Mit Popcorn in der Vorlesung – bei Prof. Luthardt – Pantheismus

„Pantheismus bezeichnet nicht bloß einen Gegensatz[1] der Anschauungen von Gott, sondern auch von der Welt, von der Lebensaufgabe und allen sittlichen Gemeinschaften des irdischen Lebens. Der Pantheismus als allgemeine religiöse Stimmung ist die Grundlage des Polytheismus und aller Naturreligionen. Als philosophischer Pantheismus ist er in die griechische Philosophie zuerst durch die Eleaten eingeführt. In die christliche Welt ist er hauptsächlich durch die neuplatonische Philosophie übertragen worden und hat in der Mystik eine Stätte gefunden. Den erfolgreichen Anstoß hat für die moderne Anschauung Spinoza gegeben. Die höchste Ausbildung hat der Pantheismus in der hegelschen Philosophie erfahren. Im Worte Pantheismus bezeichnet pan nicht Alles, sondern das All: das All ist Gott oder Gott ist das All, d. h. die Einheit der Welt.“

„Der Pantheismus, ist ein zweifacher: der orientalische, welcher die Welt in Gott aufgehen läßt, somit Akosmismus ist, daher eigentlich kein Werden kennt sondern nur ein Sein, und dessen Modifikation nur die Einzelerscheinung ist (Eleaten, Spinoza); und der occidentalische, welcher Gott in der Welt aufgehen läßt und somit Atheismus ist, daher eigentlich nur ein Werden kennt, aber nicht ein Sein, sondern das Absolute stets nur auf dem Weg zum Sein sieht, also als Prozess faßt (Heraklit. Stoa, Fichte, Schölling, Hegel), Aber beide Male kommt die Idee und die Tatsache der Persönlichkeit [Gottes] nicht zu ihrem Recht.“

Prof. Dr. Christoph Ernst Luthardt, „Vorträge über die modernen Weltanschauungen“ Leipzig 1880

Wo begegnet uns der Pantheismus heute im Christentum? Z. B. als Grundlage einer Idee der Selbstoffenbarung Gottes im Fortschritt, in der Schöpfung, in der Gesellschaft, im Neuen (occid.). In den Lehrvarianten bei denen die Schöpfung aller durch Gott betont; der Fall und die Erbsünde, die essenzieller Teil der Guten Nachricht sind, jedoch weggelassen werden (eher orient.). „Gott braucht uns genauso, wie wir ihn brauchen“. Wir alle sind göttlich. Alles ist Gott, Gott ist überall.

Das Christentum lehrt und bekräftigt zwar die Abhängigkeit der gesamten Schöpfung von Gott und zwar in jeder Sekunde ihrer Existenz, jedoch ebenso die vollkommene Unabhängigkeit Gottes von ihr und eben gerade deshalb die Schöpfung und das am Leben erhalten derselben als reinen Akt der Liebe, ja auch der geduldig ertragenden Gnade.

[1] gegenüber dem Christentum

 

 

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