Mit Popcorn in der Vorlesung bei Luthardt – das Gegenteil des Antisemitismus

Wir bringen das folgende Zitat vor allem im Hinblick auf seine bemerkenswerten Worte zu Israel und dem Judentum. Doch auch der erste Absatz ist lesenswert. Bezüglich der eschatologischen Lehre der Reiche und Völker, die Luthardt hier zu vertreten scheint, sind wir jedoch eher skeptisch, diese soll also mit Vorsicht und Umsicht gehört werden. Doch obwohl der Text von 1870 ist, warnt Luthardt schon vor all den Verfehlungen der Kirche, die sie im 20. Jh. begehen wird. Kein Wunder, hat sie diese Fehler doch auch schon bis dahin reichlich begangen. Geradezu prophetisch mag das Mahnen klingen, und doch ist es im strengsten Sinne nur dem Voranstellen des Bibelworts vor der Erfahrung der eigenen Zeit und Gewohnheit geschuldet.  

„Die Kirche wird es als Pflicht erachten müssen, so lange ihr Raum gegeben ist, auf Alles das, was an natürlichen Gütern des volksmäßigen Lebens jenem Verderben noch nicht verfallen ist, liebend einzugehen und es für ihre Selbstdarstellung und Wirksamkeit zu benutzen. Es ist darum Pflicht der Diener am Wort, ein Verständniß zu haben für ihres Volkes Art und Weise, für seine Liebe und seinen Hass. Wie Paulus in der götterreichen, weisheitsstolzen Stadt der Pallas Athene sprach, und wiederum wie zu den Abergläubischen Lykaoniens, wie er an die Gemeinde der wollüstigen und selbstsüchtigen Handelsstadt Korinth schrieb und wiederum wie an die Hauptstadt des römischen Weltreichs, das ist immer aus liebendem Eingehen auch auf die natürlichen Eigentümlichkeiten derjenigen Bereiche hervorgegangen, an welche sein Wort sich zu richten hatte. Und der ein Sohn seines Volks war wie wenige, Luther, hat seines Volkes Art und Sprache noch zum eigentlichen Studium gemacht, um es mit seinem Gotteswort auch ganz und voll zu treffen und zu fassen. Hat hier die Kirche weiten Boden und tiefe Wurzeln, dann mag sie auf die Freundschaft der hohen Gewalten nur getrost verzichten, wie sie doch einst muss, welche die Kirche doch nur allzu leicht zur Polizeianstalt machen und dadurch dem eigentlichen, inneren Leben des Volks entfremden.

Hier stoßen wir gleich am Beginn auf das uns in der deutschen Sprache nunmehr so unangenehme Wort „Volk“. Allerdings benutzt Luthardt es eben nicht in einem unangenehmen Kontext, sondern in einem erstaunlich aktuellen. Wer weiß, dass sich zur Hochzeit des Neuluthertums in Leipzig auch die Hochzeit des Leipziger Missionswerkes entfaltete, und das Luthardt lange Zeit im dortigen Aufsichtsgremium tätig war, den wird es vielleicht trotzdem nicht verwundern, dass er hier so offen vom in Betracht ziehen der kulturellen Eigenheiten jeder Zielgruppe bei der Verkündigung des Evangeliums spricht, um es in heutige Vokabeln zu gießen. Und wie auffällig der letzte Satz und wie subversiv in einer Kirche, deren Oberhaupt zu jener Zeit noch immer das Staatsoberhaupt war und die dem Kultusministerium unterstand!

Dies möge genügen, um anzudeuten, welche praktische Bedeutung der biblisch-prophetischen Grundanschauung vom Weltreich beiwohne, welche Erkenntnisse und welche Verpflichtungen auch für die Gegenwart darin beschlossen liegen.

Nicht minder reich ist die andere von der Zukunft Israels: Man hat die Bedeutung Israels schon frühzeitig in der Kirche verkannt. War diese ja doch Heidenkirche geworden und Paulus musste schon die Heidenchristen Roms vor Überhebung warnen, dass sie sich nicht einbildeten, sie seien an Israels Stelle selbst getreten (Röm. 11, 17 ff.). Wie bedeutungsvoll ist es, dass er gerade in dem Briefe an die Gemeinde der Hauptstadt des römischen Weltreichs diese Warnung ausspricht, in dem Briefe, welcher wie um seines Inhalts so auch um der Bedeutung jener Gemeinde willen, die ja dann auch der Mittelpunkt der ganzen abendländischen Christenheit geworden ist, für die Heidenkirche überhaupt die vorzüglichste Bedeutung gewonnen hat. Gar bald ist Eigentümlichkeit der ganzen Heidenkirche geworden, was Paulus dort an den Römern strafen [kritisieren] muss. Wie stark tritt diese Verkennung Israels bereits in dem sonst so schönen und paulinischen altchristlichen Brief an Diognet hervor! Es ist der spiritualisierende Geist des Heidentums[i], welcher in der [Ver]kennung der israelitischen Naturbasis des Reiches Gottes sich zeigt, ein Spiritualismus, wie er nur das andere nothwendige Extrem des Materialismus oder Pantheismus des heidnischen Geistes bildet. Von jener spiritualistischen Befangenheit Israel gegenüber hat sich auch Luther nicht ganz frei zu machen vermocht. Die paulinischen Briefe hat er mit einer ursprünglichen Sicherheit und Klarheit verstanden wie vor ihm Niemand, und sie sind auch die Tür des Eingangs in das ganze Heiligtum der Schrift für die Heidenkirche. Aber seine Schranke wird offenbar dem Brief des Jakobus und der Offenbarung des Johannes gegenüber. Denn diese Schriften gehen auf Israel. Wir sehen: die individuelle Seite des Heils ist Luther aufgeschlossen wie Keinem, aber nicht so die reichsgeschichtliche[ii].

Und damit hängt es dann naturgemäß zusammen, daß ihm auch in den paulinischen Briefen die eschatologischen Aufschlüsse und Lehren fremder blieben. Die durch ihn erneuerte Kirche ist noch nicht wesentlich über ihn hinausgegangen, und noch nicht nach allen Seiten hin zu dem Vollmaß paulinischer Unterweisung vorgeschritten. Eben in dem innern Verhältnis ihrer Gedanken und Stimmungen gegen Israels Vergangenheit und Zukunft offenbart sich das. Der selige Scheibel zwar sagte gern, unsre eigentliche Nationalität sei die jüdische; wiewohl ich nicht glaube, dass er diesem Gedanken viel weitere Folgen gegeben hat. Aber dass der Kirche lebendig im Bewusstsein stünde, welche Bedeutung für ihre Zukunft die wunderbar bewahrte Nationalität Jsraels habe, daran fehlt viel. Ihre Stimmung dagegen ist gemeiniglich die der reinen Gleichgültigkeit. Die Irvingianer[iii] beten wenigstens um die Bekehrung Jsraels in ihren gottesdienstlichen Gebeten. Aber wie weit sind wir von einer Stimmung entfernt und haben sie verleugnet, wie sie unser Apostel in seinem für uns wichtigsten Briefe (Rom. 9, 1 ff.) aus tiefster Bewegung seines Herzens herausspricht!

Die zukünftige Bekehrung Israels aber, wie sie uns Paulus als ein hochwichtiges Geheimnis testamentarisch hinterlassen hat (Röm. 11, 25), will nicht als eine bloß geschichtliche Notiz gefasst sein, die für die Geschichte des Reiches Gottes keine wesentliche Bedeutung hätte. Solche Vorhersagung zu tun, war nicht des Apostels Beruf. Wie käme sie auch in den Römerbrief, dazu mit solcher Betonung? Es ist also Israel als das Volk Gottes auch hier gemeint (vgl. Röm. 11, 1.2, „sein Volk“), also in seiner heilsgeschichtlichen centralen Stellung für das Reich Gottes, als die nationale Naturbasis[iv] desselben. Noch dauert die Zeit der Völker, so wird also wohl auch das Reich Gottes in seiner irdischen Verwirklichung einst Volksgestalt annehmen, und eben hierfür wird Israel als Volk wunderbar bewahrt werden. Die Schrift redet vom zukünftigen Reiche Gottes als einem sichtbaren irdischen. Es bedarf also einer irdischen Basis, eines dazu ausgesonderten natürlichen Materials. Darum ist die Bekehrung und Wiederherstellung Israels die Voraussetzung jener Gestalt des Reiches Gottes. So sehen wir es denn auch aus dem prophetischen Wort, dass die entscheidenden Geschicke an Israel geknüpft sind. An den Gegensatz von Babel und Jerusalem knüpft die Aussicht in die Zukunft an, und die widergöttliche Richtung unter den Heidenvölkern wird zur vollendeten Feindschaft gegen Israel werden. Und wie nach dieser, so auch nach der entgegengesetzten Seite hin ruht das Schwergewicht der Entscheidung der Zukunft in Israel. Erst wenn dieses ihn als seinen Herrn und König begrüßt, wird Jesus wiederkommen (Matth. 23, 39).

Wie aber die Zukunft der Kirche an Israel gebunden ist, so auch ihre Vergangenheit und Gegenwart. Denn was ist die Schrift auch Neuen Testaments anders als israelitische Literatur, Denkmal der Geschichte Israels? Nachdem der heilige Israelite Jesus jenen heiligen Familienkreis um sich gesammelt hatte, aber durch die Zwölfzahl der Apostel bereits angelegt auf die Ganzheit des Volks, sollte sich derselbe erweitern zum heiligen Volk. Der Widerspruch seiner Vertreter hat diese Entwicklung verhindert; Israel blieb zusammengefasst in jener heiligen Auswahl. Aber so ist nun diese die Grundlage der Heidenkirche geworden und ist es noch in ihren Schriften, in welchen sie sich eine bleibende Vergegenwärtigung und Wirksamkeit gegeben hat — zugleich ein Unterpfand, dass jene nicht zu Ende gekommene Entwicklung noch ihre abschließende Verwirklichung finden wird. Zwischen Anfang und Ende Israels nun ist die Zeit und Kirche der Heiden zwischeneingeschoben. Da sich Israel als Volk noch nicht begab zur Grundlage des Reiches Gottes, so steht dieses noch lediglich im Geiste. Paulus hat die Kirche daher lediglich auf der Basis des Geistes aufgebaut und in seinen Grund eingesenkt. Er kennt darum den Christ nicht nach dem Fleisch (2 Kor. 5, 16), sondern nur den HErrn der der Geist ist (2. Kor. 3, 17). Zwar steht die Gemeinde im Fleisch, bedarf also sinnlicher Vermittlung des Heils; und da ihre Naturgestalt eine Zukunft hat, wird diese sinnliche Vermittlung zugleich der Verbürgung dieser Zukunft dienen müssen. Dies leisten der Gemeinde und dem Christen die Sakramente. In der Sachlichkeit der Gnadenmittel hat damit die Gemeinde eine nothwendige Sichtbarkeit. Aber auch nur diese ist die schlechthin wesentliche und heilsmäßige. Alle übrige Leiblichkeit der Kirche ist unadäquat und wird es bleiben, bis ihr erst in der Zukunft die entsprechende Leiblichkeit gegeben werden wird. Hierfür hat Israel einen Beruf und Bedeutung, die nicht für immer aufgehoben sind. Kein Volk ist an seine Stelle getreten, selbst das deutsche nicht, obgleich es einen vorzüglichen Beruf innerhalb der Heidenkirche hat, wie in der Tat der Reformation offenbar geworden ist. Aber trotzdem ist es ungeschickt und wider die gesamte Schriftanschauung geredet, wenn man, wie z. B. auf dem Frankfurter Kirchentag geschah, das deutsche Volk in derselben Weise als das Volk der Religion im Neuen Bunde bezeichnet, wie es Israel im Alten Bunde gewesen sei.

Aber freilich hat sich die Heidenkirche frühzeitig schon geradezu an Israels Stelle gesetzt. Den Heidenapostolat ihres Paulus hat sie mit dem judenapostolischen Primat des Petrus vertauscht, und Rom zu Jerusalem gemacht. Die Kreuzzüge sind eine Wiederholung der gottbefohlenen Kriege Israels wider die Völker Kanaans; und der ganze Charakter der römischen Kirche ist Antizipation der israelitischen Zukunft. Aber auch ihre Gegner teilen diese Verirrung. Von den Hussiten ist es ja bekannt genug, wie sie sich mit dem Volke Gottes identifizierten und mit den Philister- und Moabitervölkern u.s.w. heilige Kriege führten. Was ist es aber anderes als die Konsequenz derselben Anschauung, wenn die Irvingianer aus der Israel gegebenen Verheißung: „Jch muss dir wieder Richter geben, wie zuvor waren, und Rathsherren, wie im Anfang. Alsdann wirst du eine Stadt der Gerechtigkeit und eine fromme Stadt heißen“ (Jes. 1, 26), sofort folgern, dass der Heidenkirche der zwölfzählige Apostolat verheißen sei und zu Teil werden müsse? Oder wenn sie die Entrückung bereits an den Schluss der Geschichte der Heidenkirche setzen, statt an den der folgenden, die ihren Charakter durch Israel erhalten wird? Aber ist es bei uns anders? Wie sehr man ohne Weiteres die alttestamentlichen Verheißungen und Weissagungen, welche Israel und seiner Zukunft gelten, auf die Heidenkirche überträgt und in derselben aufgehen läßt, ist ja bekannt genug. Aber wie in der Theologie und Schriftauslegung, so hat auch in der äußeren Stellung und Gestaltung der Kirche jene Anschauung ihre Konsequenzen gezogen. Ihre Behaglichkeit in den Ordnungen des gegenwärtigen Äon, ihre Staatsfreundschaft und ihr Anrufen des weltlichen Arms, die mannigfachen Erscheinungen des konfessionellen Pharisaismus und was sonst noch hierher gehört, sind lauter Äußerungen jener Identifizierung der Heidenkirche mit Israel, Äußerungen der Anschauung, als habe die Kirche ihre adäquate Leiblichkeit bereits gefunden und als sei der Naturboden der Heidenwelt hiefür eben so geeignet wie der israelitische.

Welche Stimmung und welches Verhalten sich für die Heidenkirche demnach in den Verhältnissen der Gegenwart aus jener Erkenntniß von der Zukunft Jsraels ergebe, erhellt von selbst.

 

[i] Wie auch sonst durchweg benutzt Luthardt hier „Heiden“ oder „heidnisch“ stets im Sinne der griechisch-römischen Antike und ihrer Religion und Philosophie, mit denen er sich in mehreren Schriften auseinandergesetzt hat. Was er hier mit Spiritualismus meint ist ein starker Hang zur Ablehnung des stofflichen und Überhöhung des ideal-geistlichen der am Klarsten in der Lehre der Gnosis  und des Manichäismus hervortritt.

[ii] Hier behalten wir uns vor, nicht mit Prof. Luthardt übereinzustimmen

[iii] Vorfahren der heutigen starken Pro-Israel-Bewegung innerhalb des Evangelikalismus

[iv] Man lese „Ursprung“

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