Gottesdienstnachlese Ostern – Über unser Tun, Lassen und Politisch-Moralisches

Wir befinden uns in der Osterwoche, und wer etwas aufmerksamer Zeitungen und social media durchforstet hat, ist an mindestens einem der Themen Karfreitag, Ostern, Auferstehung, Jesus Christus oder Kirche und ihre Mitgliedszahl vorbeigekommen. Vieles Interessante, sicher auch manch langweiliger oder blödsinniger Gedanke war zu finden. Nun wollen wir zum Ende der Woche hin noch einmal einen Blick auf den Predigttext werfen, und damit den Blick zurückwenden von all den Debatten, die auch interessant sein mögen, hin zum Osterbericht selbst, um eine Frage zu stellen, die wir immer mal wieder stellen: Welchen Charakter hat das Christentum – also worum geht es eigentlich, wenn davon die Rede ist?

11 Maria aber stand draußen vor dem Grab und weinte. Als sie nun weinte, beugte sie sich in das Grab hinein

12 und sieht zwei Engel in weißen Gewändern sitzen, einen zu Häupten und den andern zu den Füßen, wo der Leichnam Jesu gelegen hatte.

13 Und die sprachen zu ihr: Frau, was weinst du? Sie spricht zu ihnen: Sie haben meinen Herrn weggenommen, und ich weiß nicht, wo sie ihn hingelegt haben.

14 Und als sie das sagte, wandte sie sich um und sieht Jesus stehen und weiß nicht, dass es Jesus ist.

15 Spricht Jesus zu ihr: Frau, was weinst du? Wen suchst du? Sie meint, es sei der Gärtner, und spricht zu ihm: Herr, hast du ihn weggetragen, so sage mir: Wo hast du ihn hingelegt? Dann will ich ihn holen.

16 Spricht Jesus zu ihr: Maria! Da wandte sie sich um und spricht zu ihm auf Hebräisch: Rabbuni!, das heißt: Meister!

17 Spricht Jesus zu ihr: Rühre mich nicht an! Denn ich bin noch nicht aufgefahren zum Vater. Geh aber hin zu meinen Brüdern und sage ihnen: Ich fahre auf zu meinem Vater und eurem Vater, zu meinem Gott und eurem Gott.

18 Maria Magdalena geht und verkündigt den Jüngern: »Ich habe den Herrn gesehen«, und was er zu ihr gesagt habe.

19 Am Abend aber dieses ersten Tages der Woche, da die Jünger versammelt und die Türen verschlossen waren aus Furcht vor den Juden, kam Jesus und trat mitten unter sie und spricht zu ihnen: Friede sei mit euch!

20 Und als er das gesagt hatte, zeigte er ihnen die Hände und seine Seite. Da wurden die Jünger froh, dass sie den Herrn sahen.

21 Da sprach Jesus abermals zu ihnen: Friede sei mit euch! Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch.

22 Und als er das gesagt hatte, blies er sie an und spricht zu ihnen: Nehmt hin den Heiligen Geist!

23 Welchen ihr die Sünden erlasst, denen sind sie erlassen; welchen ihr sie behaltet, denen sind sie behalten.

(Joh 20, Luther 2017)

Also: Was sagt uns Ostern über den Charakter des Christentums, das war unsere Frage. Die wird allerdings nicht erst von uns und in diesem Rahmen gestellt, sie begleitete irgendwie auch all die Oster-Christentumsdebatten, die es die letzten Tage gab, ebenso, wie sie eben schon immer gestellt wird, seitdem es Christen gibt und sie sich beschreiben oder von anderen beschrieben werden. Oft genug kommt dabei die Anschauung zum Vorschein, im Christentum ginge es um ein spezifisches Verhalten. „Wer die Gebote befolgt, der kommt in den Himmel“, kann eine dieser Zuschreibungen gefasst werden, die meist darauf hinauslaufen, dass es im Christentum um Moral ginge (egal, ob man die Forderungen dann gutheißt oder ablehnt). Korrektes moralisches Verhalten, christliche Werte, die christliche Kultur, das ist etwas, worauf sich unterschiedlichste Seiten beziehen. Es gehe darum, was du tust, wie du lebst – wie du am sozialen Zusammenleben teilnimmst, wie du dich wahlweise zu gesellschaftlich Schwachen, zu der eigenen Kultur (oder dem, was man dafür hält) stellst, oder auch, wie du dich gegenüber der Natur benimmst. Obwohl sehr unterschiedliche politische Ansichten da herauskommen können (und auch für die jeweilige Interpretation zugrunde liegen werden) – diese Auffassung, dass es ums Verhalten geht, wenn von Christentum die Rede ist, ist allen gemeinsam: Christen müssen tun. X oder Y.

Werfen wir auf diese Auffassung einen Blick aus Richtung des Predigttextes:

Was muss Maria tun, bevor sie Jesus sehen darf? – nichts

Was müssen die Jünger leisten, bevor Jesus sie besuchen kommt? – nichts

Wie sollen sie sich zu den Ausgegrenzten der Gesellschaft stellen? – nichts

Was sollen sie mit den Tieren machen? – nichts

Was sagt er über die Bewahrung der gewachsenen regionalen Kultur? – nichts

Bevor Jesus Maria und den Jüngern erscheint, gibt es keine moralische Prüfung. Maria sucht nach der Leiche. Die Jünger haben sich aus Angst eingesperrt. Das ist die Vorbereitung auf die Begegnung mit Christus. Und als er ihnen dann begegnet, gibt es keinen Moralnachholkurs. Die Aufforderung lautet stattdessen: Geh(t) hin, verkündigt meine Auferstehung, welchen ihr die Sünden erlasst, denen sind sie erlassen; welchen ihr sie behaltet, denen sind sie behalten. Anders ausgedrückt, die Inhalte, die Christus nennt, stehen einem materialistisch und irdisch geprägten moralischen Fortschreiten diametral entgegen.  Und so redet die Kirche – denn sie ist es, die Gemeinschaft der Glaubenden, zu der Christus hier spricht – grundlegend an solchem Gedankengut vorbei. Jedenfalls wenn sie denn Christi Kirche ist. Was Jesus an ‚Verhalten‘ von Maria fordert (dass sie ihn nicht berührt und dass sie den „Brüdern“ Christi sagt, dass er zum Vater auffahren wird) und wa von den Jüngern verlangt wird (dass sie anderen die Sünden erlassen und behalten sollen), das sind keine „christlichen Werte“, keine „abendländische Kultur“, aber es geht auch nicht um die Rettung der vom Menschen zerstörten Umwelt.

Worüber aber soll die Kirche reden? Sie hat den Auftrag, immer wieder von dieser tatsächlich geschehenen Singularität zu berichten: dem Gott-Mensch, dem Wesen, dass nicht sein darf, aber es doch ist; von dem, der die Welt und ihre grundlegendste Regel – alles Leben endet im Tod – zerbrochen hat und sie schon hier und jetzt neu schuf. Die alte Welt ist ein Kokon, der seither vertrocknet und letztendlich abgezogen und weggeworfen werden wird.

Was soll die Kirche tun? Sie, und speziell das Predigtamt, hat den Auftrag, von dieser komischen, immateriellen Frage der „Sünde“ zu reden und alle Ausflüchte ins Allgemeine und alles Zeigen auf den Anderen mit der Frage nach den eigenen dunklen Flecken zu beantworten. Sie predigt die schrecklichste Gleichheitsbotschaft: Alle sind Sünder und ermangeln des Ruhms, den sie bei Gott haben sollten. Und warum? Weil der Gott-Mensch, von dem sie immer faselt, ihr seine Macht gegeben hat, eben genau diese dunklen Flecken vollkommen auszuradieren. Die Tendenz, dass „Sünde“ niemanden mehr zu interessieren scheint, sollte die Kirche dabei nicht verwundern: zu gut sollte sie die Macht des „Nicht-Hinsehen-Wollens“ kennen. Denn ohne diesen Gott-Menschen ist man verdammt, in den Flecken zu ersaufen, wenn man sie nicht versucht auszublenden.

Und so beinhaltet auch der Predigttext die beiden Grundkomponenten der christlichen Lehre: zuerst das Evangelium, hier für Maria, und das Evangelium der Sündenvergebung zusammen mit dem Gesetz des Behaltens der Sünden. Was sagt Ostern also über den Charakter des Christentums? Dass es die christliche Botschaft für die Welt eine Torheit ist. Und, dass es nicht um unser Tun geht. Zumindest nicht bei der Frage, wie Gott uns nahekommt. Das tut er einfach. Da haben wir keinen Anteil. Unser Tun, das folgt daraus. Deshalb mag es als Christ keineswegs egal sein, was wir wem gegenüber tun. Die Grundsätze, wie wir uns unseren Mitmenschen und der Welt gegenüber verhalten sollen, werden von Jesus zusammengefasst – „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst ..“. In dieser Frage taucht aber kein „damit Gott dich liebhat“ auf. Denn darum geht es da nicht. Natürlich sollen wir unseren Nächsten (und das ist der Fremde, Andersgläubige, Ausgegrenzte ebenso wie unsere eigene Familie, vgl. die Geschichte vom barmherzigen Samariter) nach allen Kräften helfen. Aber damit kommen wir Gott nicht näher. Gute Werke sind für unsere Mitmenschen da, nicht für Gott. Denn, so formuliert es die Konkordienformel, wir „glauben, lehren und bekennen, daß unsere Gerechtigkeit vor Gott [folgende ist:] dass uns Gott die Sünde vergibt aus lauter Gnade, ohne alle unsere vor[her]gehenden, gegenwärtigen oder nachfolgenden Werke, Verdienst oder Würdigkeit, schenkt und rechnet uns zu die Gerechtigkeit des Gehorsams Christi, um welcher Gerechtigkeit willen wir bei Gott zu Gnaden angenommen und für gerecht gehalten werden.“ Und wir verwerfen, dass „die Gläubigen vor Gott gerechtfertigt werden und selig seien zugleich durch die zugerechnete Gerechtigkeit Christi und durch den angefangenen neuen Gehorsam oder zum Teil durch die Zurechnung der Gerechtigkeit Christi, zum Teil aber durch den angefangenen neuen Gehorsam.“ Gute Werke aber werden diesem Glauben, “ wenn derselbe nicht ein toter, sondern ein lebendiger Glaube ist, gewißlich und ungezweifelt folgen als Früchte eines guten Baumes.“

 

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