Widersprüche – unsere Serie zu exegetischen Problemen – Teil 5: Der König aller Königreich

In dieser Serie wollen wir uns in loser Folge mit exegetischen Themen beschäftigen – Fragen der Bibelauslegung also. Dabei soll u.a. zur Sprache kommen, welche wissenschaftstheoretischen Probleme die Bibelwissenschaft hat. Neben Grundsätzlichem sollen aber auch Einzelbeobachtungen angesprochen werden. Der folgende dritte Gastbeitrag aus der Feder eines Exegeten schließt sich an diesen und diesen Beitrag nahtlos an, um etwas näher zu beleuchten, was es mit dem Verhältnis zwischen Altem und Neuem Testament auf sich hat. 

 

Im letzten Blogbeitrag haben wir gesehen wie das Neue Testament das alttestamentliche Konzept von „Herrlichkeit“ aufnimmt und auf Christus hin deutet. Heute möchte ich ein weiteres Beispiel dafür anführen, wie bewusst die theologischen Linien des Alten Testaments im Neuen Testament fortgeführt werden: Jesus Christus, ein „König aller Königreich“. Wenn das Lied diesen auf den „Herrn der Herrlichkeit“ folgen lässt, stimmt es ganz mit seiner Vorlage aus Psalm 24 überein. Denn für das Alte Testament ist zu allererst Gott selbst der König: „Wer ist der König der Ehre? Es ist der Herr Zebaoth; er ist der König der Ehre“ (Für „Ehre“ steht im Hebräischen kabod, das wir vom letzten Mal schon kennen. Es ließe sich also genauso gut mit Herrlichkeit übersetzen!).  Zugleich weiß das Alte Testament jedoch auch um eine lange Reihe menschlicher Könige, die das Volk Israel regiert haben. Sie beginnt mit Saul und wird mit David und Salomo fortgeführt, bevor das Reich in zwei Teile zerfällt. Mit dem politischen Untergang zuerst des Nord-, dann des Südreiches, endet auch die biblische Geschichte der Könige.

Ganz abgesehen von der historischen Dimension stellt sich für uns aber vor allem die Frage nach der theologischen Bedeutung des Königtums. Hier hilft ein Blick in die Psalmen weiter, von denen einige wohl ursprünglich dem Hofzeremoniell entstammen. So verorten viele historische Rekonstruktionen Psalm 2 ursprünglich im Rahmen eines Thronbesteigungsrituals: Gott ist es, der den König einsetzt und ihm seine Macht verleiht (Ps 2,6). Der wiederum wird am Tage seiner Krönung von Gott „gezeugt“, als „Gottes Sohn“ angenommen (Ps 2,7). Auch anderswo bezeichnet das Alte Testament den König als den „Sohn Gottes“ (z.B. Ps 89,27; 2 Sam 7,14), denkt dabei aber keineswegs an einen tatsächlichen Zeugungsakt, wie es z.B. in Ägypten der Fall war. Es geht ihm vielmehr darum, die unmittelbare Nähe des Königs zu Gott und die ihm durch Gott verliehene Macht auszudrücken. Auch das Ritual, den König als Zeichen seines göttlichen Auftrages zu salben, findet sich im alten Orient nur im Alten Testament. „Der Gesalbte“ (Ps 2,2, hebräisch: mashiach/משׁיח) ist hebräischer Königstitel.

Bei all dem ist der König sozusagen der verlängerte Arm Gottes. Seine Aufgabe ist es Gott als Herrscher zu repräsentieren, und das prinzipiell auf der ganzen Welt (vgl. etwa Ps 2,8-9; 20,10; 72,8). Deshalb sitzt er auch zu seiner Rechten (Ps 110,1). In Jerusalem war dies ganz offenkundig: Tempel und Palast standen in direkter Nachbarschaft zueinander. Konkret heißt dies, dass der König nach außen die Feinde des Gottesvolkes abwehrt und nach innen Recht und Ordnung aufrechterhält, eine Ordnung in der jeder zu seinem Recht kommt, ganz wie es das Gesetz Gottes vorsieht – besonders die Armen und Schwachen. Der König ist Garant des Wohlergehens seines Volkes und dazu gehört das soziale Gleichgewicht. Besonders die ersten drei Strophen von „Macht hoch die Tür“, fangen das biblische Königsideal ganz gut ein. Und auch in der Bibel ist es ein Psalm, der dies besonders plastisch ausdrückt. Psalm 72 beschreibt in lebhaften Bildern mit welcher Machtfülle der König herrschen soll. Gott ist es, der ihm „Recht und Gerechtigkeit“ gibt, damit er das Volk richte in Gerechtigkeit und die Elenden nach dem Recht (Ps 72,1-2). „Er wird gnädig sein den Geringen und den Armen, und den Armen wird er helfen“ (Ps 72,13). Und zugleich wird er alle Bedrohung von außen überwinden, denn „Alle Könige sollen vor ihm niederfallen und alle Völker ihm dienen.“ (Ps 72,11). Fast überflüssig eigens zu erwähnen, dass zu dieser Ordnung selbstverständlich die Beziehung zu Gott gehört. Es ist der König, der die Verantwortung für Tempelkult und Gottesdienst trägt (vgl. insb. die Berichte 1 Kön 8 und 2 Kön 23).

Die Latte ist also hoch gesteckt – und keiner der tatsächlichen Könige sollte sie erreichen. Wollte man die Geschichte der Dynastien in den beiden Schwesterstaaten medienwirksam aufarbeiten – neben den Hofintrigen, Korruptionsskandalen und Erbfolgestreitigkeiten würde jede HBO-Produktion verblassen. Ganz zu schweigen vom eklatanten Bruch mit dem Glauben und der Gottesverehrung, wie sie in den Büchern Mose geboten ist. Wenn wir heute an Propheten denken, denken wir wohl zu allererst an weise Männer, die die Zukunft vorhersagen. Dabei vergessen wir, dass die biblischen Propheten zuallererst Kritik am Staatsgefüge und den Führern ihres Volkes geübt und vom König eingefordert haben, sich wirklich als König zu verhalten. Denn „weh dem, der sein Haus mit Sünden baut und seine Gemächer mit Unrecht, der seinen Nächsten umsonst arbeiten lässt und gibt ihm seinen Lohn nicht.“ Ein Kapitel wie Jeremia 22 spricht Bände und es ist keineswegs das einzige seiner Art. Dass das Königtum unterging, führen die Geschichtsschreiber maßgeblich darauf zurück wie sehr es sich von Gottes Willen entfernt hatte.

Umso leuchtender waren die Hoffnungen, dass es einmal in seiner reinen Form wiederhergestellt werden sollte. Hatte Gott dem König David nicht einen ewigen Nachfolger verspochen (2 Sam 7,12-13)? „Der soll ein König sein, der wohl regieren und Recht und Gerechtigkeit im Lande üben wird.“ Einen, der in Wahrheit die ganze Welt zum Friedensreich macht (Jes 11,1-10)? „Ein Gerechter und ein Helfer“? Dass die letzten drei Texte einen festen Platz in der Advents- und Weihnachtszeit haben, kommt nicht von ungefähr. Auch, wenn das Neue Testament Jesus vergleichsweise selten explizit „König“ nennt, ist die Botschaft klar: Er ist es, der in Betlehem, der Stadt Davids, geboren wird (vgl. Mi 5,1). Er ist der „Christus, der Sohn des lebendigen Gottes“ (Mt 16,16). Und „Christus“ heißt auf Griechisch ja nichts anderes als mashiach/Messias auf Hebräisch: der Gesalbte. Aber nicht nur die Königstitel des Alten Testaments gehen auf Jesus über, auch die einschlägigen Psalmen werden auf ihn hin ausgelegt (z.B. Mk 12,36; Apg 4,25-26; Hebr 1,5). Mit dem Ideal der alttestamentlichen Königsvorstellung vor Augen, erschließt sich die innere Logik dieser Aussagen. Jesus, der „andere rettet“ (vgl. Mk 15,31f), der gesandt ist „zu verkündigen das Evangelium den Armen, zu predigen den Gefangenen, dass sie frei sein sollen, und den Blinden, dass sie sehen sollen, und die Zerschlagenen zu entlassen in die Freiheit“ (vgl. Lk 4,18-21) bringt das, was der König hätte bringen sollen. Aber zugleich ist er auch ganz anders. Vielleicht ist das eine Erklärung, warum das Neue Testament die Königstitel und die Vorstellung vom idealen König übernimmt, mit dem Wort „König“ selbst aber vorsichtig umgeht. Schließlich erwarteten viele im jüdischen Volk zur Zeit Jesu einen wirklichen König, der die Herrschaft der Römer abschütteln sollte, einen politischen Messias. Anders ist die Begeisterung, die Jesus umgibt, wenn er in Jerusalem einzieht, kaum zu erklären. Genauso wenig wie der plötzliche Stimmungsumschwung am Tag darauf. Das Volk, dass Jesus am einen Tag einen königlichen Einzug bereitet – wieder steht Sach 9,9 im Hintergrund – wendet sich am anderen Tag enttäuscht vom nun doch machtlosen Messias ab. Die meisten Stellen, an denen das Neue Testament offen von Jesus als „König“ spricht, stehen im Zusammenhang der Passionsgeschichte. Denn hier entscheidet sich sein Anspruch. Hier wird er von allen Seiten für seine augenscheinliche Machtlosigkeit verspottet, die so gar nicht zum Anspruch passt König zu sein (Lk 23,35-39). Aber nicht umsonst hatte Jesus schon zuvor davon gesprochen, dass wahre Macht anders aussieht als es gemeinhin scheint (Mk 10,42-55) und Petrus ermahnt, er könne von ihm nicht als Christus sprechen ohne sein Leiden zu berücksichtigen (Mk 8,29-33). Nicht wegen offenkundiger Machtdemonstrationen ist Jesus König, sondern weil er mit seinem Tod auch den letzten Feind des Menschen überwindet, den Tod selbst, und Gerechtigkeit bringt. Er sitzt wirklich zur Rechten Gottes (Mk 16,19). Und im Gegensatz zu den Königen des Alten Testaments besteht für ihn keine Diskrepanz zwischen dem Ideal, das sich in den oben angeführten Psalmen ausdrückt und der Wirklichkeit. Er ist der erste und einzige auf den ihre Spitzenaussagen tatsächlich zutreffen.

Noch deutlicher als am Beispiel Herrlichkeit zeigt sich hier, dass für die Autoren des Neuen Testaments zwei Dinge zusammengehören: Auf der einen Seite haben sie ihre Heiligen Schriften, unser Altes Testament. Aus ihnen ziehen sie ihre Theologie, ihr Vokabular. Auf der anderen Seite steht Jesus Christus und sie wollen verstehen, was sie mit ihm erlebt haben, zuvorderst seinen Tod am Kreuz. Wenn sie nun beides zusammenbringen, wird das Alte Testament nicht etwa verbogen oder gewaltsam uminterpretiert. Vielmehr stellt sich Jesus als Schlüssel, als eine Art optische Linse, heraus, die Licht auf bestimmte Aspekte des Alten Testamentes wirft und sie deutlich hervortreten lässt. Wenn Jesus und die Schrift sich gegenseitig auslegen wird deutlich, dass und wie es Gott ist, der in Jesus handelt.

Ein letztes Beispiel wie Altes und Neues Testament ineinandergreifen, findet sich vor allem in den letzten beiden Strophen von „Macht hoch die Tür“ und rundet unsere Überlegungen beim nächsten Mal ab: „eu’r Herz zum Tempel zubereit’“.

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