Mit Popcorn in der Vorlesung bei Luthardt: Jesus Christus – 3) Die Person Jesu Christi

Was und wie ist das mit dem historischen Jesus? Damit hatte sich der erste Teil des Vortrags beschäftigt. Und: Was können uns die Evangelien denn eigentlich sagen? Das war beim letzten Mal die Frage. Nun aber endlich kommen wir dazu, die eingangs gestellte Frage zu behandeln. Also: Fragen wir die Evangelien nach der Person Jesu!

Das ist das Eigentümliche der evangelischen Berichte, dass uns in denselben allenthalben die Person Jesu entgegentritt. Es ist uns unmöglich etwa bei der Lehre Jesu stehen zu bleiben, sondern allenthalben ist es Jesus selbst, dessen Bild wir in allem was er spricht wahrnehmen. Er ist es, der seinen Worten den eigentümlichen Reiz, jene wunderbare Mischung von strenger Erhabenheit und einschmeichelnder Liebenswürdigkeit verleiht, wodurch sie so unwiderstehlich werden. Von Jesus selbst geht jener Hauch aus, der sich über seine Worte legt und sie zu Worten des Lebens macht. Es ist die Gestalt Jesu selbst, die uns in Allem was er redet und thut erscheint, die den Mittelpunkt der Evangelien bildet.
Welches ist das Bild Jesu, das die Evangelien und entwerfen?
In einer abgelegenen Stadt Galiläas, so wird uns erzählt, in einem geringen bürgerlichen Hause wuchs Jesus auf. Zwar seine Geburt weist uns nach Bethlehem, der Davidischen Stadt, und wunderbare Vorgänge, welche mit derselben verbunden gewesen, werden uns berichtet. Aber die Gegenwart stand in keinem Zusammenhang mehr mit jenen früheren Vorgängen des neu anbrechenden Heils, da es war als sollte eine neue Sonne golden über Israel aufgehen, und nur noch wie ein Traum umgaben jene Wundervorgänge der ersten Tage die geringe Gegenwart. Ihre Zeugen waren meistens gestorben, unter den Überlebenden dort in Jerusalem und Bethlehem war die Kunde verschollen, man glaubte das wunderbare Kind unter den andern Kindern, welche Herodes seinem Misstrauen zum Opfer gebracht hatte, mit ermordet. Niemand redete dort mehr davon. Hier in Nazareth aber wusste Niemand davon, und Maria und Joseph bewahrten die Erlebnisse wie ein Geheimnis in ihrem Herzen, von dem sie zu Niemandem sprechen konnten, weil es Niemand verstand, von dem sie wohl unter sich selbst nicht zu sprechen wagten, weil sie es selbst nicht verstanden. Und am wenigsten wird wohl Maria davon zu ihrem Sohne gesprochen haben, denn wie sollte sie davon zu ihm reden? So wuchs er heran wie jeder andere Sohn im Hause seiner Eltern.
Aber die Erinnerungen des Davidischen Hauses, die großen Weissagungen und Hoffnungen die sich daran knüpften, lebten in den Herzen und erfüllten noch oftmals die Reden dieser Nachkommen ihres großen königlichen Ahnherrn. Das war die Luft die Jesus atmete. Und die Schrift, in die er nach jüdischer Sitte frühzeitig ein geführt wurde, war die Nahrung seines Geistes. Daran entwickelten sich seine Gedanken, daran bildete sich seine Erkenntnis, auch das Verständnis seiner selbst.
Wir möchten wohl gerne aus seiner Jugend Manches erfahren und die geschäftige Phantasie hat den leeren Raum mit allerlei Zügen legendenhafter Wundergeschichten ausgefüllt. Aber das ist alles Erdichtung. Nur ein einziges Begebnis und ein einziges Wort ist uns im Evangelium des Lukas aufbewahrt: das Wort des zwölfjährigen Knaben im Tempel zu Jerusalem, jenes Denkmal des sich entwickelnden Bewusstseins Jesu von sich selbst. Die Festreise und die heilige Stadt mit ihren Erinnerungen, der Tempel und sein Kultus, alles was er da sah und hörte, empfand und dachte es mochte ihn mächtig erregt haben und gab seinen Gedanken einen neuen Schwung. Da begann denn auch das Geheimnis seines Wesens ihm klarer und gewisser zu werden. Er fühlte es und erkannte es, dass er seinem Vater im Himmel näher stehe als seinen Eltern auf Erden, dass die Gemeinschaft Gottes mehr seine Heimat sei als das irdische Haus in dem er wohnte und aufwuchs. Wie ein erster lichter Strahl bricht dieser Gedanke und dieses Wort aus der Tiefe seiner Seele hervor und erleuchtet sein eigenes Innere.

Von da begann das Wunder feines Wesens ihm immer mehr und immer deutlicher in sein Bewusstsein einzutreten. Er hat sich selbst verstehen gelernt. Aber er schwieg. Er war seinen Eltern untertan, er hat die Pflichten eines Sohnes erfüllt wie jeder Andere, er hat seinem Pflegevater in seinem Handwerk geholfen, er hieß der Zimmermann in Nazareth wie jener, er hat, wenn Joseph wie es scheint frühzeitig starb, an dessen Stelle als der Elteste des Hauses für den Lebensunterhalt des Hauses gesorgt – aber er schwieg. Er trug das Wunder seines Wesens als ein stilles, seliges Geheimnis in seiner Seele und schwieg. Er ging allsabbatlich in die Synagoge in Nazareth nach jüdischem Brauch, er hörte Gesetz und Propheten vorlesen und erklären, selbst verblieb in seinem Schweigen; demütig wartend, bis ihm sein Vater ein Zeichen geben würde, dass er hervortreten und von dem, was er in seiner Seele stets bewahrte, laut, öffentlich Zeugnis ablegen solle.
Wir brauchen uns nicht zu beklagen, dass wir von seiner Jugend und seiner inneren Entwicklung zu wenig wüssten. Wir wissen genug. Und was wir wissen aus der Zeit seiner Stille, das ist mit Einem Worte die Demut, welche uns in dem Bilde, das uns die wenigen Züge der geschichtlichen Erzählung vor Augen stellen, vor Allem entgegentritt.
Und das ist auch der hervorstechendste Zug in dem Bilde aus der Zeit seines öffentlichen Wirkens.
Er kommt zum Täufer, sich von ihm taufen zu lassen wie jeder Andere zum Anbruch des Himmelreichs, ob er gleich wusste daß er der Bringer desselben sei. Der Täufer weigert sich und begehrt vielmehr die Taufe von ihm als dem Höheren und Größern, dem er nicht wert sei auch nur die Schuhriemen aufzulösen; aber Jesus heißt ihn sein Wert auch an ihm tun: Lass es also sein, es gebührt uns alle Gerechtigkeit zu erfüllen. Ein wunderbares Zeugnis, so wird berichtet, legt der Vater bei der Taufe über seinen Sohn ab. Jesus steigt schweigend aus dem Wasser und geht in die einsame Wüste. Dort hat er geheimnisvolle Versuchungen bestanden und erst nachdem er darin seinen selbstlosen Berufsgehorsam bewährt, kehrt er zurück in die Nähe des Täufers, schweigend seines Weges gehend.

Etliche Jünger Johannis folgen ihm nach. „Kommt und seht!“ ist sein ganzes Wort. Aber der Eindruck seiner Persönlichkeit hat sie dann für ihr ganzes Leben an ihn gebunden. Er kehrt zurück in seine Heimat, er besucht jene Hochzeit in Rana – in allem was er tut und redet sehen wir die demütige Zurückhaltung, die nur Schritt vor Schritt vorwärts geht auf dem Wege den Gott ihn gehen heißt und es gedudig erwartet, dass sein Berufswirken. sich immer mehr entfalte und ausbreite – bis denn das wachsende Aufsehen, welches seine Worte und Taten, welches seine ganze Erscheinung erregte, von immer weiteren Entfernungen die Scharen zu ihm führte und er allmählich eine religiöse Bewegung hervorrief, welche die Grenzen Israels erfüllte, aber bald auch die Feindschaft seiner Gegner nur um so mehr wachrief und steigerte.
Sein Leben war ein Wanderleben voll Unruhe und Entbehrung, ein Arbeitsleben voll aufreibender Thätigkeit.

Gleich am Anfang seiner galiläischen Wirksamkeit erscheint es uns so. Er war von Nazareth aufgebrochen um Kapernaum zum Mittelpunkt seiner Wirksamkeit zu machen. Er hatte unterwegs gelehrt, von Volksscharen begleitet kommt er an das Ufer des galiläischen Sees, er besteigt ein Schiff, sich dem Gedränge zu entziehen und von hier aus zu lehren, er beruft Jünger in seine Nachfolge, er geht in die Synagoge, lehrt und heilt unter großer Aufregung des Volks; von da in das Haus der Schwiegermutter des Betrus und befreit sie von ihrem Fieber; am Abend, nachdem der Sabbat vorüber war, bringt man ihm von allen Seiten Kranke und Besessene vor das Haus und er ist bis tief in die Nacht damit beschäftigt, ihnen Hilfe zu leisten; vor Beginn des Tages bricht er auf in die Einsamkeit hinauszugehen, um in der Stille zu beten; aber auch dahin kommt man ihm nach und sucht ihn. So begann seine Wirksamsamkeit in Kapernaum, so setzte sie sich an anderen Orten fort und mehr als einmal berichtet der Evangelist, dass man ihm nicht einmal zum Essen Zeit gelassen habe, und es kam wohl vor, dass er so hingenommen war von der Arbeit, dass man glaubte, ihn mit Gewalt zurückalten zu müssen, weil man fürchtete, er werde von Sinnen kommen (Mk 3, 21).

So war der Anfang jener galiläischen Wirksamkeit. Und so war es Wochen, Monate lang, über Jahr und Tag. Die Evangelien geben und hinreichende Anhaltepunkte, um uns ein Bild seines galiläischen Berufslebens machen zu können. Es war eine äußerlich und innerlich aufregende und aufreibende Tätigkeit, welche wir ihn üben sehen. Fragen wir aber, welches die Seele dieser Wirksamkeit gewesen, so werden wir sagen müssen: es ist ein Heilandsleben, das uns geschildert wird, ein Leben das den Armen, Kranken, Verlassenen und Verachteten gewidmet war, ein Leben der Hingebung an die Unglücklichen, um das Leid des Lebens, vor Allem den Druck der Seele von ihnen zu nehmen Die Sünder und Zöllner, die Trauernden und Weinenden – die sind es, deren Gesellschaft er aufsucht. Den Betrübten bringt er seinen Trost, und die Mühseligen und Beladenen ruft er zu sich um sie zu erquicken. Es ist der Geist der erbarmenden Liebe und der wohltuenden Milde, der die Seele seines Tuns und Lebens bildet. Das Alte Testament erzählt uns von einer Gottesoffenbarung die dem Propheten Elias zu Teil geworden (2 Kön. 19,11 ff.): ,,Und siehe der HErr ging vorüber, und ein großer starker Wind, der die Berge zerriss und die Felsen zerbrach vor dem HErrn her, der HErr aber war nicht im Winde. Nach dem Winde aber kam ein Erdbeben; aber der HErr war nicht im Erdbeben. Und nach dem Erdbeben kam ein Feuer; aber der HErr war nicht im Feuer. Und nach dem Feuer kam ein stilles sanftes Sausen. Da das Elias hörte, verhüllte er sein Antlitz.“ So war Gott in Christo.
Wenn je die Liebe auf Erden erschienen ist, so ist sie in Jesu Christo erschienen, in der Gestalt der Sanftmut und Demut. Aber über diese demütige Gestalt des Sünderheilands ist doch ein Glanz der Hoheit ausgegossen, der uns unwillkürlich vor ihm auf die Knie zieht. Wer kann ihn betrachten in seinem stillen Gang ohne das Geheimnis der verborgenen Majestät in ihm zu ahnen und aus allem seinem Reden und Tun herausleuchten zu sehen? Und aus seiner tiefsten Erniedrigung am meisten.
Man hat ihm seine Liebe mit dem Verbrechertod am Schandpfahl des Kreuzes gelohnt. Nachdem er Allen wohlgetan in seinem Leben, ist er aus diesem Leben mit der Dornenkrone auf dem Haupt hinausgegangen. Dreiunddreißig Jahre etwa war er alt als er starb – und wie starb! Was menschlicher Hass Wehtuendes erfinden kann, das hat sich hier vereinigt. Und Jesus war nicht ein apathischer Stoiker, der mit stolzer Verachtung auf das Leiden und die Menschen die ihm dasselbe zufügten herabsah. Er hat es alles in tiefster Seele empfunden. Je größer seine Liebe war, um so schwerer empfand er es, dass sein Volk, das zu erlösen er gekommen war, ihn so schnöde verwarf. Man kann nichts Ergreifenderes lesen als die schlichten, einfachen, schmucklosen Berichte der Evangelisten von den letzten Stunden Jesu. Fast gleichgültig erzählen sie die Vorgänge nacheinander ohne eine Bemerkung, welche die Bewegung ihrer Seelen verriete. Aber um so erschütternder ist ihr Bericht. Nicht sie reden in demselben zu uns, sondern nur die Sache. Und wie redet die Sache! Es ist nicht ein gewöhnliches menschliches Leiden, was wir hier schauen. Was wir in Gethsemane, was wir am Kreuze sehen und hören, das heißt uns ein tieferes Geheimnis ahnen. Es ist ein inneres Ringen seiner Seele mit Gott das wir wahrzunehmen glauben, es sind Vorgänge der unsichtbaren Welt die durch die Hülle der sichtbaren Vorgänge hindurchscheinen. Wir fühlen es: hier vollzieht sich eine große, geheimnisvolle Tat der Geschichte. Es ist das Opfer der Versöhnung das wir ahnen.
Aber unter allen diesen Leiden die über ihn hereinbrechen, bleibt er sich gleich. Die demütige Gelassenheit, mit der er über sich ergehen lässt was die Bosheit über ihn brachte, und die vergebende Liebe, mit der er den Hass erwiedert, treten uns hier noch überwältigender entgegen als in seinem Leben. Jene hat auch den Verräter erschüttert und diese den Schächer bekehrt. Und aus dem Allen leuchtete ein so mächtiger Glanz stiller Größe und Hoheit, dass auch der heidnische Hauptmann in das Bekenntnis ausbrach: wahrlich dieser ist Gottes Sohn gewesen! Und auch wir werden sagen müssen: hier ist mehr als ein Weiser, hier ist mehr als ein Märtyrer, hier ist mehr als ein Mensch.Das Geheimnis seines Leidens und Sterbens erschließt sich uns durch das Geheimnis seiner Person.

aus: Christoph Ernst Luthardt, Apologetische Vorträge über die Grundwahrheiten des Christentums, Zehnter Vortrag. Die Person Jesu Christi, Leipzig 1864, 198ff.

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