Glaube nimmt gefangen. Oder macht er frei? Ein neues altes Buch weiß bescheid

Der Freimund-Verlag hat eine neue Ausgabe von Luthers „Von der Freiheit eines Christenmenschen“ herausgebracht. Luthers Buch ist ein zeitloser Klassiker unbedingt zu empfehlender lutherischer Literatur. Die neuendettelsauer Ausgabe ist zweispaltig aufgebaut: Links ein Faksimile des achten Drucks von 1521 (durch Melchior Lotter), rechts die Wiedergabe des Textes in Antiqua (statt Frakturschrift) und unter Verwendung heutiger Orthographie, wobei kleine Ergänzungen oder Erläuterungen in Klammern angefügt sind. Von „in heutiges Deutsch übertragen“ (wie auf der Innenseite angegeben) kann also nicht die Rede sein, aber es ist ein soweit ohne Vorkenntnisse les- und verstehbarer Text entstanden, der sehr nah am Original bleibt. Ob man zu dieser Ausgabe greifen will, hängt somit vom Geschmack ab, für 9,80€ ist das ganze aber auch so erschwinglich, dass auch ein Testkauf relativ unproblematisch ist. Aber genug zur Ausgabe, was ist nun mit Luthers Buch?

Vermutlich hat fast jeder schon einmal die beiden (von 1. Kor abgeleiteten) Eingangssätze gehört:

„Ein Christenmensch ist ein freier Herr über alle Dinge und niemandem untertan.“

und:

„Ein Christenmensch ist ein dienstbarer Knecht aller Dinge und jedermann untertan.“

Beides wird nun in der Schrift traktiert: nämlich die geistliche und die leibliche Natur des Menschen. Der geistlichen Natur kann nichts äußeres etwas anhaben – aber auch nichts nützen. Egal was ein Mensch isst oder trinkt, wie er sich sich kleidet, es steht nicht in Zusammanhang mit der geistlichen Natur. Stattdessen hängt es am Glauben:

„Kein gutes Werk hängt so an dem göttlichen Wort, wie der Glaube, es kann auch nicht in der Seele sein, sondern allein das Wort und der Glaube regieren in der Seele. Wie das Wort ist, so wird auc die Seele von ihm, gleich wie das Eisen wird glutrot wie das Feuer, aus der Vereinigung mit dem Feuer. Also sehen wir, dass an dem Glauben ein Christenmensch genug hat, bedarf keines Werkes, dass er fromm sei. Bedarf er denn keines Werkes mehr, so ist er gewisslich entbunden von allen Geboten und Gesetzen. Ist er entbunden, so ist er gewisslich frei. Das ist die christliche Freiheit, der ein[z]ige Glaube, der da macht, nicht dass wir müßig gehen oder Übel tun mögen, sondern dass wir keines Werkes bedürfen zur Frömmigkeit und Seligkeit zu erlangen.“

Frei davon also, um der Frömmigkeit willen etwas leisten zu müssen, gleichzeitig aber frei dazu, Gutes zu tun. Auch nach 500 Jahren hat diese Grundeinsicht nichts von ihrer Bedeutung für das eigene Glaubensleben eingebüßt: Ich kann die ganze Bibel gelesen haben, wenn ich aber das Verhältnis von Glauben und Verhalten nicht verstanden habe, dann wird sie mir nur zur Last, zum moralisch-kategorischen Imperativ, zur Forderung – egal, ob in politischer oder religiöser Weise, egal ob ich dann die Kirche oder die Welt retten muss, ich muss dann leisten und werde unglücklich oder kann am Ende aller Forderung die Bibel nicht mehr annehmen. Deshalb ist es auch 2021 noch ein gutes Projekt, diese für den persönlichen Glauben hilfreiche Schrift Luthers zugänglich zu machen. Ob die Art und Weise von Jobst Schöne dabei die Glücklichste ist, darf zwar bezweifelt werden, aber für ein genaues persönliches Studium der Schrift Luthers kann diese Ausgabe natürlich empfohlen werden.

Zitate aus: Martin Luther, Von der Freyheit eynis Christenmenschen, hrsg. von Jobst Schöne, Bibliothek lutherischer Klassiker Bd. 3, Neuendettelsau 2020, S. 19.29.31 (unnötige Satzzeichen entfernt).

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