Essgewohnheiten – unsere Serie zur Abendmahlsgemeinschaft – 4) Übereinstimmungen und Trennendes beim Mahl

Wenn dieser Tage von vielen hohen Stellen der Welt ins Ohr geschrieen wird, die Reformation sei ja ganz nett gewesen, aber erst der moderne Christ habe erkannt, dass es nicht darum gehe, Konfessionsgrenzen aufzumachen, sondern in Christus die Einheit zu suchen, dann verschweigen sie, wie ernst es den Reformatoren um die Einheit war – sowohl mit den sog. „Altgläubigen“, als auch mit den „Reformierten“ (Calvinisten, Zwinglianer – im Folgenden: Reformierte).

Man muss dazu nur die Äußerungen Luthers und der anderen Reformatoren lesen, wie sie beklagen, dass eine Einheit nicht möglich ist. Warum aber war für Lutherische eine Einheit mit den Reformierten trotzdem nicht möglich? Das lag an unterschiedlichen Auffassung zu Grundstücken des Christentums, besonders aber der Lehre vom Abendmahl. Die Lutherischen hielten an der Lehre der alten Kirche fest, dass die Abendmahlselemente (Brot und Wein) tatsächlich Leib und Blut Christi sind – so wie es Christus sagt („das ist mein Leib“). Die Reformierten lehnten diese Lehre als schon immer falsch gewesene ab und laßen in den Einsetzungsbericht ein Erinnerungsritual („solches tut zu meinem Gedächtnis“). Eine tatsächliche Wandlung der Elemente hat es ihrer Auffassung nach nie gegeben – u.a. aus philosophischen Gründen. Die lutherischen Position war von diesem Standpunkt aus so blasphemisch, wie das umgekehrt auch der Fall war: es war für sie wie Götzendienst, den unendlich großen Gott in Brot und Wein einzusperren und somit bloßen Menschen verfügbar zu machen.

Aber auch für die Lutherischen war das Denken der Reformierten nicht nur ein kleiner Denkfehler, sondern ein Punkt, der nicht ignoriert werden konnte. Natürlich, denn es ging auch hier um Gott selbst. Die andere Seite setzte menschliche Überlegungen über das Wort Gottes und damit über die göttliche Souveränität. Weil eine Sache nicht physisch nachweisbar und theologisch rational einzuordnen war (was auch Luther bekannte – die Wandlung der Elemente ist ein Geheimnis), sollte sie nicht möglich sein. Ein solcher Widerspruch zum klaren Wort Gottes hieß, dem Willen Gottes nicht zu folgen, die Menschen zu verführen und ihnen etwas entscheidendes zu nehmen, nämlich die Möglichkeit, im festen Vertrauen auf das Wort Gottes und die Wirkung seiner Zusagen, das Abendmahl zu empfangen, Sündenvergebung zu schmecken und zu sehen (Ps. 34,9). Über aller menschlicher Sympathie und allen Willen zur Einigkeit stand deshalb das klare Bekenntnis zum Wort Gottes, das Bekenntnis der Wahrheit – auf beiden Seiten. Das war der Grund der Trennung, nicht die – sicher auch da und dort vorhandene – Antipathie: „Menschlich wollen wir mit ihnen einig sein, aber geistlich wollen wir sie meiden“, schrieb Luther[i].

Der Wunsch, alles zu versuchen, nicht aufzugeben, um dennoch zur Einigkeit zu gelangen, wird an den vielen sog. Religionsgesprächen deutlich. Besonders erkennbar ist dieses Streben nach Versöhnung und der Suche nach einem – den zentralen Wahrheitsfragen nicht ausweichendem – gemeinsamen Bekenntnis, in den Verhandlungen zur Wittenberger Konkordie 1536. Einer der lutherischen Unterhändler schrieb: „Da sie nun das, an welchem die Sache gelegen war, bekannten, nämlich: dass das Brot der Leib Christi aus Kraft Christi sei, der es einsetzt und also aus göttlicher Majestät verheißen hat [und dass] es die Unwürdigen missbrauchen […], ist Friede und Einigkeit zwischen uns, die wir beisammen waren, gemacht. Und haben Capito und Bucer angefangen, zu weinen, und wir haben zu beiden Teilen mit gefalteten Händen Gott dem Herrn gedankt.“ Im Anschluss feierte man gemeinsam das Abendmahl. Doch dieser Ausgleich gelang nur mit Bucer und Capito, Calvin vollzog ihn nicht mit und schließlich scheiterte der Versuch.

Allerdings kann somit diese fast gelungene Einigung als äußerste Grenze der Lutheraner Abendmahlsgemeinschaft zu haben gewertet werden. Mit dem hier gesteckten Rahmen ist nun zu überprüfen, inwiefern die Leuenberger Konkordie diese – aus lutherischer Sicht minimalst mögliche – Auffassung des Abendmahls feststellt und bekennt. Zuerst aber noch einmal die unterschiedlichen Grundpositionen in Bekenntnissprache:

„Es ist der wahre Leib und Blut unseres Herrn Jesus Christus, unter dem Brot und Wein uns Christen zu essen und zu trinken von Christus selbst eingesetzt.“

Luther, Kleiner Katechismus

 

„Frage 78 -Werden denn Brot und Wein in Leib und Blut Christi verwandelt?

„Nein. Wie das Wasser bei der Taufe nicht in das Blut Christi verwandelt wird oder selbst die Sünden abwäscht, sondern Gottes Wahrzeichen und Pfand dafür ist, so wird auch das Brot im Abendmahl nicht der Leib Christi, auch wenn es in den Worten, die beim Abendmahl gebraucht werden, als der Leib Christi bezeichnet wird.“

Heidelberger Katechismus

In der Leuenberger Konkordie heißt es nun:

Abendmahl
Im Abendmahl schenkt sich der auferstandene Jesus Christus in seinem für alle dahingegebenen Leib und Blut durch sein verheißendes Wort mit Brot und Wein. Er gewährt uns dadurch Vergebung der Sünden und befreit uns zu einem neuen Leben aus Glauben. Er läßt uns neu erfahren, daß wir Glieder an seinem Leibe sind. Er stärkt uns zum Dienst an den Menschen.

Was bedeutet das? Bischof Dr. Jari Jolkkonen von der lutherischen Kirche Finnlands sagte dazu auf Nachfrage: „Ich verstehe es nicht.“ Damit steht er wohl nicht allein. Wie aber steht der Satz zur oben genannten Außengrenze der lutherischen Überzeugung „nämlich: dass das Brot der Leib Christi aus Kraft Christi sei, der es einsetzt und also aus göttlicher Majestät verheißen hat [und dass] es die Unwürdigen missbrauchen“? Oder besteht er mit dem Heidelberger Katechismus darauf, dass Brot und Wein uns Symbol der Wichtigkeit des Opfers Christi und ein mit Leib und Blut nicht zu verwechselnder Pfand für die uns zugeeigneten Heilstaten sind (Punk 79)? Die Antwort darauf lautet …ich weiß es nicht.

Der entscheidende Satzteil „in seinem für alle dahingegebenen Leib und Blut durch sein verheißendes Wort mit Brot und Wein“ zeigt nicht die Klarheit, wie sie Bekenner des christlichen Glaubens immer wieder zeigen bzw. formulieren konnten. Er wird nicht deshalb nicht verstanden, weil er veraltete Sprache wäre (wie es bei den Bekenntnissen der Fall sein kann). Er ist Kompromissformel, die beide Positionen in sich lesen können lassen will. Denn durch das „mit“ wird die Heidelbergsche Parallelschenkung Kraft des Heiligen Geists einbezogen und durch die Vermeidung der Aussage, dass Brot und Wein Leib und Blut sind, der Kern der altkirchlichen Aussage ausgelassen.

Mit seiner Unklarheit verletzt der Satz eine Grundlage von Bekenntnissen: Die Klarheit, damit vor andere treten und sich verständlich machen zu können, sich seines Glaubens nicht zu schämen, sondern ihn frei heraus zu bekennen. Und sie schafft auch keinen Konsens, da sie in den trennenden Punkten dezidiert keine Aussage trifft. Ja, das Stehen zu solchen Positionen wird, im schmalbrüstigen Ton, verworfen: „Ein Interesse an der Art der Gegenwart Christi im Abendmahl, das von dieser Handlung absieht, läuft Gefahr, den Sinn des Abendmahls zu verdunkeln.”

Laut der Leuenbergschen, immerwiederkehrenden Einigkeitsformel „Wo solche Übereinstimmung zwischen Kirchen besteht, betreffen die Verwerfungen der refor­matorischen Bekenntnisse nicht den Stand der Lehre dieser Kirchen.“ Heißt das also: die Verwerfungen sind dort noch intakt, wo die tatsächliche Präsenz Christi im Abendmahl bekannt oder verleugnet wird. Damit richtet sie eine dritte Position auf, die sich von den beiden ursprünglichen grundsätzlich unterscheidet. Denn auf die Frage, ob es essenziel wichtig ist, ob Christus im Abendmahl tatsächlich präsent ist, antworten die beiden alten mit „Ja, und wie!“ sie aber mit einem klaren „Nein, denn wichtig ist, dass wir ihn empfangen und nicht danach fragen, wie.“

Auch, wenn sicher nicht alle Dinge des Glaubens bis ins Letzte zu ergründen sind: Fragen – und Antwortversuche – sind erlaubt, wie die Geschichte der Kirche zeigt. Nicht danach fragen zu dürfen, wie ein Sachverhalt zu verstehen und zu denken ist, ist dagegen gerade kein Kennzeichnen aufrichtigen und ehrlichen christlichen Glaubens, sondern begegnet wohl eher dort, wo menschliche Machtausübung und Verführung anderer eigentliches Ziel des Handelnden sind.

[i] Oder auch „Wenn sie bei ihrer Meinung, in dem Punkt von der Gegenwart des Leibes und Blutes bleiben wollen und bitten würden, dass wir doch einander dulden wollten, so will ich sie gar gerne dulden, in der Hoffnung, dass wir künftig in eine Gemeinschaft kommen möchten.“ (Instruktion Luthers an Melanchthon vor dem Casseler Ausgleichsversuch)

 

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