Bonhoeffer, Religion und die Grenzen kommunikativer Vernunft

Bei vielem Bedenkenswerten gibt es doch eins, was mich nicht überzeugt und ich wiederum zu bedenken geben möchte:

Dass Bonhoeffers Worte „semantisch und grammatikalisch – Allgemeingültigkeit beanspruchen“, ist genau das Argument, aus dem in pietistischen Kreisen bis heute „Gemeinsames Leben“ als Handlungsanweisung für eine christliche Gemeinschaft gelesen wird und nicht als das, was es erklärtermaßen sein will, nämlich lediglich Beschreibung des Lebens in Finkenwalde. Wir haben es hier mit einem Werk zu tun, von dem Bonhoeffer selbst sagt, dass es keine Allgemeingültigkeit beansprucht, dessen Sprache aber – semantisch und grammatisch – genau dies tut, oder besser: zu tun scheint.

Daraus schließe ich auf die Möglichkeit, dass Bonhoeffer auch dort, wo er in klaren Indikativen schreibt, nicht zwingend die Absicht hat, allgemeingültige Aussagen zu treffen. Zumindest gebietet die Erfahrung mit „Gemeinsames Leben“ äußerste Vorsicht davor, von seiner Semantik und Grammatik auf seinen Anspruch zu schließen.

Dieser Kommentar von Andreas Wendt unter unserem letzten Beitrag zu Bonhoeffers „religionslosem Christentum“ ist uns Anstoß, doch noch einen der letzten Punkte, die sich noch aus den Diskussionen ergeben hatten, aus der Schublade zu holen und eigenständig auszuformen.

Grundsätzlich bin ich im Kampf der Deutungshoheiten klarer Vertreter des Autors und nicht des sinngebenden Lesers. Das bedeutet, ich halte die Intension des Autors für bedeutend wertvoller als meine persönliche Interpretation. Und ich trage beim von Andreas aufgeworfenen Beispiel in diesem Sinne seine Position mit: Bonhoeffer sollte seiner Intension nach gelesen werden. Doch geht mit dem Recht der Autorenhoheit auch die Pflicht einher, dieser Intension gemäß zu formulieren. Ansonsten wird Sprache ihrer kommunikativen Eigenschaft beraubt, denn diese beruht auf Konsens über die Bedeutungs(felder)der Worte und der grammatischen Konstruktionen. Diese sind mutabel, sie entwickeln und verändern sich. Jedoch springen sie nicht radikal auf neue Bedeutungen über.

1)

Ich will kurz wieder zu C. S. Lewis wechseln, um ein Beispiel zu bringen: Das Vorwort zur derzeitigen Ausgabe seiner Notizen während der Trauer um seine Frau „A Grief Observed“ wurde von der Autorin Madeleine L’Engle verfasst. Sie beendet dieses mit der Behauptung, die „Kirche“ würde in ihrer Haltung bezüglich des Todes noch in einem „prä-kopernikanischen Zeitalter“ verharren. Das mittelalterliche Bild von Himmel und Hölle wäre noch nicht mit etwas „realistischerem“ oder „liebevollerem“ ersetzt worden, das erstere stehe für kleinkarierte Menschen, die nur einen „Stammesgott“ wollen. Und auch ein Zitat aus dem Buch selbst ist schnell bei der Hand: „Rede mir nicht von dem Trost der Religion oder ich muss vermuten, dass Du nicht verstehst.“.

Hier schrieb Lewis eindeutig und klar. Doch scheint der Verfasserin des Vorworts der Beginn des 3. Abschnitts des Buches nicht mehr vor Augen zu sein, denn, nach zwei düsteren Anfangskapiteln, beginnt hier etwas anderes. Lewis nennt die Gedanken, die er „vor einer Woche“ hatte, „horrible“ – „schrecklich“. Erinnern wir uns: es handelt sich hier um die Veröffentlichung eines privaten Notizbuchs, in das er sehr direkt und unverfälscht seine Gedanken schrieb. Und trotzdem gelingt es ihm klar zu kommunizieren und klar einzuschränken, auch im Rückblick. Der emotionale Pessimismus, ja Selbsthass, der ersten Seiten wird nicht umgedeutet, sondern stehengelassen, klar benannt und hinterfragt.

Da ich um keine Einschränkungen der Aussagen Bonhoeffers bezüglich der von uns behandelten Briefen weiß, kann, ja muss ich, bis mir Anderweitiges zukommt, Bonhoeffer beim Wort nehmen. Aus Respekt ihm als Autor gegenüber und um die Brücke, die der Text zwischen ihm und mir schlägt, nicht außer Kraft zu setzten. Ich kenne die Aussagen Bonhoeffers bezüglich „Gemeinsames Leben“ leider nicht, daher kann ich nur allgemein sagen: was jedem Autor zustehen muss, ist die inhaltliche Korrektur, auch im Nachhinein, und Veränderung der einmal schriftlich ausgedrückten Ansichten. Sollte Bonhoeffer jedoch behauptet haben, mit allgemeingültigen „klaren Indikativen“ stets und schon immer nur eine spezifische Gruppe zu einer spezifischen Zeit gemeint zu haben, ohne dies im Text klar zu machen, kommen wir an die Grenzen kommunikativ sinnvollen Verhaltens. C. S. Lewis, in unserem Beispiel, schreibt eindeutige, finstere und bittere Worte, nennt diese im Nachsinnen „horrible“ und hinterfragt ihre Wirkmacht im weiteren Text. Doch behauptet er nicht, mit denselben Worten schon immer gemeint zu haben, der „Trost der Religion“ wäre etwas Wunderbares.

2)

Nicht der religiöse Akt macht den Christen, sondern das Teilnehmen am Leiden Gottes im weltlichen Leben.

Dietrich Bonhoeffer

Quelle:
Widerstand und Ergebung, DBW Band 8, Seite 535

Wenden wir uns nun ein paar Zitaten aus den Briefen Bonhoeffers zu, um herauszufinden, welchen Religionsbegriff er hier vertritt. Wie in unserem ersten Beitrag schon erwähnt: Religion bzw. religiös bezeichnet in klassischen (lutherischen) Dogmatiken die Totalität der menschlichen Gottesbeziehung, sowohl subjektiv als auch kulturell, sowohl innerlich als auch im Handeln. Natürlich müssen wir davon ausgehen, dass dieser „übliche“ Gebrauch Bonhoeffer bewusst war, darauf gibt es, z.B. auf S. 305, Widerstand und Ergebung, Ausgabe 1972 Ev. Verlagsanstalt, Berlin., auch klare Hinweise. Mit dieser gebräuchlichen Lesart jedoch wäre der hier von uns betrachtete Satz lediglich eine sich selbst auflösende Wortanhäufung.

Inwiefern ist ein Teilnehmen am Leiden Gottes kein religiöser, kein in Bezug auf Gott geschehender Akt? Und noch mehr: Bonhoeffer spricht vom „zum Christen machen“, also von in aller Form soteriologischer Bedeutung; nicht von einer Nebensache, sondern etwas grundlegend Entscheidendem. Und zugleich limitiert er die „Akte“ nicht. Welche Handlungen sind also in diesem damnamus beinhaltet: Etwa die Taufe? Das Bekennen des Glaubens? Diese sind ja Beispiele dezidiert religiösen Handelns. Dies widerspräche jedoch Christus selbst (Markus 16,16) genauso stark, wie die Teilnahme an seinem Leiden Christus nachspricht (Lukas 9,23). Denn er selbst nennt (an der eben benannten Markusstelle) Glauben und Taufe die Grundpfeiler der „Errettung“, genau dessen, also, was den Christen „macht“. Denn Christen sind, in erster Linie, eben jene, die Christus als wahren Mensch und wahren Gott bekennen, und damit in seine Heilstat zur Rettung der Welt einbeschlossen sind. In Lukas 9 spricht Christus jedoch von der Nachfolge, dem christlichen Leben, also nicht von Wesen, sondern von Tat. Ein hochwichtiger Unterschied: Ersteres ist Evangelium für jene, die glauben, letzteres ist das Gesetz in seinem Dritten Brauch.

Dass Leiden ein Teil des christlichen Lebens ist, hat Christus, wie wir sahen, selbst angemahnt. Bekannt war es z.B. auch David Nerreter (1649 – 1726):

Ein Christ kann ohne Kreuz nicht sein;

drum laß dich´s nicht betrüben,

wenn Gott versucht mit Kreuz und Pein

die Kinder, die ihn lieben.

Je lieber Kind,

je ernster sind

des frommen Vaters Schläge;

schau, das sind Gottes Wege!

Aber man war bisher noch nicht auf die Idee gekommen, das Leiden als positives GEGENSTÜCK zu religiösem Handeln hinzustellen. Im Gegenteil, das Leiden ist selbst Religion, ja es folgt religiösem Handeln.

Es muss festgehalten werden, dass Bonhoeffer hier, nach lutherischer Hermeneutik, Gesetz und Evangelium vermischt, was letztendlich nur zur Verzweiflung führen kann: Nehme ich schon Teil am Leiden Christi? Wie kann ich noch mehr daran teilnehmen? Bin ich nun schon Christ?

Wenn man den weiteren Kontext Betracht nimmt, scheint Bonhoeffer den Wunsch zu äußern, dass Glauben, Leben und Handeln nicht getrennt zu sein scheinen und „Religion“ dem „weltlichen“ Leben nicht mehr so schroff und fremdartig gegenübersteht. Doch dies hieße auf gewisse Weise Gott auf diese Welt beschränken zu wollen, auf ethisches bzw. praktisches Handeln. Nüchtern betrachtet muss man dann fragen: Wo bleibt hier dann das Evangelium, das alle weltlichen, ethischen und politischen Fragen so radikal durchkreuzt, das in diesem Sinne nicht zu verstehen ist, das, an sich und in sich genommen, die Welt schon geheilt hat und diese Heilung verkündet, anbietet und darreichen soll?

Wir wissen, dass Bonhoeffer dieses Evangelium glaubte und fest vertrat. Daher sind solche Zitate, wie wir sie in den diesbezüglichen Posts und hier angebracht haben verwirrend und deuten wieder darauf hin, dass uns in ihnen die Grenzen kommunikativ sinnvollen Verhaltens zu begegnen scheinen.

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