Beruft Gott seine Prediger selber, Herr Chemnitz?

Hier wieder einmal etwas aus der Schatzkiste Martin Chemnitz‘, die nunmehr endlich auch als Buch zu haben ist. Chemnitz spricht hier direkt vom Predigtamt, also das Amt des Pastors oder Pfarrers, das sich zentral um die Verkündigung des Wortes Gottes (die Predigt) und die Verwaltung der Sakramente (Taufe, Abendmahl, und nicht ganz als Sakrament die Absolution, also das Vergeben der Sünden) dreht. Aber hier gibt es auch Anklänge zu den interessanten Fragen: Redet Gott direkt mit mir, in meinem Herzen, durch Gefühle? Beruft Gott nur dadurch, dass etwas den Alltag diametral durchschneidet oder sind seine Berufungen auch ganz unspektakulär? Denn, wenn Missverständnis des christlichen Glaubens gibt, ist er sicher folgender: „Ich muss Gott in meinem Herzen spüren, und wenn ich ihn nicht spüre, mache ich etwas falsch.“  Aber daz ist zu sagen: Unsere Gedanken sind nicht Gottes Gedanken, sondern seine Gedanken sind viel höher als die unseren. Aber das  Wort, das aus seinem Munde geht, wird nicht wieder leer zu ihm zurückkommen, sondern wird tun, was ihm gefällt, und dem Wort wird gelingen, wozu er es sendet. (Jes 55, 8-11) Von seinem Wort, nicht von unseren Gefühlen hängt alles ab. Lassen wir das Chemnitz hinsichtlich der Prediger ausführen:

 

Es sind doch aber alle Gläubigen Priester (Apokalypse 1 und 5, 1. Petrus 2). So haben sie ja auch alle eine allgemeine Berufung zum Predigtamt?

Wir sind wohl alle geistliche Priester, aber nicht alle Prediger, denn Paulus schreibt ausdrücklich: „Sie sind nicht alle Apostel, nicht alle Propheten, nicht alle Lehrer, können nicht alle auslegen, etc., sondern Gott setzt etliche zu Aposteln, etliche zu Propheten, etliche zu Evangelisten, etliche zu Hirten und Lehrern, dadurch der Leib Christi erbaut werde.“ (1. Kor 12, Eph 4). Und Petrus erklärt sich fein, dass wir nicht alle ohne Berufung uns des Predigtamtes anmaßen sollen, sondern da wir alle Priester sind, dass wir geistliche Opfer opfern sollen (Röm 12, Hebr 13).

Bei wem steht denn eigentlich das Recht und die Macht, Prediger zu senden und zu berufen?

Es zanken und reissen sich ihrer viele um das Recht der Berufung. Aber eigentlich, um gründlich zu reden, steht das Recht und die Gewalt, Arbeiter in diese Ernte zu senden, allein bei dem, der ein Herr der Ernte ist (Mt 9). Und Paulus spricht, dass der Sohn Gottes zur rechten des Vaters Hirten und Lehrer in seine Gemeinde setze (Eph 4, 1. Kor 12). Und in Apg 20 spricht er, dass der Heilige Geist Bischöfe einsetze, um die Gemeinde Gottes zu weiden. Darum will auch Gott die nicht als rechtschaffene Prediger anerkennen, die nicht von ihm gesendet sind, wenn sie auch vom König eingesetzt wären (Jer 23 u. 27).

Wie und auf welche Weise beruft und sendet denn Gott Prediger in seine Gemeinde?

Rechtschaffene, ordentliche, göttliche Berufung zum Predigtamt muss von Gott her kommen. Aber das geschieht auf zweierlei Weise: Nämlich, entweder ohne Mittel, oder durch ordentliche Mittel. Demnach wird es entweder unmittelbare Berufung oder Berufung durch Mittel genannt.

Was ist die unmittelbare Berufung und wie geschieht sie?

Wenn Gott nicht durch Menschen, also durch ordentliche Mittel, sondern durch sich selbst ohne Mittel eine Person zum Predigtamt beruft und uns sendet. So wie er die Patriarchen, Propheten und Aposteln ohne Mittel berufen hat. Und die, die so berufen sind, die haben durch den Geist und Wunder Zeugnis, dass sie in der Lehre nicht irren und andere Prediger müssen die Lehre von ihnen empfangen und nehmen. Auch ist ihre Berufung nicht an eine gewisse Kirche gebunden, sondern sie haben Befehl, allenthalben zu predigen.

Muss man denn bald allen Phantasten glauben, wenn sie vorgeben, Gott  sei ihnen erschienen, der Herr habe mit ihnen geredet, der Vater habe es ihnen befohlen, der Geist treibe sie?

Das verbietet Gott mit ausdrücklicher Warnung (Jer 14): „Sie weissagen falsch in meinem Namen. Ich habe sie nicht gesandt und ihnen nichts befohlen und nichts mit ihnen geredet. Sie predigen euch falsche Gesichte und ihres Herzens Betrug, etc.“ Sondern die, welche Gott ohne Mittel beruft, denen gibt er die Gabe, Wunderzeichen zu tun, oder andere göttliche Zeugnisse, dass sie damit ihre Berufung beweisen und bezeugen können, wie Mose in Exodus 4 tut. Daher nennt Paulus die Wunderzeichen Siegel des Apostelamtes (2. Kor. 12), wie auch Christus (Joh 5, Mt 10). Aber falscher Lehre soll man auch um kein Wunderzeichen willen Raum oder Glauben geben (Dtn 1, Mt 24, 2.Thess 2).

Will Gott auch in jetziger Zeit ohne Mittel Prediger berufen und senden?

Wir wollen weder, noch sollen wir Gott in seiner freien Macht und in seinem freien Willen etwas vorschreiben. Aber im Neuen Testament haben wir keine Verheißung, dass Gott nach den Aposteln das Predigtamt durch solche Berufung ohne Mittel besetzen wolle. Wir haben auch keinen Befehl, dass wir darauf warten sollen. Deshalb bleiben wir und sollen wir auch bleiben bei der Ordnung, welche der Heilige Geist durch die Apostel vorgeschrieben hat, nämlich, dass und wie Gott durch ordentliche Mittel das Predigtamt besetzen wolle.

Was ist die vocatio mediata oder die Berufung, die durch Mittel erfolgt?

Wenn ein Prediger oder Kirchendiener von Gott, aber nicht ohne Mittel, wie die Propheten und Apostel, sondern durch ordentliche Mittel zum Predigtamt berufen und in das Amt eingesetzt wird. Denn die Berufung durch Mittel geschieht ebenso wohl durch Gott wie die Berufung ohne Mittel. Allein in der Art der Berufung liegt ein Unterschied: Die Propheten und Apostel hat Gott berufen ohne Mittel durch sich selbst. Titus aber, Timotheus, Sostenes, Silvanus usw beruft und sendet Gott auch, aber nicht ohne Mittel, sondern durch die Mittel, die von ihm dazu verordnet sind.

Hat die Berufung, die durch Mittel erfolgt, auch Grund und Zeugnis in der Schrift?

Ja, denn die Apostel haben in den Kirchen hin und her Älteste oder Prediger verordnet (Apg 14). Timotheus wird zu dem Amt berufen und gesendet durch Auflegung der Hände der Ältesten (1. Tim 4). Und Paulus befiehlt Timotheus und Titus, dass sie das Amt mit tüchtigen Personen besetzen sollen und schreibt ihnen vor, wie sie mit der Berufung umgehen sollen (Tit 1, 1. Tim 3, 2. Tim 2).

Beweise aus der Schrift, dass derjenige, der durch ordentliche Mittel berufen wird, gewiss von Gott selber berufen und gesendet werde!

Timotheus, der oberste Bischof zu Ephesus, war nicht ohne Mittel, sondern durch Paulus und die Ältesten berufen (1. Tim 4, 2. tim 1) und er hatte Befehl, wiederum andere zu berufen (1. Tim 3). Dennoch spricht Paulus (Apg 20) zu den Ältesten der Kirche in Ephesus: „Der Heilige Geist hat euch als Bischöfe eingesetzt.“ Und in der anderen Epistel an die Korinther, welche neben Paulus auch Timotheus geschrieben hat, spricht Paulus von sich und von Timotheus: „Gott hat uns das Amt der Versöhnung gegeben und hat in uns das Wort der Versöhnung gelegt, damit wir Botschafter sind anstatt Christus.“ Und Paulus spricht (Eph 4, 1. Kor 12), dass Hirten und Lehrer, die doch durch Mittel berufen werden, gleichwohl von Gott gegeben und eingesetzt werden.

Was will denn Gott für Mittel dazu gebrauchen, durch welche er ordentliche weise Prediger berufen und senden will?

Nicht durch Engel will er solches tun, sondern durch seine Kirche bzw. Gemeinde, die das königliche Priestertum ist (1. Petr 2). Denn derselben hat er als seiner lieben Braut die Schlüssel befohlen (Mt 18), Wort und Sakrament ihr anvertraut (Röm 3 u. 9) und zusammengefasst, das Amt samt den Dienern ist alles der Kirche anvertraut (1. Kor 3, Eph 4).

Handeln denn die Wiedertäufer recht, wenn sie dem gemeinen Haufen die Einsetzung des Predigtamtes anheimgeben und davon andere Prediger und die christliche Obrigkeit ausschließen?

Auch nicht, denn die Kirche eines jeden Ortes heißt und ist das ganze Corpus, worin unter dem Haupt Christi alle Glieder desselben Ortes begriffen werden (Eph 4, 1. Kor 1). Deshalb gehört die Berufung, wie nicht allen Geistlichen allein, wie auch nicht der Obrigkeit allein, so auch nicht dem gemeinen Haufen allein, denn keines ist ohne das andere die ganze Kirche. Die Berufung ist und soll bei der ganzen Kirch(gemeinde) bleiben, in und mit gebührender Ordnung.

Wie aber, wenn man einen Prediger beurlauben oder vom Amt absetzen soll?

„Wie nun die Berufung und Einstellung der Prediger Gottes ist, wenngleich es durch Mittel geschieht, und deswegen nach seiner Instruktion geschehen soll, so hat auch Gott die eigentliche Macht, einen Prediger des Amtes zu entheben (1. Kön 2, Hos 4). Und weil solches durch Mittel geschieht, so muss es auch aus und nach Gottes Instruktion geschehen. Deshalb, so lange Gott seinen Diener, der in Treue lehrt und ohne Ärger zu verursachen lebt, im Amt haben will und dulden kann, so hat die Kirche nicht die Macht, einen Fremden, nämlich Gottes Diener, ohne seinen Befehl abzusetzen. Wenn er aber entweder mit seiner Lehre, oder mit seinem Leben die Kirche nicht baut, sondern ärgert und zerbricht, so setzt ihn Gott selber ab (1. Kön 2, Hos 4). Und dann hat die Kirche nicht alleine Recht und Macht, sondern ist schuldig, einen solchen abzusetzen. Denn gleich, wie Gott durch Mittel Prediger beruft, aber nach seiner gegebenen Instruktion, so geschieht es auch durch ordentliche Mittel, wenn Gott Prediger absetzt. Aber darin muss die Kirche auch unseres Herrn Gottes Instruktion haben und derselben auch folgen. Und wie von der Berufung gesagt ist, so steht auch das Absetzen nicht bei einem Stand der Kirche allein. Deshalb haben die alten Rechtskanone eine gründliche und gute Ordnung gegeben, wie mit der Sache umgegangen werden soll, wenn ein Kirchendiener entweder seines Amtes enthoben werden oder an einen anderen Ort versetzt werden soll“.

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