Kontörtchen. Schmackhaft-schmale Stücke aus der Konkordienformel. Heute: Die missverstandene Weihnachtstorte

In der Serie „Kontörtchen“ präsentieren wir Ausgewähltes aus der Konkordienformel. Heute behandeln wir endlich den ersten Punkt der Konkordienformel, nämlich die Erbsünde.

Es soll ja Torten geben, die unscheinbar aussehen und dennoch fabelhaft schmecken. Genauso gibt es auch sehr gute Tortenideen, die dann durch das Dekor ihren wunderbaren Charakter verlieren, weil alles durch zu viel kaugummiartige Deckschichten verkleistert wird. Ähnlich ist es mit dem ersten Punkt der Konkordienformel: Er wirkt auf den ersten Blick wahrlich unattraktiv, ja unansehnlich, weil so vorhersehbar und langweilig. Denn die Konkordienformel wird nicht eröffnet durch einen Artikel über Gott, über Jesus Christus oder ähnliche ganz wichtige Dinge des Glaubens, sondern mit einem über die Erbsünde. Und da kann man niemandem verwehren, den Blick wieder abzuwenden. Ist das nicht ein altes Lied? Die Kirche, die den Menschen irgendetwas über eine Sünde erzählt, für die diese gar nichts können, um sie so gefügig zu machen? Noch dazu sagt doch Augustin, dass die Erbsünde beim Zeugungsakt weitergegeben werden soll: Also, die prüde Kirche, die allen ihre engstirnige Moral aufdrücken will. Und dieses Vorurteil ist ja auch nicht ganz von der Hand zu weisen: Die Lehre von der Erbsünde, gerade so, wie sie Augustinus geprägt hat, wurde oft genutzt, um ganz engstirnige sexualmoralische Ideen aufzuzwingen. Doch, schauen wir uns das mal genauer an und schneiden den Augustinusdekor von der Torte. Worum geht es wirklich?

Zunächst zum Begriff: Wie die Konkordienformel im zweiten Teil dieses Artikels festhält, ist der Begriff Erbsünde gar nicht so zielführend. Stattdessen könnte man auch „Natursünde, Personsünde oder wesentliche Sünde“ sagen. Es geht um etwas, was den ganzen Menschen in seinem Wesen, seiner Art, ihn als Person betrifft – und nicht um eine gewisse moralische Verfehlung. „Denn die Erbsünde ist nicht eine Sünde, die man tut, sondern sie steckt in der Natur, Substanz und Wesen des Menschen.“ Es geht ums Grundsätzliche. Dazu wird auf Mt 15 und Gen 6 verwiesen: “Aus dem Herzen kommen arge Gedanken”; “Das Dichten des menschlichen Herzens ist böse von Jugend auf.”

Warum ist das so? Ist der Mensch nicht ein Geschöpf Gottes? Gibt es nicht viel Gutes, das Menschen tun? Ja und Ja. Doch gibt es, wie die Konkordienformel erklärt, einen Unterschied zwischen dem Menschen, den Gott geschaffen hat, und dem Menschen, der sich im Sündenfall von ihm ab- und sich selbst zuwandte. Und dennoch bleibt auch dieser Mensch ein Geschöpf Gottes. Er ist kein Wesen, das etwa vom Teufel geschaffen wäre. Nur deshalb konnte Christus unser Bruder werden, als er Mensch wurde – weil er Mensch wie wir wurde, nur nicht sündig.

Und dennoch: Die Erbsünde ist nicht der Mensch, aber sie beeinträchtigt ihn so sehr, dass er aus eigener Kraft nicht zu Gott kommen kann. Hier an dieser Stelle – es mag überraschen – wird die Torte schmackhaft. Denn hier erklärt sich, warum dieser Artikel der erste der Konkordienformel ist. Es geht los mit dem Menschen, weil Sinn, Ziel und Zweck der Bekenntnisse das Wohlergehen des Menschen sind. Er ist die Hauptsache. Zugleich geht es los mit einer offenen und ehrlichen Analyse des Zustands des Menschen. Und zum dritten weist schon dieser erste Artikel den Weg aus der Sackgasse: Nicht, indem der Mensch auf sich blickt. Nicht, indem er es besser macht. Nicht, indem er sich mehr Mühe gibt, sich mehr anstrengt, konsequenter ist, sich zusammenreißt. Sondern, indem Gott zu ihm kommt, Mensch wird, indem Weihnachten wird. Der Artikel von der Erbsünde ist eine riesige Leuchtreklame, die auf das Kind in der Krippe zeigt: Hier liegt die Lösung für euer Problem, hier könnt ihr euer Heil fassen und greifen. Und das schmeckt doch wirklich süß und gut.

Und hier für die Detailverliebten noch einmal die Abschnitte des Artikels:

1. Wir glauben, lehren und bekennen, dasein Unterschied sei zwischen der Natur des Menschen, nicht allein wie er anfangs von Gott rein und heilig ohne Sünde erschaffen, sondern auch wie wir sie jetzund nach dem Fall haben, nämlich zwischen der Natur, so auch nach dem Fall noch eine Kreatur Gottes ist und bleibt, und der Erbsünde, und dass solcher Unterschied so groß wie der Unterschied zwischen Gottes und des Teufels Werk sei.

2. Wir glauben, lehren und bekennen auch, dass über solchem Unterschied mit höchstem Fleiß zu halten, weil diese Lehre, dass zwischen unserer verderbten Menschennatur und der Erbsünde kein Unterschied sein sollte, wider die Hauptartikel unsers christlichen Glaubens von der Erschaffung, Erlösung, Heiligung und Auferstehung unsers Fleisches streitet und neben denselben nicht bestehen kann.

Denn nicht allein Adams und Evas Leib und Seele vor dem Fall, sondern auch unsern Leib und Seele nach dem Fall, unangesehen dass sie verderbt, [hat] Gott geschaffen, welche auch Gott noch für sein Werk [an]erkennt, wie geschrieben steht Hiob 10: “Deine Hände haben mich gearbeitet und gemacht alles, was ich um und um bin.” Deut. 32; Jes. 45. 54. 64; Act. 17; Ps. 100. 139; Eccl. 12.

Es hat auch der Sohn Gottes in Einigkeit seiner person solche menschliche Natur, doch ohne Sünde, und also nicht ein fremd, sondern unser Fleisch an sich genommen, und [ist] nach demselben unser wahrhaftiger Bruder [ge]worden. Hebr. 2: “Nachdem die Kinder Fleisch und Blut haben, ist er’s gleichermaßen teilhaftig worden.” Item: “Er nimmt nirgend die Engel an sich, sondern den Samen Abrahams nimmt er an sich; daher muß er allerdinge seinen Brüdern, ausgenommen die Sünde, gleich werden.” Also hat es auch Christus erlöst als sein Werk, heiligt es als sein Werk, erweckt es von den Toten und ziert es herrlich als sein Werk. Aber die Erbsünde hat er nicht erschaffen, nicht angenommen, nicht erlöst, nicht geheiligt, wird sie auch nicht erwecken an den Auserwählten, weder zieren noch selig machen, sondern in der Auferstehung gar vertilgt sein wird.

Daraus der Unterschied zwischen der verderbten Natur und der Verderbung, so in der Natur steckt und die Natur dadurch verderbt worden, leichtlich zu erkennen.

3. Wir glauben, lehren und bekennen aber inwiederum, dass die Erbsünde nicht sei eine schlechte [geringe], sondern so tiefe Verderbung menschlicher Natur, daß nichts Gesundes oder unverderbt an Leib und Seele des Menschen, seinen innerlichen und äußerlichen Kräften geblieben, sondern wie die Kirche singt: “Durch Adams Fall ist ganz verderbt menschliche Natur und Wesen”; welcher Schade unaussprechlich, nicht mit der Vernunft, sondern allein aus Gottes Wort erkennet [erkannt] werden mag; und dass die Natur und solche Verderbung der Natur niemand voneinander scheiden könne denn allein Gott, welches durch den Tod in der Auferstehung gänzlich geschehen, da unsere Natur, die wir jetzt tragen, ohne die Erbsünde und von derselben abgesondert und abgeschieden, auferstehen und ewig leben wird, wie geschrieben steht Hiob 19: “Ich Werde mit dieser meiner Haut umgeben werden und werde in meinem Fleisch Gott sehen; denselben werde ich mir sehen, und meine Augen werden ihn schaün.”

Verwerfung der falschen Gegenlehre.

1. Demnach verwerfen und verdammen wir, wenn gelehrt wird, dass die Erbsünde allein ein reatus oder Schuld von wegen fremder Verwirkung, ohne einige unserer Natur Verderbung sei.

2. Item, dass die bösen Lüste nicht Sünde, sondern angeschaffene wesentliche Eigenschaften der Natur seien, oder als wäre der obgemeldete Mangel oder Schade nicht wahrhaftig Sünde, darum der Mensch außerhalb Christo ein Kind des Zornes sein sollte.

3. Desgleichen verwerfen wir auch den pelagianischen Irrtum, da vorgegeben wird, dass die Natur des Menschen auch nach dem Fall unverderbt und sonderlich in geistlichen Sachen ganz gut und rein in ihren naturalibus, das ist, in ihren natürlichen Kräften, geblieben sei.

4. Item, dass die Erbsünde nur von außen ein schlechter, [ge]ringschätziger, eingesprengter Fleck oder anfliegender Makel sei, darunter die Natur ihre guten Kräfte auch in geistlichen Sachen behalten habe.

6. Item, dass die Erbsünde sei nur ein äußerlich Hindernis der guten geistlichen Kräfte und nicht eine Beraubung oder Mangel derselben; als wenn ein Magnet mit Knoblauchsaft bestrichen wird, dadurch seine natürliche Kraft nicht weggenommen, sondern allein gehindert wird; oder daß derselbe Makel wie ein Fleck vom Angesicht oder Farbe von der Wand leichtlich abgewischt worden könnte.

6. Item, daß im Menschen nicht gar verderbt sei menschlich Natur und Wesen, sondern der Mensch habe noch etwas Gutes an ihm [an sich], auch in geistlichen Sachen, als nämlich Frömmigkeit [*Fähigkeit], Geschicklichkeit, Tüchtigkeit oder Vermögen, in geistlichen Sachen etwas anzufangen, zu wirken oder mitzuwirken.

7. Dagegen verwerfen wir auch die falsche Lehre der Manichäer, wenn gelehrt wird, daß die Erbsünde als etwas wesentlich es und Selbständiges durch den Satan in die Natur eingegossen und mit derselben vermengt [sei], wie Gift und Wein gemengt werden.

8. Item, dass nicht der natürliche Mensch, sondern etwas anderes und Fremdes im Menschen sündige, deswegen nicht die Natur, sondern allein die Erbsünde in der Natur angeklagt werde.

9. Wir verwerfen und verdammen auch als einen manichäischen Irrtum, wenn gelehrt wird, dass die Erbsünde sei eigentlich und ohne allen Unterschied des verderbten Menschen Substanz, Natur und Wesen selbst, also daß kein Unterschied zwischen der verderbten Natur nach dem Fall an ihr selbst und der Erbsünde sollte auch nicht gedacht, noch mit Gedanken voneinander unterschieden werden können.

10. Es wird aber solche Erbsünde von Luthero Natursünde, Personsünde, wesentliche Sünde genennet [genannt], nicht dass die Natur, Person oder das Wesen des Menschen selbst ohne allen Unterschied die Erbsünde sei, sondern daß mit solchen Worten der Unterschied zwischen der Erbsünde, so in der menschlichen Natur steckt, und den andern Sünden, so man wirkliche Sünden nennt, angezeigt würde.

11. Denn die Erbsünde ist nicht eine Sünde, die man tut, sondern sie steckt in der Natur, Substanz und Wesen des Menschen; also wenngleich kein böser Gedanke nimmer im Herzen des verderbten Menschen aufstiege, kein unnütz Wort geredet [würde], noch böse Tat geschähe, so ist doch die Natur verderbt durch die Erbsünde, die uns im sündlichen Samen angeboren wird und ein Brunnqüll ist aller andern wirklichen Sünden, als böser Gedanken, Worte und Werke, wie geschrieben steht: “Aus dem Herzen kommen arge Gedanken”; item: “Das Dichten des menschlichen Herzens ist böse von Jugend auf.” Matth. 15; Gen. 6.

12. So ist auch wohl zu merken der ungleiche Verstand des Wortes: “Natur”, dadurch die Manichäer ihren Irrtum bedecken und viel einfältige Leute irremachen. Denn zuzeiten heißt es des Menschen Wesen, als wenn gesagt wird: Gott hat die menschliche Natur geschaffen. Zuzeiten aber heißt es die Art und Unart eines Dinges, die in der Natur oder Wesen steckt, als wenn gesagt wird: Der Schlange Natur ist stechen, und des Menschen Natur und Art ist sündigen und Sünde; da das Wort: “Natur” nicht die Substanz des Menschen, sondern etwas heißt, das in der Natur oder Substanz steckt.

13. Was aber die lateinischen Worte substantia und accidens belangt, weil es nicht Heiliger Schrift Worte sind, dazu dem gemeinen Mann unbekannt, sollen dieselben in den Predigten vor dem gemeinen unverständigen Volke nicht gebraucht, sondern des einfältigen Volks damit verschont werden.

Aber in der Schule bei den Gelehrten, weil sie wohl bekannt und ohne allen Mißverstand gebraucht, dadurch das Wesen eines jeden Dings, und was ihm zufälligerweise anhängt, eigentlich unterschieden [wird], werden solche Worte auch billig in der Disputation von der Erbsunde behalten.

Denn der Unterschied zwischen Gottes und des Teufels Werk auf das deutlichste dadurch angezeigt [wird], weil der Teufel keine Substanz schaffen, sondern allein zufälligerweise aus Gottes Verhängnis die von Gott erschaffene Substanz verderben kann.

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