Huhn und Ei der Weltveränderung – über Gesetz und Evangelium beim Thema Berufung

Aus aktuellem Anlass entspringt unser folgender Beitrag einem Impuls des Kirchentages. Wir wollen allerdings nicht die Veranstaltung werten, Top-/Flop-10-Listen erstelle, sondern auf eben jenen konkreten Punkt genauer eingehen.

„Aktiv werden und sich einmischen, wo die Würde des Menschen bedroht ist und wo die Natur, die uns als Schöpfung Gottes anvertraut ist, zerstört wird – das ist die Berufung, aus der wir Christinnen und Christen leben.“

So wird der Ratsvorsitzende der EKD, Bedford-Strohm, anlässlich des Festgottesdienstes in Wittenberg von der Zeit zitiert. Das Bekenntnis zum politischen Engagement – so die Untertitelung des Artikels – ist also das, was vom Gesagten hängen bleibt und weitergegeben wird.

Wir meinen, da noch einmal einen kurzen Stopp einlegen zu müssen. Was ist die Berufung, aus der Christen [i] leben? Berufung ist ein schön christlich assoziiertes Wort und dabei auf nicht zu konkrete und doch leichte innere Bewegung auslösende Art fromm. So ist es auch gut im Kontext sowohl eines liberalen, evangelikalen oder auch charismatischen Aktionismus zu verwenden: „Gott hat dich berufen, den Menschen zu dienen/ Jesus zu verkünden/ Wunder zu vollbringen / Gemeinde zu bauen“ – die Liste lässt sich sicher fortsetzen. Was alle diese Aufrufe verbindet: Berufen zu sein fordert hier stets ein Werk, welches zu tun man eben berufen ist. In diesem Sinne auch in dem zitierten Satz. Berufen, den in seiner Würde bedrohten Menschen und die vom Menschen bedrohte Welt zu retten, sei die Kirche.

Doch Berufung ist zunächst etwas Passives und dem berufenen Subjekt Außenstehendes. Man wird berufen. Ich kann mich nicht selbst berufen. Ein anderer beruft mich, ruft mich. Doch wer ruft die Christen? Der zitierte Satz jedenfalls lässt darauf nur bedingt Schlüsse zu.

Ein Blick in die Schrift zeigt uns die Antwort: Gott ist es, der beruft und erwählt (1. Kor 1).

Wir halten fest: a) Berufung ist etwas Passives. b) Gott ist es, der beruft.

Wozu sind wir nun aber berufen? Nach unserer Berufung als Christen fragt Paulus auch in Epheser 4. Und lenkt zur Antwort den Blick auf Christus:

„Wandelt würdig der Berufung, mit der ihr berufen worden seid, […] ein Leib und ein Geist, wie ihr auch berufen worden seid in einer Hoffnung eurer Berufung! [Und] der hinabgefahren ist, das ist derselbe, der aufgefahren ist über alle Himmel, damit er alles erfülle. Und er selbst gab den Heiligen die einen als Apostel, andere als Propheten, andere als Evangelisten, andere als Hirten und Lehrer, damit die Heiligen zugerüstet werden zum Werk des Dienstes. Dadurch soll der Leib Christi erbaut werden, bis wir alle hingelangen zur Einheit des Glaubens und der Erkenntnis des Sohnes Gottes, zum vollendeten Menschen, zum vollen Maß der Fülle Christi, damit wir nicht mehr unmündig seien und uns von jedem Wind einer Lehre bewegen und umhertreiben lassen durch das trügerische Würfeln der Menschen, mit dem sie uns arglistig verführen. Lasst uns aber wahrhaftig sein in der Liebe und wachsen in allen Stücken zu dem hin, der das Haupt ist, Christus. Von ihm aus gestaltet der ganze Leib sein Wachstum, sodass er sich selbst aufbaut in der Liebe – der Leib, der zusammengefügt und gefestigt ist durch jede Verbindung, die mit der Kraft nährt, die jedem Glied zugemessen ist.“

Von Gott berufen zu sein, bedeutet also in erster Linie die Berufung des Einzelnen zum Heil, zur Erlösung durch den Glauben an Christus. Christus hat alles erfüllt, er selbst gibt. Berufen zu sein, bedeutet, auf Christus zu schauen, von dem Alles ausgeht.

Wir halten fest: a) Berufung ist etwas Passives. b) Gott ist es, der beruft. c) Die Berufung ist in allererster Linie die Berufung zum Heil, die Berufung aus der Sünde in die Erlösung.

Und diese Berufung zum Heil ist a) die Gemeinsamkeit, die die Begründung für Einheit innerhalb der Kirche ist und b) die Bedingung für ein Leben der Nächstenliebe, um ihrer, die allein aus der Liebe Gottes in Christus begründet ist, würdig zu leben.[ii] Aber ist es unsere Aufgabe, diese Würde zu erreichen? Die Antwort darauf wird in 2. Thess 1 deutlich: „Deshalb beten wir auch allezeit für euch, dass unser Gott euch würdig mache der Berufung und vollende alles Wohlgefallen am Guten und das Werk des Glaubens in Kraft, damit bei euch verherrlicht werde der Name unseres Herrn Jesus und ihr in ihm nach der Gnade unseres Gottes und des Herrn Jesus Christus.“

Bedeutet das nun aber, dass es keine spezifische Berufung für mich in meinem Leben gibt? Wie kann ich dann denn der Held meiner eigenen Geschichte werden? Den spezifischen persönlichen Beruf gibt es jedenfalls. Laut 1. Korinther Kapitel 7, besteht dieser aber in erster Linie nicht aus Programmen oder hehren Zielen:

„Jeder soll so leben, wie der Herr es ihm zugemessen, wie Gott einen jeden berufen hat. Und so ordne ich es an in allen Gemeinden. Ist jemand als Beschnittener berufen, der bleibe beschnitten. Ist jemand als Unbeschnittener berufen, der lasse sich nicht beschneiden. Die Beschneidung ist nichts, und die Unbeschnittenheit ist nichts, sondern: Gottes Gebote halten. Ein jeder bleibe in der Berufung, in der er berufen wurde. Bist du als Knecht berufen, so sorge dich nicht.“

Diese biblische Aussage richtete Luther mit seiner Lehre von den Berufen gegen die fehlgeleitete Idee seiner Zeit, dass man nur auf dem hohen Weg des Mönchstums wirklich zu Gott gelangen könne. Jeder ist in seinen Stand berufen, das heißt: Jeder ist so berufen, wie er ist und da berufen, wo er ist. Damit stärkte er vor allem auch die Berufung zur Ehe und zur Elternschaft. Auch heute gibt es, wie oben schon beschrieben, sowohl im „frommen“ Lager als auch im „liberalen“ diesen Zug zum „besonderen“ Leben. Doch Paulus verkündet solch eine Berufung nicht: „Denn wer im Herrn als Knecht berufen ist, der ist ein Freigelassener des Herrn; desgleichen wer als Freier berufen ist, der ist ein Knecht Christi. Ihr seid teuer erkauft; werdet nicht der Menschen Knechte.“

Wir halten schlussendlich fest: a) Berufung ist etwas Passives. b) Gott ist es, der beruft. c) Die Berufung ist in allererster Linie die Berufung zum Heil, die Berufung aus der Sünde in die Erlösung. d) Dieser Berufung würdig ist das Leben der Nächstenliebe, zu dem uns ebenso allein Gott befähigt. Hier sind wir in erster Linie zu den mondänen Diensten berufen, die uns Gott natürlich gibt

Die Berufung, aus der wir Christen leben, ist das Werk Christi für uns. Wir sind dazu aufgerufen, seine Gnade zu empfangen. Dazu hat er die Predigt eingesetzt und die Sakramente gegeben. Als Empfangende leben wir in dieser Welt. Und nur als solche, als die, denen alles geschenkt ist, bei denen nichts auf der Soll- aber alles auf der Haben-Seite ist, nur als solche mischen wir uns ein und werden aktiv. Nicht, weil wir die Welt politisch verbessern wollen, sondern weil wir das aus Liebe, die wir erst empfangen haben, tun wollen. So sagt es uns Paulus in der schon erwähnten Bibelstelle: „Bist du als Knecht berufen, so sorge dich nicht; doch kannst du frei werden, so nutze es umso lieber.“ Die Befreiung aus den sozialen Verhältnissen ist also nicht Ziel der Berufung, sondern Zweck, dem Ruf Gottes auf eine andere Art und Weise zu folgen.

 

[i] hier und in Folge: allen Geschlechts

[ii] Was natürlich stets nur stückweise geschehen kann, siehe simul justus et peccator

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