Valentins Differenzierungsapotheke: nah beieinander ist doch etwas ganz anderes

Viele Entwicklungen, die es in unseren heutigen Gemeinden gibt, sind keineswegs neu. Sie bestehen im Grunde schon seit der Urchristenheit, lediglich die Form oder die Bezeichnung haben sich – durch den Wandel der Welt, immer mal wieder verändert. Wie praktisch also, dass uns Valentin Ernst Löscher einen Beipackzettel an die Hand gibt, in denen die Symptome der verschiedenen Religionsübel genannt sind. Denn es gibt zwei Formen, wie problematische Entwicklungen in der Kirche auftreten: Einmal die, die deutlich zu erkennen sind, Löscher nennt hier Arianismus (Ablehnung der Trinität), Nestorianismus (Ablehnung der Einheit der Person Jesu) und Calvinismus (Ablehnung der Realpräsenz). Die kann man sehr gut erkennen, und niemand nimmt sie unbedacht an. Aber dann gibt es eben auch die, so Löscher, die „nicht leicht zu entdecken sind, doch wo ihnen nicht gewehrt wird, dennoch das Verderben der Kirche nach sich ziehen.“

Solche sind:

a) Das zur Ungebühr getriebene Ansehen und die ungebührliche Anerkennung von Macht der Menschen, woraus z.B. der Papismus entstanden ist

b) die unrechte und allgemeine Herrschaft der Vernunft in Glaubensdingen, die über und wider Gottes Wort hinaus geht, woraus z.B. Naturalismus und  Rationalismus entstanden sind

c) die unbegründete und allgemeine Herrschaft des eigenen Geistes und Triebes in Glaubensdingen über und wider Gottes Wort hinaus, die Fanatismus oder Enthusiasmus genannt wird

d) das übertriebene und mit unechten Mitteln verrichtete Treiben des Friedensbemühens, woraus der Synkretismus kommt und

e) das in unordentlicher Weise und mit schädlichen Mitteln verübte Betreiben des frommen Bemühens, woraus der Pietismus kommt.

 

Zu diesen kommen Eigensinn, Übereifer und Heftigkeit hinzu. Denn auch wenn man sich dem Papstum widersetzt, gehört es sich doch, die Menschen in der Kirche zu achten. Auch wenn man sich dem Naturalismus oder Enthusiasmus widersetzt, sollen doch Vernunft und innerliche Triebe deswegen nicht bestritten werden. Auch wenn man dem Synkretismus wehrt, soll man doch Friedensbemühungen anstellen. Also soll man auch, wenn man den Pietismus verwirft, doch Bemühungen der Frömmigkeit anstellen. Es erfordert eben das Amt eines treuen  Lehrers, dass man auch bei den guten und nützlichen Dingen auf das Böse, was diesen anzuhängen pflegt, acht gibt und demselben in aller Treue wehrt. Denn das Böse, das uns immer anhängt, muss überall, auch im Heiligtum, gereinigt und ausgefegt werden. Das Unkraut nämlich, das neben den schönsten Gewächsen steht, muss am fleissigsten ausgejätet werden.

Aus: V. E. Löscher, Timotheus Verinus I

Die Ablehnung von Irrlehre darf uns nicht dazu bringen, mit dieser auch alles andere automatisch abzulehnen, was Irrlehrer tun. Denn meist gibt es ja einen Grund, warum sie dazu kommen, Alternativen zu entwickeln oder bestimmte Aspekte überzubetonen. Und umgekehrt gilt dasselbe: nur weil jemand den Finger in die passende Wunde legt, kann er noch lange nicht die ganze Blutung stoppen.Denn es gilt eben weder, wer nicht gegen mich ist, ist für mich, noch, wer nicht für mich ist, ist gegen mich. Die Sache ist von Fall zu Fall zu entscheiden. Die EKD kann im Zweifelsfall durchaus richtige christliche Entscheidungen treffen, die wir dann nicht nur deshalb ablehnen sollten, weil wir, wie es in bestimmten kirchlichen Kreisen der Fall ist, die EKD nicht mögen. Und genauso kann es sein, dass mein Lieblingspfarrer oder mein liebster kirchlicher Verein Fehlentscheidungen treffen. Da können wir nicht nach unserem Geschmack beurteilen, was wir tun sollen. Wenn wir in der Apotheke lediglich nach Geschmack herausfinden wollten, welche Tablette hilft, hätten wir ein recht großes Problem. Besser ist es, die Packungen zu lesen und das die Experten zu fragen. So ist es auch in Fragen des Glaubens. Beurteilen können wir sie nicht nach unseren Werten und Geschmäckern, leiten muss uns stattdessen die Heilige Schrift und das Lutherische Bekenntnis.

 

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