12 Thesen zur exegetischen Auswirkung von Sola Scriptura

Das bekannte Schlagwort “sola scriptura” – Allein die Schrift, mit dem gewöhnlich Luthers Verständnis der höchsten Autorität zur christlichen Entscheidungsfindung zusammengefasst wird, bietet oft Anlass für Verkürzung und Verwirrung. Im Folgenden deshalb zwölf Überlegungen über die Auswirkungen des „sola scriptura“ für das Lesen der Heiligen Schrift.

  1. Wenn Luther den Grundsatz sola scriptura formuliert[1], so ist dieser eingebettet in den Zusammenhang der anderen soli: Allein Christus, Allein die Gnade, Allein aus Glauben[2].
  2. Mit sola scriptura ist deshalb kein neuzeitlicher „Literalsinn“ gemeint. Luthers Verständnis des „Allein die Schrift“, steht unter strenger Bezugnahme auf Christus, vor allem in seiner soteriologischen Eigenschaft als Retter und Herr. Der literarische Sinn Luthers ist nicht der zuerst der buchstäbliche Sinn, sondern der auf Christus hin und von Christus her erkannte Sinn der Schrift.
  3. Luthers sola scriptura sieht daher nicht den Buchstaben als solchen, sondern den Buchstaben unter dem Blickpunkt auf seinen geistlichen Gehalt an. Dieser Wechsel des Referenten des Textes (auf Christus hin) ist eine Art dessen, was die altkirchlichen Väter als geistliche Schriftdeutung verstanden haben.
  4. Der geistliche Buchstabe übergeht nicht den genauen Wortlaut, sondern stellt ihn in einen christologischen Gesamtzusammenhang.
  5. Diese Vorgehensweise entspricht der hermeneutischen Grunderkenntnis, dass es kein neutrales – also kein bezugloses, frei im Raum schwebendes – Textverständnis gibt.
  6. Das Wissen, dass nur ein nichtneutraler Zugang zu einem Text möglich ist, erfordert die Überlegung darüber, welcher Zugang zu einem Text angemessen ist. Im Falle der Heiligen Schrift ist gemäß Solus Christus zu fragen, welcher Zugang ihr in ihrer Funktion als Heilsschrift entspricht.
  7. Die Intention des/der historischen Autoren eines biblischen Textes kann durch Verweis auf die soziale, gesellschaftliche und historische Einbettung des-/ bzw. derselben nur dann sinnvoll beleuchtet werden, wenn diese nicht zur Negation oder extratextuellen Deutung der im Text selbst klaren Intention benutzt werden. (Verschwörungstheorien Bart Ehrman’s etc.).
  8. Mitte und einendes Band der Heiligen Schrift ist der Bezug auf den Gott, der sich in Christus den Menschen offenbart. Insofern entspricht eine christologische Fokussierung der Intention der Heiligen Schrift.
  9. Luthers sola scriptura heißt also nicht, Bibel ohne Voraussetzung und Position zu lesen. Ja, Gesetz und Evangelium beziehen sich – solange sie in ihren Aussagen belassen werden – eben gerade auf unsere geprägte Rezeption, da sie existenzielle Aussagen über den Menschen treffen und sich somit auf unsere existenzielle Situation beziehen und aus ihr heraus verstanden werden müssen.
  10. Sola scriptura als Ausdruck dafür, dass alles für das Heil Notwendige der Bibel zu entnehmen ist, bezieht sich damit darauf, dass „allein die Heilige Schrift der einige Richter, Regel und Richtschnur [ist], nach welcher als dem einigen Probierstein sollen und müssen alle Lehren erkannt und geurteilt werden, ob sie gut oder bös, recht oder unrecht seien.“ (FC, Epitome, Von dem summarischen Begriff, Regel und Richtschnur)
  11. Weil ein Text je nach Lesart unterschiedliche Aussagen erhalten wird, ist die christologische Lesart der Bibel nicht nur angemessen, sondern auch erforderlich, um die Bibel in ihrer textuell nachweisbar intendierten Funktion als Heilsschrift zu lesen. Diese Lesart ist daher allgemeingültig und nicht kulturell modifizierbar. Ihr Inhalt ist allen Menschen aller Zeiten gleich.
  12. Es braucht daher Zeugnisse und Erklärungen, die diese Lesart festhalten und verdeutlichen, wie sie im Raum der Kirche weitergegeben und bewahrt werden: „Die andern Symbola aber und angezogenen Schriften sind nicht Richter wie die Heilige Schrift, sondern allein Zeugnis und Erklärung des Glaubens, wie jederzeit die Heilige Schrift in streitigen Artikeln in der Kirche Gottes von den damals Lebenden verstanden und ausgelegt und derselben widerwärtige Lehre verworfen und verdammt worden.“ (FC, Epitome, Von dem summarischen Begriff)

[1] „Die Wendung sola scriptura geht zurück auf Martin Luthers Formulierung, dass allein die Schrift Königin sei („solam scripturam regnare“),[1] welche er in seiner Rechtfertigung Assertio („Freiheitserklärung“) von 1520 gegen die von Leo X. ausgestellte Bannandrohungsbulle verwendete. Auch die anderen drei solae gehen auf Martin Luther zurück.“ – Quelle: Wikipedia

[2] Das heißt allein aus dem Glauben an und dem Vertrauen auf Christus und seine Heilstat, seinen Tod zur Vergebung der Sünden.

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