Mit Popcorn in der Vorlesung bei Luthardt – Man darf nicht nur verneinen, man muss Wahrheit bezeugen

Luthardt leitet Vorträge und Essays zur Frage der Endzeit ein. Dabei kommt er darauf zu sprechen, dass das Thema von der Kirche bisher zu wenig bearbeitet wurde, was negative Konsequenzen hat. Außerdem spricht darüber, wie man bei Theologie angemessen von Fortschritt sprechen kann. Dazu passend schließlich sein Hinweis, dass Verkündigung immer auch auf aktuelle Fragen Antwort geben muss, aber nicht unter Wegwischen des Allgemeingültigen und Zugrundeliegenden.

„Weithin ist in den Gemeinden der Blick auf die Zukunft gerichtet, ernstlicher denn je. Die gegenwärtigen, die bevorstehenden Erschütterungen wenden das Auge in die Ferne, führen den Sinn zum Worte der Weissagung. Zu jeder Zeit, wenn die Welt in Zuckungen lag, griffen die Christen nach dem prophetischen Wort und holten sich hier Sicherheit und Tröstung. Die Wissenschaft zwar hat bisher im Ganzen noch nicht viel mit ihm anzufangen gewusst — wie fremd ist ihr noch immer die Offenbarung des Knechtes Jesu Christi! — aber den einfachen Christen gewährt die Weissagung, auch unverstanden, doch immer viel Trost durch den allgemeinen Eindruck der göttlichen Majestät und des endlichen Siegs der Gemeinde Jesu Christi.

Wenn auch nichts Anderes uns überzeugen würde, daß hier der Kirche eine Aufgabe zu erfüllen obliegt, so müssten es die schwärmerischen[i] Richtungen tun. Zu jeder Zeit sind diese das Zeichen eines Versäumnisses der Kirche gewesen. Es wird ihr in der Erfüllung ihrer Aufgaben nichts geschenkt. Jedes Versäumnis tritt ihr in Gestalt einer falschen, außerkirchlichen Erfüllung entgegen, welche ihr so lange zur Last ist, bis sie das Versäumte nachgeholt hat, um die Unwahrheit nicht bloß durch die Negation, sondern durch die entgegengesetzte positive Wahrheit überwinden zu können[ii]. Von jeher aber haben die außerkirchlichen Sektenbildungen und unkirchlichen schwärmerischen Richtungen das Wort der Weissagung mit Vorliebe gepflegt, zum Zeichen, dass die Kirche selbst es darin hat fehlen lassen. Jetzt aber tritt uns die Erinnerung in verstärktem Grade entgegen, in Sektenbildungen, wie der Irvingianismus[iii] und der Darbyismus[iv] es sind. Wir haben nicht das Recht, diese und ähnliche Erscheinungen zu ignorieren, weil sie uns etwa nicht unmittelbar berühren[v]. Die lutherische Kirche muss nicht bloß katholische[vi] Wahrheit, sondern auch katholisches Gefühl und Bewusstsein haben, und die katholische Wahrheit nicht bloß zu haben behaupten, sondern auch erweisen. Es genügt nicht, einfach auf den 17. Artikel der Augustana zu verweisen und damit etwa jene eschatologischen Fragen abzuweisen.

Die in jenem Artikel ausgesprochene Verwerfung wiedertäuferischer Schwärmereien hat nur negative, nicht positive Bedeutung; sie dient nur der Wahrheit der Rechtfertigungslehre, nicht der eschatologischen Erkenntnis. Diese will aus der Schrift erholt werden. Und darum lassen wir uns auch diese nicht von den Nordamerikanern in die engeren Grenzen des Bekenntnisses einschränken, sondern erweitern die bekenntnißmäßige Wahrheit zum Vollverständnis der Schrift. Denn die Reformation und Luther haben nicht den Beruf, also auch weder Recht noch Möglichkeit gehabt, die eschatologischen Erkenntnisse darzureichen, wie wir sie jetzt bedürfen, ihr Beruf war die Verkündigung und Sicherung der Glaubensgerechtigkeit. Die verschiedenen Zeiten legen der Kirche und ihren Vertretern verschiedene Aufgaben auf. Aber was an neuen Erkenntnissen gewonnen werden mag, hat seinen inneren Zusammenhang mit jener zentralen Erkenntnis Luthers aufzuzeigen. Und das ist dann die kirchliche Weise und Rechtfertigung der Eschatologie, daß sie sich als Konsequenz der Wahrheit von der Glaubensgerechtigkeit erweist. Aber eben, weil dem auch so ist, sind wir frei genug, hierin eine Schranke der reformatorischen Erkenntnis zu sehen und als solche zu bezeichnen. Luthers Auslegung von Röm. 11 ist hierfür genügender Beweis. Darin erweisen wir uns aber eben recht als Luthers Schüler in der Wahrheit, daß wir nicht bloß wiederholen, was ihm von Gott für die Kirche zu erkennen gegeben worden, sondern allseitiger die Konsequenzen ziehen und so seine Erkenntnis auch für die anderweitigen Bedürfnisse der Kirche verwenden.

Es wird Niemand behaupten wollen, daß die Eschatologie der orthodoxen Dogmatik in demselben adäquaten Verhältniß zum Schriftinhalt stehe wie ihre Anthropologie, Christologie und Soteriologie. Wenn wir nun aber von der Notwendigkeit eines Fortschritts sprechen, so ist das nicht so äußerlich gemeint, als ob nur zu anderen fertigen Stücken ein neues Stück hinzuzufügen sei. Die Wahrheit von der Glaubensgerechtigkeit ist auch für das Gebiet der objektiven Dogmen von erneuernder Rückwirkung gewesen. Die Erinnerung an die Lehre von der Person Christi und von den Gnadenmitteln genügt. So ist es gewiß auch hier, wenn eine weitere nicht unwichtige Konsequenz jener Wahrheit gezogen wird. Denn die Wahrheit ist Eine, ein Organismus; ein Fortschritt in Einem Stück ist nicht möglich ohne Förderung in anderen Gebieten. […]

So hat man denn aus dem prophetischen Wort bisher keine rechte Kraft für die Gegenwart, ihre Beurteilung und das Wirken in ihr gewonnen. Die außerkirchlichen Richtungen nahmen obendrein einzelne Wahrheiten, die sie vor der Kirche voraushatten, nur in den Dienst müßiger, schädlicher Spekulation, oder auch der Eitelkeit und des Hochmuts. Kein Wunder, daß dem praktischen Geist der Kirche das Ganze verdächtig erschien. Aber umso mehr ist es nötig, den vergrabenen Schatz zu heben und in den Dienst der Kirche zu stellen. Die Eschatologie ist von großer praktischer Bedeutung.

Von ihr aus werden sich die Probleme der Gegenwart lösen. Es ist keine Frage, daß in diesen Problemen, über welche ein sicheres Urtheil zu haben und zu geben der Kirche als Aufgabe vorgelegt ist, eine nicht geringe Unsicherheit herrscht. Es schwankt das Urtheil der Kirche, wenn es ihr Verhältniß zum Staate gilt. Trennung wird hier, Ehe zwischen beiden wird dort als das Rechte erklärt und gefordert. In der Regel hält das Urtheil sich in einer gewissen Mitte, aber ohne Sicherheit und Selbstgewißheit. Und vollends, wenn es sich aus den Grundanschauungen der Schrift heraus, und wenn aus den Prinzipien der reformatorischen Erkenntnis rechtfertigen soll, befindet es sich gemeiniglich in ziemlicher Verlegenheit. Kommt es der Kirche nicht zu, sich ihrer Aufgabe und Stellung der Welt gegenüber klar bewusst zu sein? Zwischen Verachtung der Äußerlichkeit der Kirche und pharisäischer Überschätzung derselben schwankt die Stimmung der Gegenwart hin und her. Man soll das Rechte aus den Grundanschauungen der Schrift heraus erweisen. Und wie viele und schwierige Probleme sind den Völkern zu lösen gegeben! Soll die Kirche sich bloß mittreiben lassen von der zwingenden Macht der Verhältnisse und der Politik […] huldigen, oder im Stande sein, das Urteil der Völker zu bestimmen und die Fragenden und Unsicheren zu bescheiden? Dazu aber muß sie eine Einsicht in die Weltlage selbst haben. Diese gibt ihr nur das Wort der Schrift, welches die Geschichte des Reiches Gottes und der Welt in ihrem Wesen und gegenseitigen Verhältniss uns erkennen lehrt. Solches Verständnis der gesamten Weltlage muss auch im einzelnen Zeugnis sich wiederspiegeln, mit welchem die Gemeinde unterwiesen und geleitet wird. Es genügt nicht, nur einfach das Zeugnis der Reformation fortzusetzen. Es ist eine Menge neuen Materials zum Geistesleben der Nation hinzugekommen. Die Kirche muß also in ihrem Gemeindezeugnis auch zu diesem sich in ein Verhältniß zu setzen wissen[vi].

Allerdings ist die Predigt der Buße und des Glaubens das Nötigste oder vielmehr das Nötige selbst, und das Folgende wird zeigen, daß ich gerade diese Predigt für die Gegenwart mit besonderer Betonung für nötig erachte. Aber wirksam ist sie nur, wenn sie nicht isoliert auftritt, sondern in lebendiger Beziehung zur gegenwärtigen Wirklichkeit der allgemeinen Zustände, aus denselben begründet, auf dieselben bezogen. Das erst gibt ihr jene überführende Eindringlichkeit, worin die Macht und das Geheimnis ihrer Wirksamkeit ruht. Freilich will diese Predigt sich dem individuellen Heilsbedürfnis gegenüber rechtfertigen; aber auch dieses individuelle Bedürfnis existiert nicht isoliert: die Fäden unsres individuellen geistigen Lebens laufen aus in das Leben unsrer Nation, schließlich der Menschheit überhaupt. Die Propheten im Alten Bunde, die Zeugen Jesu im Neuen, Petrus in Jerusalem und Paulus auf dem Areopag, nehmen durchweg in ihrer Heilsverkündigung einen weltüberschauenden Standpunkt ein. Das Einzelbedürfnis setzen sie immer in Zusammenhang mit dem Gesamtbedürfnis.“

aus: Christoph Ernst Luthardt, Die Lehre von den letzten Dingen, Leipzig, Zweite Auflage 1870

[i] Als Schwärmer bzw. Enthusiasten bezeichnete Luther und die Reformation v. a. Bewegungen, die direkte neue Offenbarungen des Heiligen Geistes für sich in Anspruch nahmen. Am Anfang von Darbyismus und Irvingianismus (siehe unten) stehen Erlebnisse und Behauptungen, die wir heute mit Charismatismus in Verbindung bringen würden.

[ii] Beim Beispiel des Charismatismus mit seiner Setzung der toten Tradition und der Lebendigkeit und Intimität ausschließlich in einer gefühlten Präsenz Gottes bedeutet die „entgegengesetzte positive Wahrheit“ hier für das Luthertum die Intimität in der versprochenen Präsenz Gottes in seinem Abendmahl, seiner Taufe und seinem Wort. V. a. aber das Abendmahl mit seiner intensiven körperlichen Intimität ist hier zu betonen und zu leben.

[iii] Irvingianismus = „Katholisch-Apostolische Gemeinden

[iv] Darbyismus = Brüderbewegung – beide betonten stark die Endzeit und suchten einen Zustand wahrer oder ursprünglicher Kirche wiederherzustellen

[v] Beides sind Erscheinungen der anglikanischen Kirche und damals nicht wirklich im deutschen Luthertum vertreten.

[vi] Katholisch hier und ff. im ursprünglichen und eigentlichen Sinne als „allgemein“, also sich auf das eine und ewig gleiche Christentum bzw. das ursprüngliche Christentum beziehend

[vii] Luthardt bezieht sich auf Situationen, die von der Reformation und ihren Theologen nicht wirklich bearbeitet worden sind oder bearbeitet werden konnten, wie z.B. die Fragen neuer politischer Institutionen (Demokratie), die industrielle Revolution und ihre Folgen etc.

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