Widersprüche – unsere Serie zu exegetischen Problemen – Teil 1: Wunder und wir

In dieser Serie wollen wir uns in loser Folge mit exegetischen Themen beschäftigen – Fragen der Bibelauslegung also. Dabei soll u.a. zur Sprache kommen, welche wissenschaftstheoretischen Probleme die Bibelwissenschaft hat. Neben Grundsätzlichem sollen aber auch Einzelbeobachtungen angesprochen werden.

Der erste Beitrag, der Feder des ehem. Mainzer Neutestamentlers Marius Reiser entnommen, nimmt sich der Frage nach der Zulässigkeit der Wunderberichte des Neuen Testaments an. Dieser sehr lesenswerte Beitrag kann hier natürlich nur in Auszügen präsentiert werden:

 

Die Wundergeschichten der Evangelien haben etwas Faszinierendes. Da wird von überraschenden Ereignissen erzählt, ja von Sensationen, von Menschen in Not und wie sie auf ungewöhnliche Weise gerechtfertigt werden. Diese Geschichten gehen immer gut aus. Auch die Geschichte des Wundertäters selbst, die rein menschlich betrachtet in einer Tragödie endet, geht gut aus, weil ein Wunder passiert, das größte von allen: Der gekreuzigte Wundertäter verschwindet spurlos aus dem verschlossenen Grab und erscheint nur noch einige Male, zum Anfassen leibhaftig, um alles zu erklären. Wie im Märchen, nur mit dem Unterschied, dass es Realität ist.

Aber ist es denn Realität? Sind die Wunder Jesu tatsächlich geschehen? Nichtchristen haben noch nie daran geglaubt. Und seit der Aufklärung haben auch die Christen zunehmend ihre Zweifel, ob alles so war, wie es die Evangelien von Jesus erzählen. […]. Zu dieser Entwicklung haben christliche Theologen und Bibelwissenschaftler selbst beigetragen. Heute herrscht in der Bibelwissenschaft die Meinung, dass Wunder im strengen Sinn auch von Jesus nie gewirkt wurden. Ein repräsentatives Beispiel für diese Sicht ist der Neutestamentler Bernd Kollmann. Er hat im Jahr 2002 ein Taschenbuch über „Neutestamentliche Wundergeschichten“ veröffentlicht. Das Vorwort beginnt er mit folgenden Feststellungen:

[…] Zweifellos hat Jesus Kranke geheilt und Dämonen ausgetrieben. Die biblischen Wundererzählungen allerdings, die zudem von der Erweckung Toter und von spektakulären Eingriffen in das Naturgeschehen Kunde geben, sind Glaubenszeugnisse der frühen Christenheit und keine Tatsachenberichte.

Das heißt: Heute muss auch ein Christ einsehen, dass Jesus kein Wasser in Wein verwandelt, kein Brot vermehrt, […] und dass er natürlich auch nicht von den Toten auferstanden ist […]. Heilungen und Exorzismen lässt man gelten, aber nicht als echte Wunder, sondern als psychosomatisch erklärbare Phänomene. Für diese Sicht der Dinge beruft sich Kollmann auf „das wissenschaftiche Weltbild der Neuzeit“. Woher kommt dieser fundamentale Zweifel an der realen Möglichkeit von Wundern? Ist er wirklich eine unausweichliche Folge des wissenschaftlichen Weltbilds der Neuzeit? Wohl kaum. Schon im 3. Jahrhundert stellt Origenes fest:

Die Wunder konnten zwar noch Zeitgenossen des Herrn zum Glauben bewegen, aber sie haben im Lauf der Zeit an Überzeugungskraft verloren und jetzt hält man sie für Märchen („Mythen“).

Und Gregor von Nyssa schreibt in der Biographie seiner Schwester, der heiligen Makrina, er wolle auf ihre gut bezeugten Wunder nicht weiter eingehen, denn:

Die meisten Menschen beurteilen die Glaubwürdigkeit des Überlieferten nach dem Maß ihrer eigenen Fassungskraft. Was diese Fassungskraft übersteigt, das verdächtigen sie frech als erlogen und jenseits der Wahrheit.

Das gilt schon für die Gebildeten der Antike, auch wenn sie mehr Wunderdinge für möglich hielten als wir heute. Was sich in der Moderne ändert, ist lediglich die größere Verbreitung der Wunderskepsis. […] Seither werden Wundergeschichten jeglicher Art von Gebildeten zunehmend als unglaubwürdig betrachtet, als Ausgeburten des Kinder- und Aberglaubens. […] Do weist Spinoza auf die „feste und unwandelbare Ordung“ der Natur hin und meint, Gott könne es doch nicht einfallen, die selbst geschaffene Ordnung durch gelegentliche Eingriffe zu „stören“. […] David Hume fügt dem noch hinzu, dass Wunder in aller Regel ungenügend bezeugt seien. Wo er jedoch auf gut bezeugte Wunder trifft, erklärt er schlicht: Wunder sind unmöglich. Diese Haltung charakterisiert Fjodor M. Dostojewski mit seinem bekannten psychologischen Scharfsinn so:

Der wahre Realist wird, sofern er nicht gläubig ist, stets die Kraft und die Fähigkeit in sich finden, dem Wunder nicht zu glauben, und entsteht das Wunder vor ihm als unabweisbare Tatsache, so wird er eher seinen Sinnen misstrauen, als dass er die Tatsache gelten ließe. Lässt er sie  dennoch gelten, so als etwas Natürliches, das nur die Besonderheit hat, ihm bisher unbekannt gewesen zu sein. … Ist der Realist [aber] einmal zum Glauben gelangt, so muss er, eben seinem Realismus folgend, auch das Wunder gelten lassen.

Der ungläubige Realist lebt in einer vielfach begrenzten und beschränkten Welt. Für den gläubigen Realisten dagegen ist die Wirklichkeit größer, so dass er auch ein Wunder, wenn es als unabweisbare Tatsache vor ihm steht oder zuverlässig bezeugt ist, nicht wegerklären kann.

Die Vorstellung von einem Naturgesetz und einem geschlossenen Zusammenhang von Ursachen und Wirkungen in der Natur ist durch die moderne Physik schwierig geworden. Zumindest im subatomaren Bereich gelten die Newtonschen Gesetze nicht. Für den gläubigen Christen genügt das Wissen, dass Wunder weder aufgrund von philosophischen noch aufgrund von wissenschaftlichen Erkenntnissen als unmöglich erwiesen sind. […]

Die liberale Exegese, die an die Realität der Wunder Jesu nicht glaubt, versucht doch die theologische Bedeutung dieser Erzählungen zu retten. […] [Sie legen deshalb eine „geistige Bedeutung“ der Wundergeschichten dar, was nichts anderes als eine klassische Allegorese ist.] Nun ist gegen […] allegorische Deutung nichts zu sagen, außer, dass sie [im Fall der Wundergeschichte Mt 14,22 ff.] den Literalsinn und damit die Intention des Autors preisgibt. Der Autor wollte ein wirkliches Geschehen erzählen, der Ausleger macht daraus ein Gleichnis. Er ersetzt die Symbolik des Wunders durch die Metaphorik des Gleichnisses und verzichtet damit auf das Zeichen, das die Realität und Realisierbarkeit des Reiches Gottes beweist. Nicht geschehene Wunder können nun einmal keine Zeichen sein und somit nichts beweisen. Albert Schweitzer war freilich überzeugt, ddass man auch ohne den Glauben an eine leibhafte Auferstehung an den lebendigen Jesus glauben könne. Diese Annahme mag zutreffen oder nicht. Sie ist jedenfalls kein Grund, die Tatsächlichkeit der Wunder Jesu abzustreiten. Wer an Gott, den Schöpfer des Himmels und der Erde, glaubt, kann die Möglichkeit von Wundern nicht von vornherein ausschließen.

Aus: Marius Reiser, Der unbequeme Jesus, Neukirchen 2011, 158ff.

 

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