Über das wissenschaftliche Ideal und den Vortrag „Die Sache mit der Schlange“ bei Worthaus – Teil 1

Seit gestern sind zwei unserer Podcasts offline gegangen, die sich mit dem Vortrag „Die Sache mit der Schlange“ von Prof. Dr. Zimmer, veröffentlicht bei Worthaus.de, beschäftigen. Es ist derzeit noch unklar, in welcher Form die beiden Folgen wieder online gestellt werden können. Umso besser die Gelegenheit, die Fragen des Users „Reverend Mole“, die er an uns bezüglich des Inhalts des ersten Teils unseres Podcasts im Kommentarbereich von Hossa-Talk gestellt hat, hier genau zu beantworten und somit eine gewisse Präsenz wiederherzustellen.

Zuerst jedoch eine kurze Vorbemerkung zu wissenschaftlichem Vorgehen. Das wissenschaftliche Ideal ist die objektive Wahrheitsfindung. Ich sage bewusst „Ideal“, denn wissenstheoretisch ist das Erreichen einer vollkommene Objektivität unmöglich. Daher wird die Verfolgung dieses Ideals, die Wissenschaft, in der Praxis zu konkreten formalen Vorgehensweisen und Maximen, die nach ihrer Nähe zu diesem Original eingeordnet werden. So gibt es zum Beispiel in den Wissenschaften, die sich mit vom forschenden Subjekt zeitlich nicht unüberbrückbar getrennten Gegebenheiten beschäftigen die Maxime der Wiederholbarkeit. Bei allem wissenschaftlichen Streben nach objektiv und transsubjektiv erkennbarer Wahrheit sind jedoch vor allem zwei Maxime wichtig: a) die strikte Disziplin des Trennens von Fakten und Interpretation und b) die Disziplin der eigenen Hinterfragung, speziell das Reflektieren und Offenlegen der eigenen (unweigerlich vorhandenen) Axiome. Zuletzt müssen auch Begriffe und Kategorien so klar wie möglich getrennt gehalten werden; auch dies ist eine Aufgabe der Selbstdisziplin. Wissenschaftliche Haltung in diesem Sinne bezieht sich also nie nur auf das zu erforschende Objekt, sondern stets auch auf das forschende Subjekt und geht so mit einer bestimmten Art der Demut einher.

Und nun zu den Anfragen von Rev. Mole, dem wir zuerst für seine Aufmerksamkeit und sein Interesse danken wollen.

„Ich habe es mir komplett angehört und es wird m.E. nicht besser. Verstehst du denn was damit zum Ausdruck gebracht werden soll, das die Schlange nicht mechanisch tötet? Wenn du dann gegenargumentierst, dass die Schlange sehr wohl mechanisch tötet, weil sie ja mit ihren Zähnen zubeißen muss hast du glaube ich den Gedankengang nicht nachvollzogen.“

Diese Frage bezieht sich auf eine längere Abhandlung im genannten Vortrag, die – im Kontext – das Ziel hat, darzustellen, dass die Schlange in einer vom Vortragenden nicht näher bestimmten Zeit und Örtlichkeit der angenommenen Rezeptionsgruppe der biblischen Schöpfungs- (und hier speziell Fall-) Geschichte als das klügste aller Tiere bekannt war. Dabei wird unter anderem gesagt, dass die Schlange das einzige im Orient bekannte Lebewesen ist, das töten kann ohne mechanische Gewalt anzuwenden.

Um auf Rev. Moles erste Kritik einzugehen wird also keineswegs gesagt, dass die Schlange nicht mechanisch tötet – sicher könnte das so gemeint sein – doch das wäre Interpretation. Grammatikalischer Fakt ist, dass gesagt wurde, dass die Schlange ohne mechanische Gewalteinwirkung tötet und dies ist einfach falsch, denn auch ein kleiner Biss ist per Definition mechanische Gewalteinwirkung.

Gehen wir aber darüber hinweg und formulieren etwas exakter und im wahrscheinlich intendierten Sinn, sie wäre das einzige Tier im Orient, das durch Gift und nicht durch mechanische Gewalt tötet. Auf dieser Einzigartigkeit soll – zumindest zum Teil – die Aura der höchsten Klugheit der Schlange basieren. Jedoch ist diese Einzigartigkeit im Raum Nordafrikas und des Nahen Ostens (wir nehmen diesen Bereich einmal als den gemeinten Orient an) nicht nachweisbar. Die dort vorkommenden Skorpione Leiurus quinquestriatus und Androctonus australis sind Tiere, deren Gift auch Menschen töten kann. Warum hat sich um sie keine ähnliche Aura gebildet, bzw. warum wird nicht von ihr berichtet?

Wissenschaftlich um einiges gewichtiger für die Setzung eines bestimmten automatischen Rezeptionsverhaltens sind Textbeispiele, die sich mit der Rezeptionsgruppe in Verbindung bringen lassen. Dies gab es jedoch in der genannten Argumentation leider nicht.

Selbst wenn Prof. Dr. Zimmers Darstellung die genannten Fehler nicht aufgewiesen hätte, wäre seine Argumentation jedoch trotzdem verfehlt gewesen. Denn sie zielt darauf ab, ein von Prof. Dr. Zimmer bestimmten Kirchenvätern zugeschriebenes Argument zu wiederlegen, wonach sich die Besessenheit der Schlange vom Teufel durch ihre Klugheit äußert und diese somit als Hinweis auf eben jene Besessenheit fungieren kann.

Wiederlegt mag dieses Argument tatsächlich sein, doch das konnten auch die Kirchenväter. Denn der Bibeltext selber sagt ja, dass die Schlange das klügste aller Tiere sei ohne dies eines der Schlange selbst nichtimmanenten Faktors zuzuschreiben. Das ist dementsprechend also „Schöpfungsmerkmal“ der Schlange. Zu fragen ist allerdings, ob das wirklich das Argument der Kirchenväter war, oder ob Prof. Dr. Zimmer hier etwas missverstanden hat. Wird doch zumindest in einer Predigt Luthers zu diesem Text, welche durch ein Zitat auch auf Augustin verweist, ein anderes Argument geäußert: Nicht die Klugheit, sondern die Sprachfähigkeit und das in der Sprache aufgezeigte Wissen deutet für ihn auf die Besessenheit der Schlange hin. Dieses Argument wird im Vortrag jedoch nicht besprochen und somit auch nicht widerlegt.

Nun könnte man vorwerfen, dass das ja nur unwichtige Details sind, doch spätestens bei dem Verfehlen eines Grundargumentes verlassen wir den Bereich des Details.Im bisher besprochenen Teil wird viel behauptet, jedoch kaum etwas nachgewiesen. Demnächst wenden wir uns einem weiteren Teil zu, zu dem Rev. Mole auch Kritik äußerte.

 

 

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