Nicht der Fall ist der Grund dafür, dass der Mensch Böses tut, sondern dass er Böses tut. – John Bell und die Ursünde

Heute morgen hörte ich den „Gedanken für diesen Tag“ im Rahmen des BBC Radio 4 „Today“-Programms. Es wurde vom Leiter der Iona Community,[1]  John Bell, gesprochen. Und natürlich waren die schrecklichen Ereignisse in Barcelona sein zentrales Thema, und dies mit größter Berechtigung.

Doch ab Minute 01:25 wurde ich besonders hellhörig: Manch ein Christ würde dieses Ereignis mit der Ursünde erklären, aber er halte dies lediglich für eine leere Bequemlichkeit. Der Mord an Unschuldigen resultiere nicht aus der Art, wie Gott den Menschen geschaffen habe; er sei entweder das Werk eines gestörten Geistes oder ein Akt der zutiefst bösen Absichten entspringt.

Abgesehen von dieser Nebenbemerkung ist dieser „Gedanke“ nicht der schlimmste, den man hören kann. Doch hier besteht mindestens ein Fehlverständnis bezüglich der theologischen Frage der Ursünde, bzw. der Ursache des Bösen, auf das ich eingehen und auf das ich mich hier auch beschränken möchte. Keins meiner Worte bezieht sich direkt auf dieses schreckliche Ereignis sondern nur auf die oben genannten Aussagen. Denn eben deshalb ist diese Frage so wichtig, weil es darum geht, was der christliche Glaube Menschen zum Thema des Bösen eigentlich und tatsächlich sagen kann.

Das erste Fehlverständnis, das hier deutlich wird, bezieht sich auf den Inhalt der Ursündenlehre. Herrn Bell beschreibt sie oben kurz wie folgt: Böses zu tun ist ein fester, von Gott geschaffener, Bestandteil des menschlichen Wesens. Es ist auf traurige Weise fast schon amüsant, dass dieser Schluss genau dann gezogen werden müsste, wenn die Ursündenlehre abgelehnt wird. Denn diese besagt eindeutig, dass der Mensch gut geschaffen war und durch Versuchung und seinen damals noch freien Willen fiel. Dies fällt allein auf den Menschen und nicht auf Gott zurück. Der durch Menschen verursachte Schrecken in der Welt ist jedoch so offensichtlich, dass, bei Beibehaltung des Glaubens an einen Schöpfergott, ohne diese Doktrin, die Schaffung zum Bösen sich dem nach Erklärung suchenden Verstand nahezu aufdrängt. Doch Erbsündenlehre wäre das nicht.

Zweitens vermischen sich zwei Kategorien in diesen Sätzen. Schematisch lassen sich Herrn Bells Aussagen folgendermaßen aufteilen: Die Frage: Warum tun Menschen Böses? Die Falsche Antwort: Weil Gott sie so geschaffen hat bzw. richtiger, weil sie von ihrer ursprünglich gut geschaffenen Natur gefallen sind. Richtige Antwort: Weil Menschen geistesgestört sein oder zutiefst böse Absichten hegen können. Diese beiden letzten Antworten sind jedoch nicht wirklich Antworten auf die erste Frage, sondern auf eine andere, nämlich: „Wie sehen die Auswirkungen des Bösen im Menschen aus?“

Ein Beispiel zur Verdeutlichung: Die Frage: „Warum werden Fußbälle bei Fußballspielen getreten?“ Die Passende Antwort: „Weil dies essenzieller Teil des Spieles ist, und, noch grundlegender, weil es ein Spiel gibt, das Fußball heißt und dies hier gespielt wird.“ Die Antworten von Herrn Bell wären in dieses Beispiel übersetzt etwa: „Weil Füße heftig mit Bällen zusammenstoßen.“ Er verwirft also die ursprüngliche christliche Antwort auf die Frage nach dem Grund bösen Handelns (und Fühlens und Denkens), jedoch ersetzt er sie nicht mit einer tatsächlich das Böse erklärenden anderen Antwort auf genau diese Frage[2], sondern mit zwei, bei genauem Hinsehen eigentlich ein und derselben, Auswirkung des Bösen: dem Fakt, dass Menschen böse Absichten hegen können.

Sollte Herr Bell die Lehre von der Ursünde wirklich so verstanden haben, wie er sie zusammenfasst, dann tut er recht daran sie abzulehnen. Doch sie ist, in ihrer tatsächlichen Aussage, ein dem Christentum grundlegender Grundsatz, ohne den es keine Gute Botschaft gibt. Und mit dem Evangelium vom Sieg Christi am Kreuz, seinem stellvertretenden Tod und seiner Auferstehung, ist sie sogar tröstlich, denn sie beantwortet die existenzielle Frage nach dem Bösen, eben dem Bösen auch in mir. Christus ist Herr über diese Welt und über mich. Er hat Sünde, Tod und Teufel bereits besiegt und bei seiner Wiederkunft wird er ihnen ganz ein Ende machen. Mich hilflosen Sünder – niemand wage es zu sagen, dass er nicht in jenem Auto hätte sitzen können – hat er in der Taufe ersäuft und neu geschaffen. Und kämpft nun mit mir gegen meine Sünde, die er schon jetzt in seine große Gnade verschlungen, in seinen Wunden versenkt hat. Diese gute Botschaft gilt aller Welt.

[1] Das Revival einer theoretischen keltischen Christenheit in den neunziger Jahren des vorigen Jahrhunderts, sowie auch die liturgische Inspiration für die Emergent Bewegung fussen auf dieser Kommunität.

[2] Eine Schwachstelle, die oft beobachtet werden kann, siehe z.B. den Worthausvortrag „Die Sache mit der Schlange

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