Nach-Denken. Über vernünftigen Glauben und unvernünftiges Wissen.

Vernunft und christlicher Glauben ist Gegenstand von Auseinandersetzungen seit es die christliche Kirche gibt. Dass es dabei unterschiedlichste Differenzierungen gibt, wird deutlich, wenn schon die Bezeichnung der Fragestellung nach „Glaube und Vernunft“, „Vernunft und Glaube“, „Glaube oder Vernunft“, „Glaube wider Vernunft“ u.v.m. in den Blick genommen und näher betrachtet wird.

In welcher Form ist nun die Vernunft für die lutherische Theologie, das heißt, für eine christliche Kirche, von Bedeutung?

Biblisch gesehen gibt es eine Hochschätzung der Vernunft, z.B.:

ja, wenn du nach Vernunft rufst und deine Stimme nach Einsicht erhebst, wenn du sie suchst wie Silber und nach ihr forschst wie nach Schätzen, dann wirst du die Furcht des Herrn verstehen und die Erkenntnis Gottes finden.
Sprüche, 2,3-5

ebenso wie auch eine kritische Zurückweisung derselben, z.B.:

Unter ihnen haben auch wir alle einst unser Leben geführt in den Begierden unsres Fleisches und taten den Willen des Fleisches und der Vernunft und waren Kinder des Zorns von Natur wie auch die andern.
Eph 2,3

Die positive Deutung der Vernunft bezieht die Vernunft immer auf die Einsicht. Vernunft ist dann das Anerkennen dessen, dass der Mensch nicht völlig losgelöst und eigenständig handeln kann, sondern in allem Abhängig bleibt von Gottes Zuwendung, seinem Wort, seiner Weisheit. Die positive Vernunft der Bibel ist also eine passive Vernunft, die alle Selbstherrlichkeit vermeidet. Die selbstsuchende Vernunft, die nur sich selbst kennt und keine Autorität Gottes anerkennend ihres Weges ziehen will ist folgerichtig die, die verurteilt wird.

Martin Luther formuliert in der Auslegung des Galaterbriefs zu Gal 3,6: „Der Glaube glaubt Gott seine für die Vernunft unmöglichen, lügenhaften, törichten, schwachen, zu verabscheuenden, herätischen, teuflischen Aussagen und hält sie für wahr, lebendig und heilig.“ (Brecht, Luther II)

Damit scheint der Bogen wieder geschlagen zu einer Vernunft- und Wissensfeindlichkeit der Kirche, wie sie oft unterstellt wird – wer glaubt, kann nicht vernünftig sein. Aber was ist Vernunft, was ist Wissen? Gibt es so etwas wie eine auf der Hand liegende Erkennbarkeit dessen, was vernünftig ist und was Wissen ist? Oder ist es nicht vielmehr so, dass wir Wissen und Vernunft erst dann finden, wenn wir die Bedingungen für unsere Suche festgelegt haben, wenn wir uns auf Axiome geeignigt haben, auf deren Grundlage wir unsere Wissensarbeit aufbauen? Sind die Gesetze der Logik, der Mathematik, qua Offenbarung durch die Natur vom Himmel gefallen? Nein, sie sind menschliche Setzungen, die innerhalb eines bestimmten Systems der Wirklichkeitsauffassung sinnvoll verwendet werden können. Innerhalb dieses Systems führen sie zu Ergebnissen. Aber auch sie leben von Voraussetzungen. Um nämlich anzunehmen, dass wir in der Lage sind, logisch zu denken, müssen wir voraussetzen, dass unsere Denkorgane richtig funktionieren. Wir können aber nicht nachprüfen, ob der Mensch bzw. sein Denken im Allgemeinen richtig funktioniert. Angenommen, das menschliche Gehirn würde eine Wirklichkeitsauffassung völlig falsch wiedergeben – wie sollten wir, die wir ja nur mit diesem Gehirn ausgestattet sind und keine neutrale Instanz befragen können, es wissen?

Mit ihren axiomalen Festlegungen verhindern die menschlichen Setzungen, dass bestimmte Erkenntnisse überhaupt denkbar sind. Was vernünftig ist, was Wissen ist, basiert auf vorher festgelegten Überzeugungen, auf die sich geeinigt wird. Man kann aber nicht vorher erweisen, dass diese Überzeugungen zu einem Ziel führen. Man muss den Erkenntnisweg erst abschreiten, bevor sich ein Ziel erkennen lässt und somit sich erweist, inwiefern die Setzungen sinnvoll waren.

Das aber ist auch der Glaube: Eine Setzung, von der vorher mit unseren Mitteln nicht erweisbar ist, ob sie tatsächlich Wahrheit ist. Glaube und Vernunftwege basieren beide auf grundsätzlichen Fundamenten, die jeweils nicht begründet werden können.

Wie nun ein Vernunft- und Wissensweg ein kirchenfeindlicher Weg, ein gottesfeindlicher Weg sein kann, so kann auch ein Glaubensweg ein dem, worauf sich unter den Menschen als vernünftigen Weg zu gehenden Pfad geeinigt wurde, feindlicher Weg darstellen. Beide Wege können sich aber auch ergänzen – denn beide haben ja eine andere Zielsetzung und müssen somit nicht zwangsläufig konkurrieren. Sie können einander beschränken – der Glaube fragt nach den ewigen Wahrheiten, das Wissen nach den irdischen Wahrheiten und beide können einander freisetzen: der Glaube muss nicht mehr erklären, wie Biologie funktioniert und das vernünftige Wissen nicht, wie Jungfrauengeburt, Kreuzigung und Auferstehung ganz genau funktioniert haben könnten.

Der (lutherischen) Theologie als dem vernunftgeleiteten Nachdenken über den Glauben kommt nun eine besondere Stellung zu: Theologie ist nicht (nur) Glauben, aber auch nicht nur Wissen ohne Glauben. Wenn sie über den Glauben nachdenkt, dann auf vernünftigem Wege. Was heißt das: Es bedeutet, sie macht ihr nachdenken verständlich und nachvollziehbar. Sie erklärt, auf welchen Axiomen ihr Denken beruht, sie geht Denkwege, auf die auch andere sich einlassen können. Sie begründet ihre Thesen nicht mit der Behauptung, Gott habe ihr einen Gebetseindruck gegeben, sondern verweist auf die zu Grunde liegenden Fundamente, auf die sich die Thesen stützen. Im Falle der lutherischen Theologie sind dies Schrift und Bekenntnis, und zwar so: Die Heilige Schrift in ihrer Eigenschaft als Aufzeichnung des historisch gesprochenen und somit auch heute sprechenden Gottesworts, ist Grund und Ursache allen Glaubens und aller Theologie, ist die grundlegende Norm für all das, was über Aspekte christlichen Glaubens gesagt werden kann. Die Bekenntnisschriften sind Zusammenfassungen ihrer Inhalte, Lese-Anleitungen für die Schrift und zwar als Norm, welche nur in Abhängigkeit zur Heiligen Schrift gilt, welche also von der Heiligen Schrift normiert wird. Damit wird Theologie zum nach- Denken und nach-Sprechen, denn sie ergründet das , was Gott schon gesagt hat: Sein Wort, die Schrift.

In welcher Form die Bekenntnisschrifteng gelten, darüber haben wir hier nachgedacht.

In welcher Form die Heilige Schrift lutherisch gelesen und ausgelegt werden kann, kann hier und hier gefunden werden.

Warum sich lutherischerseits Glaube und Theologie auf Schrift und Bekenntnis beziehen, ist hier angesprochen worden.

Wie wir Gott erkennen können, haben wir auch hier besprochen.

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