„Hic gaudet mors sucurrere vitae.“ Jesus Christus, der Tod und meine Stellvertretung

An manchem medizinischen Universitätsgebäude mag der Spruch „hic gaudet mors sucurrere vitae“ wohl stehen. In einem Theologie-Lehrbuch wohl (bis jetzt) nicht. Dabei kann sein Inhalt auch als Motto von Kreuzigung und Auferstehung Jesu Christi verstanden werden: „Hier steht der Tod im Dienst des Lebens“. Denn Jesu Tod ist weder Selbstzweck noch bloßer Justizskandal. Wenn man in früheren Zeiten Juden mit der Begründung verfolgt hat, sie seien am Tod Jesu schuld, dann vergaß man die Hauptsache: Dieser Tod war lebensnotwendig. So steht im Kleinen Katechismus zum zweiten Artikel des Glaubensbekenntnisses:

Ich glaube, daß Jesus Christus, wahrhaftiger Gott, vom Vater in Ewigkeit geboren, und auch wahrhaftiger Mensch, von der Jungfrau Maria geboren, sei mein Herr, der mich verlornen und verdammten Menschen erlöst hat, erworben und gewonnen von allen Sünden, vom Tod und von der Gewalt des Teufels, nicht mit Gold oder Silber, sondern mit seinem heiligen, teuren Blut und mit seinem unschuldigen Leiden und Sterben; damit ich sein eigen sei und in seinem Reich unter ihm lebe und ihm diene in ewiger Gerechtigkeit, Unschuld und Seligkeit, gleichwie er ist auferstanden vom Tode, lebet und regieret in Ewigkeit. Das ist gewißlich wahr.

Durch seinen Tod hat Jesus uns erworben und dadurch befreit aus der Gefangenschaft und Verurteilung, die über uns war, wie uns das Gesetz Tag für Tag zeigte und an uns nagte:

[D]as vornehmste Amt oder Kraft des Gesetzes ist, daß es die Erbsünde mit den Früchten und allem offenbare und dem Menschen zeige, wie gar tief seine Natur gefallen und grundlos verderbt ist, als dem das Gesetz sagen muss, daß er keinen Gott habe noch achte und bete fremde Götter an, welches er zuvor und ohne das Gesetz nicht geglaubt hätte. Damit wird er erschreckt, gedemütigt, verzagt, verzweifelt, wollte gern, daß ihm geholfen würde, und weiss nicht wo aus, fängt an, Gott feind zu werden und zu murren usw. Das heisst den Röm. 4: „Das Gesetz erreget Zorn“ und Röm. 5: „Die Sünde wird grösser durchs Gesetz.“

Schmalkaldische Artikel, Dritter Teil, II. Vom Gesetz

Was meint das? Gott hat sich „ganz und gar ausgeschüttet hat und nichts behalten“ (2. Glaubensartikel im Großer Katechismus). Wie könnte das besser verdeutlicht werden und erkennbar sein, als dadurch, dass er sich selbst für uns gibt? Er tauscht seine Freiheit und sein Leben gegen unsere Gefangenschaft in die Verstrickungen dieser Welt. Wie es weiter im Großen Katechismus heißt:

Denn da wir geschaffen waren und allerlei Gutes von Gott dem Vater empfangen hatten, kam der Teufel und brachte uns in Ungehorsam, Sünde, Tod und alles Unglück, daß wir in seinem Zorn und Ungnade lagen, zu ewigem [ewiger] Verdammnis verurteilt, wie wir verwirkt und verdient hatten. Da war kein Rat, Hilfe noch Trost, bis daß sich dieser einige und ewige Gottessohn unsers Jammers und Elends aus grundloser Güte erbarmte und vom Himmel kam, uns zu helfen.

Das Kreuz ist das greifbare und wahre Symbol dafür, dass uns Christus „vom Teufel zu Gott, vom Tode zum Leben, von [der] Sünde zur Gerechtigkeit [ge]bracht“ (ebd.) hat. Wie das? – Er hat „als Gott und Mensch dem Vater bis in Tod [Gehorsam] geleistet“ (FC III) und damit das getan, was unsere Aufgabe gewesen wäre. Für uns gilt demnach:

Demnach glauben, lehren und bekennen wir, daß unsere Gerechtigkeit vor Gott sei, daß uns Gott die Sünde vergibt aus lauter Gnade, ohne alle unsere vor[her]gehenden, gegenwärtigen oder nachfolgenden Werke, Verdienst oder Würdigkeit, schenkt und rechnet uns zu die Gerechtigkeit des Gehorsams Christi, um welcher Gerechtigkeit willen wir bei Gott zu Gnaden angenommen und für gerecht gehalten werden.

FC III

Und gerade der freiwillig erlittene Tod Jesu ist eben nicht lediglich Ungerechtigkeit oder gar ein Ausdruck der Grausamkeit Gottes. Er ist Ausdruck der Gerechtigkeit und der großen Liebe Gottes (der die Welt so sehr liebt, dass er sich selbst – in seinem Sohn – für sie gibt), die um uns wirbt und uns sagt: Dieser Tod steht im Dienste deines Lebens – deines Lebens als mein geliebtes Kind.

2 thoughts on “„Hic gaudet mors sucurrere vitae.“ Jesus Christus, der Tod und meine Stellvertretung

  1. Stefan Wehmeier

    (NHC II,3,21) Diejenigen, die sagen: „Der Herr ist zuerst gestorben und dann auferstanden“, sind im Irrtum. Denn er ist zuerst auferstanden und dann gestorben. Wenn jemand nicht zuerst die Auferstehung erwirbt, wird er sterben.

    Ein Cargo-Kult ist durch viele Verwechslungen und naive Fehlinterpretationen gekennzeichnet. Die originale Heilige Schrift des Urchristentums (Gnosis = Kenntnis) stellt richtig, dass die reale Auferstehung ein Erkenntnisprozess zur Überwindung des geistigen Todes und sicher nicht ein Herausklettern aus dem Grab zur hypothetischen Überwindung des biologischen Todes ist. Der geistige Tod ist in diesem Fall die Rückbindung auf den künstlichen Archetyp Jahwe, die darin besteht, die im Folgenden aufgeführten Metaphern auf der linken Seite mit allem anderen (vermeintlicher „Unsinn“ mit eingeschlossen) in Verbindung zu bringen, als ihren jeweils richtigen Bedeutungen auf der rechten Seite [gelöschter Link]

    • studiosus theologicus

      Da ist ja mal so viel verdreht, dass eine ernsthafte Antwort kaum nötig ist. Zunächst: Nag Hammadi als authentischer einzustufen als die Evangelien ist eine ziemliche eigenwillige Position, die wissenschaftlich unhaltbar ist. Original ist da gar nichts, sondern alles hauptsächlich ab dem 2. Jahrhundert entstandene Polemik bzw. Position gegen den Kurs der kirchlichen Mehrheit. Die im 1. Jahrhundert entstandenen biblischen Evangelien sind da durchaus authentischer – und ihre Übereinstimmungen zeigen, dass sie nicht im 3. Jahrhundert (also nach Aufkommen der gnostischen Sonderlehren) verfälscht und verändert worden sind, wie das von Ihnen suggeriert wird.
      Außerdem werden die Evangelien durch das Zeugnis der Paulusbriefe bestätigt – die lt. Exegese tatsächlich frühesten Schriften des Christentums überhaupt.
      Die Verwechslungen und Fehlinterpretationen liegen also bei Ihnen – indem sie Anhänger einer irrenden Meinung geworden sind, die später als die biblische Offenbarung entstand, aber im Gegensatz zu dieser längst schon wieder von der Welt verschwunden ist.
      Im Übrigen: Wer zuerst aufersteht und dann stirbt, was ist der? Er ist tot. Christus aber lebt, als Auferstandener. Das ist das erste christliche Bekenntnis, und es ist das christliche Bekenntnis bis heute, dass das Wunder und Geheimnis lautet: Der, der gekreuzigt wurde und gestorben war, ist auferstanden.

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