Revisited: Der außergewöhnliche Fall der Schafe und Böcke – Gottesdienstnachlese, Bibelauslegung und Sherlock Holmes

Wenn aber der Menschensohn kommen wird in seiner Herrlichkeit und alle Engel mit ihm, dann wird er sich setzen auf den Thron seiner Herrlichkeit, und alle Völker werden vor ihm versammelt werden. Und er wird sie voneinander scheiden, wie ein Hirt die Schafe von den Böcken scheidet, und wird die Schafe zu seiner Rechten stellen und die Böcke zur Linken.

Da wird dann der König sagen zu denen zu seiner Rechten: Kommt her, ihr Gesegneten meines Vaters, ererbt das Reich, das euch bereitet ist von Anbeginn der Welt! Denn ich bin hungrig gewesen und ihr habt mir zu essen gegeben. Ich bin durstig gewesen und ihr habt mir zu trinken gegeben. Ich bin ein Fremder gewesen und ihr habt mich aufgenommen. Ich bin nackt gewesen und ihr habt mich gekleidet. Ich bin krank gewesen und ihr habt mich besucht. Ich bin im Gefängnis gewesen und ihr seid zu mir gekommen. Dann werden ihm die Gerechten antworten und sagen: Herr, wann haben wir dich hungrig gesehen und haben dir zu essen gegeben? Oder durstig und haben dir zu trinken gegeben? Wann haben wir dich als Fremden gesehen und haben dich aufgenommen? Oder nackt und haben dich gekleidet? Wann haben wir dich krank oder im Gefängnis gesehen und sind zu dir gekommen? Und der König wird antworten und zu ihnen sagen: Wahrlich, ich sage euch: Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan. Dann wird er auch sagen zu denen zur Linken: Geht weg von mir, ihr Verfluchten, in das ewige Feuer, das bereitet ist dem Teufel und seinen Engeln! Denn ich bin hungrig gewesen und ihr habt mir nicht zu essen gegeben. Ich bin durstig gewesen und ihr habt mir nicht zu trinken gegeben. Ich bin ein Fremder gewesen und ihr habt mich nicht aufgenommen. Ich bin nackt gewesen und ihr habt mich nicht gekleidet. Ich bin krank und im Gefängnis gewesen und ihr habt mich nicht besucht. Dann werden auch sie antworten und sagen: Herr, wann haben wir dich hungrig oder durstig gesehen oder als Fremden oder nackt oder krank oder im Gefängnis und haben dir nicht gedient? Dann wird er ihnen antworten und sagen: Wahrlich, ich sage euch: Was ihr nicht getan habt einem von diesen Geringsten, das habt ihr mir auch nicht getan. Und sie werden hingehen: diese zur ewigen Strafe, aber die Gerechten in das ewige Leben.

Matthäus 25, 31-46

Es ist Endzeit – im Kirchenjahr – und das bedeutet ernste Themen und schwierige Stellen. Die Lesung dieser Stelle im gestrigen Gottedienst erinnerte mich an den Beitrag, den wir dazu schon verfasst hatten. Da er nun schon drei Jahre alt ist kommt er hier in leicht überarbeiteter Form noch einmal – denn auch die Bibelstelle ist noch immer so komplex wie damals.

Wie auch in dem von mir besuchten Gottesdienst am vorvorletzten Sonntag richtig gesagt: eine schwierige Stelle. Denn auf den ersten und auch zweiten Blick wird hier die Teilung der Menschheit in Gerechte und Ungerechte an ihrem Handeln am Nächsten festgemacht. Wie kann man nun mit ihr umgehen, wenn man auf der einen Seite die Rechtfertigung allein aus Glauben als wahr und schriftgemäß festhalten, auf der anderen Seite diese offenbar unpassende Stelle aber nicht einfach verwerfen will?

Erkenntnistheoretische Vorbemerkung: Was ist die Schrift?

Hier zuerst eine weitere Anmerkung zu den Lutherischen Prinzipien der Schriftauslegung. Sola scriptura – allein die Schrift – bezog sich zur Zeit seiner Formulierung speziell auf anders geartete Auslegungspraktiken in der damaligen Kirche. Hier ordnete sich die Schrift ein in die Gesamtheit der kirchlichen Tradition als mündliche Überlieferung, aus der die Kirche, als Deuterin, die Wahrheiten über Gottes Willen herauszog. Vollen Zugriff auf die Tradition hätten nur die Amtsträger der Kirche, insbesondere der Papst. Festgeschrieben wurde dieses System erst auf späteren Konzilen, zur damaligen Zeit war es aber schon Praxis und Lehrmeinung, was auch aus den heftigen Reaktion gegen die diesbezüglichen Lehren der Reformation hervorgeht.

Dagegen nun wurde von den Reformatoren die Schrift als einzige Regel und Norm der Festlegung und Prüfung von christlicher Lehre (lat. dogma) festgehalten. Denn sie ist die Sammlung und Kommunikation der Selbstoffenbarung Gottes in der Geschichte durch die Propheten, in seinem Sohn und durch die Apostel. Die Tradition, also die Gedanken und Entscheidungen der Kirche, sind zum Teil von großer Wichtigkeit, die Schrift, jedoch, steht über ihnen und ordnet sich nicht selbst in diese Tradition ein. Die Trinitätslehre, z.B., ist nicht wahr, weil sie von der Kirche formuliert worden ist, sondern weil sie, wenn auch nicht dogmatisch formuliert, im Neuen Testament an viele Stellen nachgewiesen werden kann.

Erkenntnistheoretische Vorbemerkung: Wie lege ich sie aus?

Doch ist sola scriptura nicht nur theoretisches Grundprinzip sondern auch eine praktische Regel der Schriftauslegung: Die Bibel erklärt sich aus sich selbst. Aussagen der Schrift müssen im Vergleich zu anderen Schriftstellen betrachtet werden; eine Stelle ist nicht aus ihrem Kontext zu reißen. Daraus leiten sich weitere Regeln der Auslegung ab. Eine davon ist, dass klare, vielerorts eindeutig nachweisbare Lehren in der Schrift jene Stellen, die nicht in diese großen Aussagen zu passen scheinen, auslegen und nicht umgekehrt. Die Rechtfertigung allein aus Glauben, dem Glauben an die sühnende Heilstat Christi am Kreuz für uns, ist ein solcher roter Faden. Und unsere Stelle eine, die ihr zu widersprechen scheint. Noch dazu aus dem Munde Jesu selbst!

Wie kommt es aber, dass ich in meiner Kirchenbank sitzen kann und ganz in dieser Stelle versinke, ja sie mir vorgibt, dass alles, was ich über Rechtfertigung weiß, glaube und bekenne falsch sei? Kann eine abweichende Stelle den Anspruch haben alle anderen eindeutigen Stellen umzudefinieren? Das entspricht jedenfalls nicht der statistischen Logik. Woran es mich jedoch erinnert ist vielmehr der klassische Detektivroman und sein alles wendender „clue“, also Hinweis.

Das Indiz darf nicht alles – egal was Holmes sagt

Sherlock Holmes deutet mittels eines oder mehrerer kleiner Hinweise eine ansonsten gar nicht zu verstehende oder eindeutig anders zu lesende Geschichte. Hier hat der Hinweis – als Bruchstück der Wahrheit in der Scharade – die Macht den unwahren Hergang aufzubrechen und zu verwerfen. Und im Falle der Aufklärung eines Verbrechens, wobei also starke Verdachtsmomente der Lüge bestehen, ist ein solches Mißtrauen gegenüber dem Offensichtlichen auch die angemessene Herangehensweise. Doch schon bei der Forschungsarbeit in den Naturwissenschaften kann nicht jeder kleine abweichende Datensatz durch seine bloße Existenz eine ganze Theorie über den Haufen werfen. Er muss geprüft, verglichen und eingeordnet werden, bevor seine wirkliche Aussagekraft bestimmt werden kann.

Und bei der Auslegung eines Textauschnitts ist immer der Gesamtzusammenhang zu beachten, in dem der Ausschnitt erscheint. Das gilt auch für ganz profane Literatur.

Eine sinnvolle und auch rational angebrachte Herangehensweise ist es also, sich bei der Auslegung vom Netz der offenbarten Wahrheiten in der Bibel tragen zu lassen und die abweichenden Stellen mit Aufmerksamkeit zu Bedenken, aber dem Holmes’schen Bedürfnis alles durch sie in Frage zu stellen, sinnvolle Zügel anzulegen indem man es an sich reflektiert und einordnet.

Und jetzt mal endlich zu den Böcken selber

Wenn wir diese Überlegungen auf unsere konkrete Stelle anwenden, werden verschiedene Aspekte deutlich:

Zunächst: Der direkte Kontext der Stelle ist im weiteren Sinne eine Reihe von Reden Christi nach seinem Einzug in Jerusalem. Die Grundstimmung ist die Vorbereitung auf seinen Tod, ja direkt nach unserer Stelle beginnt der lange Gang zum Kreuz mit der Salbung in Bethanien und der Einsetzung des Abendmahls. Im engeren Sinn redet Christus im direkten Kontext von den bald kommenden Plagen über Jerusalem (Zerstörung des Tempels etc.) und seiner eigenen Wiederkunft, dem Ende der Welt. In den zwei Gleichnissen zuvor werden die Jünger gewarnt wachsam zu sein bis der Herr wiederkommt. In diesem wird im ersten kontextuellen Sinn ein weiterer roter Faden der Schrift bekräftigt, nämlich was bei dieser Wiederkunft geschehen wird: er selbst wird die Menschheit richten und eine Rettung aus diesem Gericht ist notwendig.

Zum Zweiten: Die ganze geschilderte Szene stellt in diesem Sinne Christus in den Mittelpunkt. Das ethische Verhalten ist nicht losgelöst von ihm geschehen, sondern im Gegenteil: die Taten sind nur gut weil sie ihm getan wurden. Alle Augen blicken auf ihn, alle Fragen werden an ihn gerichtet. Er handelt, seine autoritäre Entscheidung wird ohne Widerspruch akzeptiert. Damit stellt Mt. 25 keine losgelöste humanistische Ethik in den Raum, sondern orientiert alles Handeln an der Person Jesu Christi.

Zum Dritten: Es geht nicht um eine verbissenen Überlebensdrang, der sich abkämpft Gutes zu tun um gerettet zu werden: Die Gerechten zeigen sich ja überrascht davon, dass sie gute Werke getan haben sollten. Sie scheinen Menschen zu seinen, bei denen „die Rechte nicht weiß, was die Linke tut“. Dies harmoniert auch mit der lutherischen Rechtfertigungslehre, in der eine barmherzige Haltung gegenüber anderen Menschen die Folge des gnädigen Handeln Gottes an uns ist. Gute Werke verdienen uns nichts, sie sind die natürliche Folge unserer Erlösung. Und sie sind auch nicht ein hilfloses Ausgeliefert-sein gegenüber dem Heer der Nächsten in aller Welt. Der Verstand darf, mit den 10 Geboten, die z.B. Vater und Mutter, Ehe usw. festhalten, die Verpflichtung dem Nächsten gegenüber gemäß Gottes Wort abstufen. So wie Luther einem Schuster auf die Frage, wie er nun als Christ Gott zu dienen hat, antwortete, er solle gute Schuhe machen. Wir sind dem Nächsten in unserem Stand – unserem Beruf als Vater und Mutter, Bruder und Schwester, Ehemann und Ehefrau etc. – verpflichtet.

So wird also deutlich, dass, im biblischen Zusammenhang gesehen, Mt. 25 gerade nicht dazu aufruft, sich den Himmel zu verdienen. Vielmehr ist die geschilderte Szene eine Illustration von Mt. 18, 21-35: Wer Gottes Barmherzigkeit und Gnade in der Rechtfertigung allein aus Glauben erfahren hat, der kann sich einer Barmherzigkeit gegenüber anderen Menschen nicht enthalten.

 

One thought on “Revisited: Der außergewöhnliche Fall der Schafe und Böcke – Gottesdienstnachlese, Bibelauslegung und Sherlock Holmes

  1. Exegese minimalistisch, aber gut. Vielleicht gerade deshalb so gut. Andere zerreden die Sache bis zur Unglaubwürdigkeit. Ganz zu lösen ist sie mE nicht. Der kleine Stachel bleibt halt immer, nicht wahr …

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