Semper reformanda: Nö, lieber nicht! oder Die banale Alltäglichkeit der Rettung der Kirche

Warum der Ausspruch „ecclesia semper reformanda“ weder aus der Reformationszeit stammt, noch lutherisch ist, das haben wir bereits mehrfach aufgegriffen (vor allem hier und hier). Doch wollen wir uns dem Thema heute noch einmal widmen, noch einmal aus einer anderen Perspektive, nämlich der Valentin Ernst Löschers. Vier Punkte nennt er, wie eine Kirchenreform durchzuführen sei, soll sie christlich sein und der Kirche dienen:

1. Der zum Dienst an der Kirche Berufene wird, so viel ihm der Herr dazu Vermögen schenkt, sich bemühen, dass er dem Niedergang der Kirche widerstehe und das Zerfallene der Kirche durch Gottes Kraft wieder aufrichten möge.

 

2. Das aber ist keine Reformation, sondern ein ganz gewöhnlicher Teil der gewöhnlichen Berufung, also eine tägliche Aufgabe eines jeden Dieners der Kirche.

 

3. Wer also die Frömmigkeit fördern will, muss darauf achten, dass er diese der Gemeinde nicht aufdrängt (was eine Reformation wäre), weil man Reformen nie so einrichten kann, dass sie für alle an allen Orten nützlich und hilfreich sind.

 

4. Mit christlicher Klugheit versuche man also alle Mittel zunächst an der eigenen Gemeinde (die man am Besten kennt) und stelle das, was sich als hilfreich erwiesen hat, den anderen zur Verfügung – nicht aber zwinge man es ihnen auf, sondern lasse einen jeden erleuchteten Lehrer der Kirche selbst entscheiden, ob es nützlich ist.

Reformation wird hier bei Löscher als ein rechtlicher Begriff verstanden – so wie er auch ursprünglich Verwendung fand. Deshalb wurde im 16. Jh. die Einführung einer Reformation auch erst dann als vollzogen erachtet, wenn das ganze in einer Ordnung festgezurrt worden war, davon zeugen die ganzen Kirchenordnungen der Zeit. Eine solche Ordnung hatte damals rechtsverbindlichen Charakter, sie legte fest, wer wann was zu tun hatte und zu bezahlen hatte, etc. Das ganze war natürlich mit theologischen Inhalten gemischt. Aber es war keineswegs ein Kirchendokument im heutigen Sinne, sondern ging die ganze Ortschaft bzw. Region an (und wurde damit meist im Namen des jew. Herrschers verabschiedet).

Mit Ordnung aber verbindet sich Zwang. Eine solche Neuordnung soll man nach Löscher in der bestehenden, sich auf Schrift und Bekenntnise berufenden Kirche nicht erzwingen. Denn das Evangelium lässt sich nicht mit Gewalt predigen, sondern nur durch das Wort. Eine Kirchenreform kann deshalb immer nur an Äußerlichkeiten rütteln. Strukturveränderung scheidet also als Mittel zur Rettung der Kirche aus. Und Andererseits: diese Rettung ist nichts besonders, sondern eine alltägliche Aufgabe ihrer berufenen Diener (v.a. der Pfarrer). Das anzustrebende Ideal der Kirche ist dabei für Löscher (und auch uns) klar und für alle Zeiten gleich: (1) Reinheit der Lehre, d.h. der eine gleiche (alte) Glaube aller Christenheit soll gepredigt werden, und (2) Bedingung der Form durch diese Lehre und nicht umgekehrt. Was diesem Ziel jedoch faktisch zuträglich ist, hängt ganz von der jeweiligen lokalen Situation ab. Daraus werden sich dann Änderungen ergeben, die sich als praktisch erweisen. Doch die können je vor Ort unterschiedlich sein. Das trennt übrigens die Kirche nicht: „Denn dieses ist genug zu wahrer Einigkeit der christlichen Kirche, daß da einträchtiglich nach reinem Verstand das Evangelium gepredigt und die Sakramente dem göttlichen Wort gemäß gereicht werden. Und ist nicht not zu wahrer Einigkeit der christlichen Kirche, daß allenthalben gleichförmige Zeremonien, von den Kirchen eingesetzt, gehalten werden.“ (CA VII) – Wie wir schon sagten: Inhalt bedingt Form, nicht umgekehrt. Und nur Inhalt trennt. „Denn die Lehre scheidet die Kirchen, weil sie allein es ist welche kirchlich einigt“ (Prof. C. E. Luthardt, „Bedeutung der Lehreinheit für die Lutherische Kirche“, hier und hier dazu mehr).

Das Kirchenreformprogramm Löschers also? Gibt es gar nicht, und gibt es doch:  (1) Predige das reine Evangelium Christi, was das Zeug hält. (2) Tu es auf genau die Art und Weise, von der du merkst, dass sie dem Hörenden nutzt. (3) Erzähle anderen, mit welcher Art der Evangeliumspredigt du gute Erfahrung gemacht hast.

Bild: Aus dem Besitz der Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz, Handschriftenabteilung
www.portraitindex.de/bilder/zoom/sbb-wadzeck-000537

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