Positionen, die Zweite – Ökumene, Liebe und wir

Wie schon gesagt – Positionen sind nicht irrelevant, will ich die Anderen oder auch nur mich selbst verstehen. Positionen sind auch da von Bedeutung, wo es um die Nähe Gottes geht: zum Beispiel: Spreche von der Nähe Gottes zu mir oder spreche ich von meine Nähe von Gott, kann ich damit ganz unterschiedliche Verstehensweisen implizieren.

Jedes ökumenische Ansinnen muss also zunächst wichtige Grundlagen klären: In welchem Verhältnis stehen Gott, Christus, der Glaube, ich? Werde ich erlöst, und was ist dafür der Preis? Gibt es eine Grenze, gibt es eine Voraussetzung für das Christsein? Die unterschiedliche Beantwortung dieser Fragen kann ein ganz unterschiedliches Christsein hervorrufen, welches jede Handlung – Gottesdienst, Predigt, Abendmahl, Beichte, Gebet, Alltagsleben, … – ganz unterschiedlich interpretieren bzw. dafür ganz unterschiedliche Voraussetzungen haben wird. Wenn zwei das gleiche tun, ist es noch lange nicht dasselbe: Es ist ein Unterschied, ob ich erst etwas leisten muss (und sei es an dieser Welt und meinen Mitmenschen), bevor mich Gott ansehen wird, und deshalb bete, Gottesdienst feiere, mich heilige, oder es mir gar nicht möglich ist, auch nur irgendetwas zu tun, damit ich Gott näher komme, und ich deshalb bete, Gottesdienst feiere und mich heilige. Je nach dem werde ich auch nicht nur den Inhalt der eben genannten Dinge anders verstehen, sondern auch anders füllen.“Liebe Gott und liebe deinen Nächsten wie dich selbst“ heißt im zweiten Falle nämlich nicht: Wenn du deinen Nächsten wie dich selbst liebst, dann hast du es geschafft und Gott wird dir nah sein. Es heißt nur: Liebe ihn wie dich selbst, aber mit deiner Gottesbeziehung hat das erst mal nichts zu tun. Liebe Gott, als den, der offenbar ist und dich angenommen hat, und liebe Deinen Nächsten, weil Gott es so will, weil Gott Dir sagt, dass es gut und richtig ist.

Deshalb ist es nicht bösartig, sondern konsequent, zu prüfen, inwiefern mein Gottesdienstverständnis mit dem eines anderen Menschen übereinstimmt, und welche Teile ich mit ihm gemeinsam feiern kann. Das gemeinsame Gebet wird nur dann möglich sein, wenn wir grundsätzliche Übereinstimmungen finden in der Frage, wen wir eigentlich anbeten. Für die meisten Christen gilt dabei die Gemeinsamkeit, die die altkirchlichen Bekenntnisse vorgeben. Werden sie nicht anerkannt, und z.B. die Bedeutung Jesu verneint, kann natürlich immer noch miteinander geredet werden, um den jeweils anderen zu verstehen und den eigenen Standpunkt zu plausibilisieren. Aber gemeinsam gebetet werden kann dann natürlich nicht. Faktisch wird jeder zu etwas völlig anderem, zu einem ganz unterschiedlichen Gott beten. Das ist kein gemeinsames Gebet, auch wenn man nebeneinander steht.

Damit wird keinem Menschen der Glaube abgesprochen, keiner wird Zwangsmissioniert und keinem wird etwas vorenthalten. Wer sich nicht zu dem Christus bekennt, wie ihn die Bekenntnisse zeigen, der ist eben einfach kein Teil dieser Bekenntnisgemeinschaft. Er ist als Mensch trotzdem unserer Liebe wert, wie das Liebesgebot erinnert:

Die neutestamentliche Aufnahme des Liebesgebots versteht die Nächstenliebe als Nachahmung von Gottes Barmherzigkeit. Weil Gott sein Volk Israel auch liebt, obwohl dieses  diese Liebe nicht beantwortet, ist auch die Nächstenliebe nicht abhängig von der Reaktion des Nächsten. Dabei gibt es eine Stoßrichtung. Liebe zu Gott ist immer nur (unvollkommene) Antwort, Liebe gegenüber dem Nächsten ist als Nachvollzug der Liebe Gottes an uns immer selbstloser Anfang, unabhängig von der Aktion oder Reaktion dieses Menschen.

Es handelt sich also um zwei verschiedene Subjekte, auf die sich das Lieben bezieht: Gott und Mensch sind nicht dasselbe. Liebe und ehre also Gott viel mehr, mit viel größerem Respekt, Anerkennung, Ehrfurcht und Gehorsam, als dich selbst, und deinen Mitmenschen liebe so wie dich selbst: überhöhe ihn nicht zum Gott, degradiere in nicht zum unwerten, nichtmenschlichen Tier. Daraus erschließt sich dann auch dein eigener Platz: Du bist nicht Gott, nicht mehr Wert als deine Mitmenschen, aber auch nicht weniger als diese. Deine Liebe zu dir ebenso wie deine Liebe zu deinen Mitmenschen soll aus der Liebe hervorgehen, die du Gott schenkst und die er in dich hineinsetzt.

Es ist aber auch weiterhin zu beachten, dass „Liebe Gott und liebe deinen Nächsten wie dich selbst“ eben nicht das Evangelium ist: Es ist ein Gesetz, an dem wir oft genug scheitern werden. Wir werden Gott nicht mit ebenso großem Herz und Gehorsam lieben, wie Jesus es tat. Wir werden unseren Nächsten nicht ebenso selbstlos und offenherzig lieben, wie Gott uns in Christus liebt. Das Evangelium ist, dass er uns dennoch liebt. Das Evangelium ist, dass uns Christus vor Augen steht als der, der um uns Menschen und um unserer Seligkeit willen vom Himmel gekommen und leibhaftig geworden ist durch den Heiligen Geist von der Jungfrau Maria und Mensch wurde. Er, der für uns  unter Pontius Pilatus gekreuzigt wurde, litt und begraben wurde und am dritten Tage auferstand nach der Schrift. Er, der aufgefahren ist gen Himmel. Das zu glauben ist ebenso eine Position, wie es abzulehnen. Beides hat Konsequenzen, die nich einfach übergangen werden dürfen. Der, der diesen Glauben nicht teilt, wird – nicht zuletzt, soll er – von denen, die diesen Glauben teilen, geliebt werden. Aber er wird eben keinen Mitvollzug an diesem Glauben haben. Positionen bringen uns also nicht auseinander, sie beschreiben nur unserem immer schon existierenden Standpunkt. Die lutherische Kirche beschreibt ihren christlichen Standpunkt als einen, der seine Norm in Schrift und Bekenntnis findet. Es ist schon allein Aufrichtigkeit, dies Andersdenkenden mitzuteilen und neben aller Suche nach gemeinsamen Anliegen auch die eigenen Spezifika kenntlich zu machen. So wird zunächst und als allererstes ein aufrichtiges, ehrliches Gespräch möglich gemacht.

 

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