„Herr von Tarsus, Sie predigen im Römerbrief das Übergabegebet …“ „Ich predige was?!?!“

Zu unserem Beitrag, der die Lehre vom sogenannten „Übergabegebet“ exegetisch kritisierte und als eine der beiden Sakramentsersatzhandlungen in einigen grundsätzlich reformierten Traditionen (und das beinhaltet eben auch die meisten „Evangelikalen“ sowie Pfingstler/Charismatiker) einordnete, haben wir schon eine Rückfrage beantwortet. Nun soll auch noch Frederik endlich dran sein!

In den Hauptlinien kann ich dem Artikel folgen und stimme grundsätzlich zu, allerdings scheint mir doch, dass Röm 10 (nicht speziell Vers 13, aber vorher) doch eher von einem „Übergabegebet“ spricht. Vor allem Vers 9f spricht nicht von Taufe. Nehme ich dazu (klassischer Weise) noch 1Kor 12,3, dann liegt es Nahe, hieraus ein Übergabegebet abzuleiten oder zumindest ein öffentliches Bekenntnis als äußeres Zeichen, der innerlich wirkenden Gnade und des geschenkten Glaubens. [Ihr sagt jedoch, dass sich die Stelle] „innerhalb eines großen Arguments für die Erlösung allein aus Glauben befindet, und ein Zitat aus dem Propheten Joel in einer Reihe von Zitaten, die diesen Punkt unterstützen sollen“[sei] –> Wie kommt ihr zu dieser Aussage. Das kann ich nicht nachvollziehen.

Fangen wir also mit dem Kontext an: Wir sagten, die Belegstelle sei Teil eines Arguments für Erlösung allein aus Glauben. In seinem Brief hat Paulus bisher die allgemeine Sünde gezeigt (Kap. 1-3), dann die Rechtfertigung allein aus Glauben postuliert und an Abraham und Adam/Christus ausgearbeitet (3-5) und in der Taufe (*räusper*) kulminieren lassen (Kap. 6). Auf die Errettung folgt der neue Gehorsam (schon in Kapitel 6) und deshalb müssen wir über das Gesetz sprechen und enden im Simul justus et peccator mit dem großen Höhepunkt des „denn ich bin gewiss, dass weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte noch Gewalten…“ (bis Kap. 8). Dann aber beginnt ein besonderer Bogen, denn hiernach geht Paulus besonders auf das Volk Israel ein und es beginnt eine Fülle von Zitaten, die die Gnade nicht nach der Volkszugehörigkeit sondern nach der Erwählung durch Gott nachweisen. Kapitel 9 endet in dem Paradox: die Heiden haben nun die Gerechtigkeit aus Glauben, Israel jedoch suchte die Gerechtigkeit aus Werken.

Und nun kommt Kapitel 10, in dem Paulus sein Flehen für Israel beteuert und dann die Gerechtigkeit aus Werken mit der Gerechtigkeit aus dem Glauben kontrastiert. Und hier arbeitet Paulus mit vielen Zitaten, er verarbeitet sogar eine Stelle (5. Mose), die vermeintlich über das Gesetz spricht, und legt sie als das Gesetz des Glaubens betreffend aus. Und hieraus erwächst unsere Belegstelle: Paulus zitiert 5. Mose 30,14 „Das Wort ist dir nahe, in deinem Mund und in deinem Herzen“ und sagt, dieses Wort ist eben jenes „Wort des Glaubens, das wir predigen“, nämlich die Einheit des Bekennens der Herrschaft Christi mit dem Munde – wir erinnern und an Thomas‘ o kyrios mou kai o theos mou – mein Herr und mein Gott – und des Glaubens des Herzens, dass er von den Toten auferstanden ist.

Dass diese beiden Komponenten nicht voneinander getrennt werden können, ist klar. Denn es ist nicht verboten mit dem Mund zu bekennen, dass Christus von den Toten auferweckt ist. Auch ist seine Herrschaft ja nicht von diesem Fakt zu trennen. Auch Vers 10 – „Denn mit dem Herzen wird geglaubt zur Gerechtigkeit, und mit dem Mund wird bekannt zum Heil“ – ist ja keine sauber getrennte Dualität. Gerechtigkeit ist gleich Heil, Heil ist Gerechtigkeit.

Unser Joel-Zitat „Jeder, der den Namen des Herrn anruft, wird gerettet werden“ dient also genau dazu, zusammen mit den beiden Jesaja-Zitaten, zu untermauern, dass hier „kein Unterschied zwischen Jude und Grieche“ ist, und dass das Gesetz des Glaubens von der Schrift (also dem AT) verkündet wird. Auch ab Vers 14 geht es munter weiter mit den Zitaten, nun wieder genau im Bezug auf das Volk Israel und die Frage seines Heils, und dieser spezifische Argumentationsbogen endet dann mit Kapitel 11. Ab Kapitel 12 begeben wir uns, laut Luther, in den zweiten Teil des Briefes, der die Heiligung, sprich das Praktische, betrifft.

Noch kurz zu 1. Korinther 12,3 – „Deshalb tue ich euch kund, dass niemand, der im Geist Gottes redet, sagt: Fluch über Jesus!, und niemand sagen kann: Herr Jesus!, außer im Heiligen Geist.“ – diese Stelle befindet sich am Anfang der langen Besprechung der charisma und ist daher natürlich primär in diesem Kontext zu sehen. Auch ist sie keineswegs spezifisch auf das Bekennen eines zum ersten Mal Glaubenden, das dann unmittelbar die Errettung und den Empfang des Heiligen Geistes bedingt und nach sich zieht lesbar sondern eine Regel, die zeitlich und soteriologisch unspezifisch ist. Daher rückt sie unseren Text in kein anderes exegetisches Licht und wir schicken sie hiermit wieder zurück in den Korintherbrief.

Fassen wir also noch einmal zusammen: Wir sahen den großen Inhalt der ersten Hälfte des Römerbriefes als das Evangelium, speziell die Rettung allein durch Glauben. Von Kapitel 9 bis 11 beendet diesen Teil ein spezifischer Argumentationsbogen zur Frage der Errettung Israels und dem Gesetz der Werke und dem des Glaubens, dessen Zentralstück die Verse zur Glaubensgerechtigkeit bilden, deren Teil auch die klassische Belegstelle für das Übergabegebet ist.Es handelt sich hier also keineswegs um eine Anleitung zur Bekehrung – der Adressat die christliche Gemeinde in Rom – sondern darum, was rettender Glaube ist: der Glaube an Christus, den auferstandenen Gott-Menschen, in Herz und Mund und zwar zu jeder Zeit im Leben des Glaubenden. Als Eingang in Status der Errettung, als konkreten Punkt der Zueignung des Todes Christi, nennt auch der Römerbrief nur eins: die Taufe.

Wir müssen also auch hier wieder festhalten: es gibt keinerlei biblische Grundlage für die Lehre von der Errettung und dem gleichzeitigen Erstempfang des Heiligen Geistes durch ein spezifisches Gebet, dass das eigene Leben an Christus zu übergeben meint und ohne das keine Errettung stattgefunden haben kann.

2 thoughts on “„Herr von Tarsus, Sie predigen im Römerbrief das Übergabegebet …“ „Ich predige was?!?!“

  1. Ina

    Hey Alexander,

    nachdem wir uns neulich bei einem anderen Thema ein bisschen „beharkt“ haben (allerdings sehr produktiv, wie ich finde), melde ich mich heute mal mit einem rein positiven Feed-Back! 🙂

    Total wichtiges Thema, danke für die beiden Artikel!

    Ich habe solche Diskussionen häufiger mal, persönlich und im Internet… („Nein, ich habe nie ein Übergabegebet gesprochen, ich bin getauft.“ Und dann kommen die Tauf-Diskussionen… „Nein, ich halte nicht viel von der „Entscheidung für Jesus“, weil Gott an mir handelt. Nicht ich bin es, die sich rettet. Das wäre Werkgerechtigkeit.“ Und dann kommen die Diskussionen über den freien Willen.)

    Jetzt kann ich auf was verlinken (natürlich mit dem Vermerk „aber beim Thema Frauen sind die mir zu unklar“ – haste ja selber vorgeschlagen 🙂 )

    Ich habe übrigens den Eindruck, dass hier mal wieder deutlich wird, wie unterschiedlich „sola scriptura“ bei Evangelikalen und Lutheranern verstanden wird. Missverständnisse sind vorprogrammiert, weil Evangelikale die Bibel tendentiell eher so lesen, dass alle Teile gleich wichtig sind (und dann miteinander harmonisiert werden müssen), während der Lutheraner gewichtet: Jesus-Worte und konkrete Geschichten (im Zweifelsfall) vor Paulus.

    Kontext ist natürlich auch wichtig (gerade bei den Briefen), aber das meine ich hier konkret gerade nicht. Mit geht es allgemein darum, was Autorität hat. Manche meiner evangelikalen Freunde halten das nämlich für „liberal“, wenn ich gewichte, und ich sag dann ganz oft, „ne, das ist lutherisch“…

    Das hast Du ja bei dem Vorgängerartikel gegenüber dem Kommentar von Frederik auch angedeutet, dass und wie gewichtet werden muss. Vielleicht könntest Du das mal mehr ausarbeiten in einem Artikel (falls Du Zeit hast)? Oder hast Du das schon, und ich habe es bloß nicht entdeckt? (Sorry, ich hab auch so meine Zeitprobleme…)

    Viele Grüße
    Ina

    P.S.
    Bei unserer kleinen Diskussion neulich hattest Du zum Schluss auf eine Pro- und Kontra-Liste zur FO verwiesen, aber ohne Link. Ich hätte schon Lust, die mir mal anzuschauen, wie Du es vorgeschlagen hast. Wo finde ich die?

    Ich habe das Härle-Buch zum Thema inzwischen übrigens gelesen, und finde es sehr gut. Und das Biblischste, was ich von seriöser Seite dazu kenne.

    • A. Schneider

      Hey Ina!

      wir freun uns über jedes Feedback von Dir, eben weil man auch das kritische produktiv gestalten kann. 🙂

      Jawohl, gerne verlinken, gern mit dem Hinweis. Ja, ja die Exegese. Also da haben wir folgende Artikel (hier, hier, hier, und hier) dazu, die Einiges recht gut darlegen. Auch der Post hier könnte dabei interessant sein. Allgemein würde ich nicht auf diese Art zwischen „Evangelikalen“ und „Lutheranern“ unterscheiden. Was ich so heraushöre bei Deinen Beschreibungen ist da eher vl. eine Gewohnheit schon zu wissen, was die Bibel sagt, also keine Offenheit der Schrift gegenüber. Aber das sind ja, gerade bei Taufe und freiem Willen, Diskussionen zwischen reformierter und lutherischer Dogmatik und nicht in erster Linie exegetisch. Ich finde immernoch, das meine Argumente hier hauptsächlich literaturwissenschaftlicher Art, also exegetische Argumente sind: Wenn wir wissen wollen, was das NT über die Bekehrung lehrte, dann sollten wir uns zuerst Bekehrungsberichte und Bekehrungspredigten anschauen. Also ist Gewichten auf jeden Fall zwar ein Teil lutherischer Exegese, aber wenn man gewichtet ist man nicht gleich lutherisch. GEwichten allein ist also Form und nicht Inhalt.

      Das aber nur kurz, tut mir leid, ich hoffe z.B. den nächsten Podcast mal zu Inspirationsverständnissen zu machen, wäre hier ja interessant.

      Viele Grüße auch von uns,

      Alex

      P.S.: *facepalmendes Smiley* Wie dumm von mir! Funktioniert dieser Link?

      Das leider wieder nur kurz. Zu

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