrung aber wirkt Gott der Heilige Geist nicht ohne Mittel, sondern gebraucht dazu die Predigt und das Gehör Gottes Worts, wie geschrieben steht: „Das Evangelium ist eine Kraft Gottes, selig zu machen“, Röm. 1; item: „Der Glaube kommt aus dem Gehör Gottes Worts“, Röm. 10. Und ist Gottes Wille, daß man sein Wort hören und nicht die Ohren verstopfen solle, Ps. 95. Bei solchem Wort ist der Heilige Geist gegenwärtig und tut auf die Herzen, daß sie, wie die Lydia in der Apostelgeschichte am 16. Kapitel, daraus merken und also bekehrt werden allein durch die Gnade und Kraft des Heiligen Geistes, dessen Werk allein ist die Bekehrung des Menschen. Denn ohne seine Gnade ist unser Wollen und Laufen, unser Pflanzen, Säen und Begießen alles nichts, Röm. 9; 1 Kor. 3, wenn er nicht das Gedeihen dazu verleiht, wie Christus sagt: „ohne mich vermögt ihr nichts.“ Mit welchen kurzen Worten er dem freien Willen seine Kräfte abspricht und alles der Gnade Gottes zuschreibt, damit sich nicht jemand vor Gott rühmen möchte, 1 Kor. 9, 16!

Im diesem Zusammenhang ist uns ein Abschnitt aus Friedrich Adolph Philippis Glaubenslehre in die Hände gefallen, der sich ebenfalls mit der Frage nach der äußeren Offenbarung beschäftigt. Aber lest selbst:

In welcher Form hat Gott seine Offenbarung als festen und sicheren Leitstern seiner Kirche erhalten? Dies ist nachweisbar nicht geschehen durch fortgehendes Wunder, etwa durch ununterbrochene Engelsverkündigung oder stetige Inspiration; vielmehr hat der Herr, dem Nichts zu klein, weil ihm nichts zu groß ist, der stets den höchsten Zweck durch das unscheinbarste Mittel erreicht, die einfachste Form der schriftlichen Fixierung seiner Offenbarung gewählt. Denn auch auf diesem menschlich-geschichtlichem Wege konnte sie treu bewahrt und unverfälscht erhalten werden. In diesem Sinne kann und muß gesagt werden, Gottes Wort sei enthalten in Heiliger Schrift, wenn damit nicht die innige Zusammengehörigkeit und organische Verbindung, sondern eine Trennung von Form und Inhalt herbeigeführt werden will. Dem Satz „Gottes Wort ist in der Heiligen Schrift enthalten“ ist der Satz an die Seite zu stellen: „Die Heilige Schrift ist Gottes Wort“.

Fragen wir nun, woher wir denn die Gewissheit erlangen, dass die Heilige Schrift die treue Überlieferin der ursprünglichen, reinen Gottesoffenbarung, und als solche die Richtschnur oder Norm der christlichen Wahrheitserkenntnis sei, so pflegt man sich wohl auf ihre heilskräftige Wirkung oder auf das Zeugnis des Heiligen Geistes zu berufen.

Gewiss ist der Geist Gottes das untrüglich bestätigende und unverbrüchliche Siegel der Wahrheit des Wortes Gottes. Das vom Geiste versiegelte Wort hat aber keinen andern Inhalt als Christus, den für uns Gekreuzigten, den Versöhnungstod des Sohnes Gottes. Nur diesem Zeugnis erteilt der Geist sein Siegel, jedem andere verweigert er es. Nur der Glaube an das vollgültige Opfer, das der am Kreuz in Niedrigkeit für unsere Sünden gebracht hat, der unser Herr und unser Gott ist, versetzt uns aufs Neue in tatsächliche Gemeinschaft mit Gott, bringt den Geist der Kindschaft und die Gewissheit des Erbes und füllt uns mit den Kräften des ewigen Lebens. Darum hat auch nur die Kirche, welche die vor Gott geltende Gerechtigkeit und das Leben finden lehrt allein im Glauben an das Blut der Versöhnung, sich auf das Zeugnis des heiligen Geistes für das Wort Gottes und die unbedingte und ausschließliche Autorität dieses im Geiste untrüglich versiegelten Wortes berufen. Diese beiden so eng wie Inhalt und Form zusammenhängenden Sätze sind die beiden Säulen, auf denen sie ihren gesamten Glaubensbau errichtet hat.

Wenn demnach Strauß die Lehre von dem inneren Zeugnis des Heiligen Geistes für das Wort Gottes die Achillesferse des protestantischen Systems nennt, so ist das eben so, als wenn der Blinde dem Sehenden einen Zirkelschluss vorwirft, weil dieser behauptet, die Sonne leuchte, da er ja ihr Licht sehe. Mit welchem Recht soll nur der Inhalt der Vernunft und nicht der Inhalt des Geisteszeugnisses unmittelbare und unumstößliche Gewissheit für sich in Anspruch nehmen dürfen? Bedarf es eines neuen, höheren Zeugnisses für das Geisteszeugnis und keines neuen, höheren Zeugnisses für die Aussagen menschlicher Vernunft? Dass das Geisteszeugnis für das Wort wirklich Einwirkung des Heiligen Geistes und nicht natürliche Empfindung oder sonstiges Produkt des natürlichen Menschengeistes sei, ist schon dadurch erwiesen, dass es gegen alle natürliche Empfindung des menschlichen Herzens angeht, während die religiös-ethischen Aussagen der natürlichen Menschenvernunft mit der Lust und Neigung dieses Herzens, sei es Lust der Sinne oder Neigung des Hochmuts, im geheimen oder offenen Bunde stehen. Dadurch unterscheidet sich auch die Versiegelung des Wortes durch den Geist von den Offenbarungen des inneren Lichtes des falschen Mystizismus. Hier schafft der Geist das Wort, dort bringt das Wort den Geist, hier geht die Offenbarung von innen nach außen, dort geht sie von außen nach innen, und kann darum nicht Produkt des eigenen Inneren sein. Und dem entsprechend ist der Christus in uns statt des Christus für uns Inhalt des inneren Wortes, das ist: ein Christus aus uns selber. Aber der Christus für uns, der Inhalt des Wortes außerhalb uns, ist der Christus, den Gott uns selber bereitet hat.

Philippi, Glaubenslehre, 94ff. Wir haben den Abschnitt sprachlich leicht angepasst und etwas verkürzt.

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