Christus und die Wahrheit der Religionen

In welchem Verhältnis steht das Christentum zu seiner Umwelt? Zu dieser Frage war die Kirche von Anfang an herausgefordert. Kann man, zum Beispiel, Bilder und Deutungen der Philosophie, also der Weisheit der Welt benutzen, um Glaubenserkenntnisse zu beschreiben? Und vor allem, wie ist das denn mit anderen Religionen oder Sinnlehren, in ihnen findet sich doch auch so etwas wie Moral, Gut und Böse, Werte – also die klassischen ethischen Imperative, die nach Ansicht so vieler den bleibenden Wert einer christlichen Gesellschaft ausmachen sollen. Braucht es für eine gut funktionierende Gesellschaft Werte? – Das ist wohl unbestritten. Braucht es speziell christliche Werte? – das ist doch wohl sehr zu bezweifeln. Kluge Menschen haben immer mal wieder in der Geschichte der Menschheit erkannt, dass es zum Beispiel nicht gut ist, wenn sich einfach alle gegenseitig anlasslos umbringen. Vielleicht braucht man dafür nicht mal das Nachdenken, sondern nur menschliche Instinkte. Unsere These: für die vielbeschworenen christlichen Werte, aufgrund derer der Kirche gesellschaftliche Relevanz zugesprochen wird, braucht es weder Kirche noch Christentum, andere Religionen könnten das sogar viel besser. Woran liegt das? Diese Frage hat schon Paulus behandelt (Röm 1):

18 Denn Gottes Zorn wird vom Himmel her offenbart über alles gottlose Leben und alle Ungerechtigkeit der Menschen, die die Wahrheit durch Ungerechtigkeit niederhalten.
19 Denn was man von Gott erkennen kann, ist unter ihnen offenbar; denn Gott hat es ihnen offenbart.
20 Denn sein unsichtbares Wesen – das ist seine ewige Kraft und Gottheit – wird seit der Schöpfung der Welt, wenn man es wahrnimmt, ersehen an seinen Werken, sodass sie keine Entschuldigung haben.
21 Denn obwohl sie von Gott wussten, haben sie ihn nicht als Gott gepriesen noch ihm gedankt, sondern sind dem Nichtigen verfallen in ihren Gedanken, und ihr unverständiges Herz ist verfinstert.
22 Die sich für Weise hielten, sind zu Narren geworden
23 und haben die Herrlichkeit des unvergänglichen Gottes vertauscht mit einem Bild gleich dem eines vergänglichen Menschen und der Vögel und der vierfüßigen und der kriechenden Tiere.
24 Darum hat Gott sie in den Begierden ihrer Herzen dahingegeben in die Unreinheit, sodass sie ihre Leiber selbst entehren.
25 Sie haben Gottes Wahrheit in Lüge verkehrt und das Geschöpf verehrt und ihm gedient statt dem Schöpfer, der gelobt ist in Ewigkeit. Amen.
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Das Luthertum nennt dieses Lehrstück klassischerweise (nicht erst seit Paul Althaus) „Uroffenbarung“. Eine Offenbarung des Willens Gottes, die dem Menschen von Anfang an eingeschrieben ist. Menschen können erkennen, was gut und was schlecht ist – und dazu brauchen sie keinen Christus. Das ist nach lutherischer Lehre auch der Wert und die Leistungsfähigkeit aller nichtchristlichen Religionen: Sie zeigen dem Menschen, was gut und schlecht ist.
Gegen zwei Auffassungen grenzt sich diese lutherische Lehre ab. Zum einen gegen eine römisch-katholische Idee, wonach das Erkennen moralisch richtiger Dinge in den Religionen dadurch geschieht, dass heimlich doch Christus am Werk ist. Und gegen eine reformiert-calvinistische Idee, wonach Gott nicht anders als durch Christus spricht. Uroffenbarung besagt: Gott spricht auch anders als nur durch Christus zu den Menschen: allerdings als abwesender Gott (deus absconditus). Als Gott, der ungerecht und grausam erscheint. Als Gott, der sich zwar in der Herrlichkeit der Natur zeigen mag – aber auch in einer zutiefst lebensfeindlichen Natur. Als Gott, der zuzulassen scheint, dass Unschuldige sterben, dass es Böses nicht zu knapp in dieser Welt gibt. Derselbe Gott zeigt durch seine Werke, dass er da ist, und fordert von den Menschen seine Anbetung – und doch können die Menschen es nicht, weil sie sich gegen ihn wenden. Die Uroffenbarung führt also nicht zu Christus. Aber sie ist deshalb nicht vergebens: Sie zeigt dem Menschen, dass es mehr geben muss als ihn. Sie erinnert ihn an seine letztlich völlige Abhängigkeit (Schleiermacher nennt es schlechthinnige Abhängigkeit), daran, dass er eben kein Gott ist – sich nicht geboren hat, die Welt nicht geschaffen hat, die Welt nicht erhalten kann, usw. Die Uroffenbarung ist Gesetz. Die Uroffenbarung ist Gesetz, welches mich erkennen lässt, dass ich Sünder bin. Denn sie zeigt mir, dass ich Fremdes nutze und zerstöre, und dass all mein Wirken und Bemühen letztlich keinen Bestand hat. Der Zweck der Uroffenbarung ist insofern derselbe Zweck des ganzen Gesetzes:
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Das Gesetz [ist] den Menschen um dreierlei Ursache willen gegeben: erstlich, daß dadurch äußerliche Zucht wider die Wilden, Ungehorsamen erhalten [werde]; zum andern, daß die Menschen dadurch zur Erkenntnis ihrer Sünden geführt [werden]; zum dritten, nachdem sie wiedergeboren, und gleichwohl das Fleisch ihnen anhängt, daß sie um desselben willen eine gewisse Regel hätten, nach welcher sie ihr ganzes Leben anstellen und regieren sollen.
Konkordienformel, Epitome, VI, Vom dritten Gebrauch des Gesetzes

Insofern haben die Religionen eine Wahrheit, sie tragen göttliche Offenbarung in sich. Dennoch ist diese allgemeine Uroffenbarung, die den Menschen in irgendeiner Form zu allen Zeiten an allen Orten geschenkt wurde, vom Gesetz, wie es in der Schrift, besonders im Alten Testament zu finden ist, abzugrenzen, wie uns Kahnis ermahnt (und wie auch schon Paulus betont, Röm 3,1f):

„Eine Vorbereitung auf Christus erkennt die Schrift dem Heidentum an. Im Judentum geht diese Vorbereitung negativ darauf hin, dass sich das äußere Reich auflöst, um sich in Christus zu erfüllen, positiv, dass der Einzelne von dem Bedürfnis nach persönlichem Heil ausgeht. Da die Substanz des Heidentums sich nicht verhält wie die des Judentums zum Christentum, nämlich wie Vorbereitung zur Erfüllung, der Heide im Christentum seine Substanz verliert, nur als Einzelner aufgenommen wird, während der Jude seine Vergangenheit verklärt wiederfindet, so kann nur in gänzlicher Auflösung des Heidentums die Vorbereitung gefunden werden. Mit dieser negativen Seite hängt auf das Innigste die positive zusammen. Waren die substanziellen Bande des Heidentums zersprengt, so gab es eben nur noch Atome, Einzelne. Werden die Heiden nur als Einzelne und zwar als Sünder aufgenommen, so kann die positive Vorbereitung nur darin bestehen, dass die Heiden ihr persönliches Unheil erkennen und nach persönlichem Heil aufsehen.“

Kahnis, Die Lehre vom Heiligen Geist, Halle 1847, 127#

Das Gesetz, wie es im Alten Testament zu finden ist, hat also einen ungleich höheren Wert als das der anderen Religionen. Kahnis Zeilen zeigen zudem wieder einmal, dass die unheilvolle Erlanger Theologie des 20. Jh. nicht alles ist, was Lutherische Theologie zum Verhältnis von Christentum und Judentum zu sagen hatte. Zusammen mit den Wortmeldungen Luthardts erinnern sie an die so ganz andere Ausrichtung der Leipziger konfessionellen Theologie in dieser Hinsicht.

Allerdings bleibt eine Sache bestehen: Dieses Gesetz führt nicht zu Christus bzw. zum Evangelium.Im Gegenteil, Paulus Fazit ist (Röm 2):

Darum, o Mensch, kannst du dich nicht entschuldigen, wer du auch bist, der du richtest. Denn worin du den andern richtest, verdammst du dich selbst, weil du ebendasselbe tust, was du richtest.
Wir wissen aber, dass Gottes Urteil zu Recht über die ergeht, die solches tun.
11 Denn es ist kein Ansehen der Person vor Gott.
12 Alle, die ohne Gesetz gesündigt haben, werden auch ohne Gesetz verloren gehen; und alle, die unter dem Gesetz gesündigt haben, werden durchs Gesetz verurteilt werden.
13 Denn vor Gott sind nicht gerecht, die das Gesetz hören, sondern die das Gesetz tun, werden gerecht sein.
14 Denn wenn Heiden, die das Gesetz nicht haben, doch von Natur aus tun, was das Gesetz fordert, so sind sie, obwohl sie das Gesetz nicht haben, sich selbst Gesetz.
15 Sie beweisen damit, dass des Gesetzes Werk in ihr Herz geschrieben ist; ihr Gewissen bezeugt es ihnen, dazu auch die Gedanken, die einander anklagen oder auch entschuldigen,
16 an dem Tag, an dem Gott das Verborgene der Menschen durch Christus Jesus richtet, wie es mein Evangelium bezeugt.
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Vor Gott also relativieren sich alle „christlichen“ und unchristlichen Werte, sie sind zu nichts nütze. Stattdessen ist mit Paulus zu schließen (Röm 3,23-25): „Sie sind allesamt Sünder und ermangeln des Ruhmes, den sie vor Gott haben sollen, und werden ohne Verdienst gerecht aus seiner Gnade durch die Erlösung, die durch Christus Jesus geschehen ist. Den hat Gott für den Glauben hingestellt zur Sühne in seinem Blut zum Erweis seiner Gerechtigkeit, indem er die Sünden vergibt […].“  Allein der Glaube ist das Mittel und das Werkzeug, mit dem wir Christus und in Christus die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt, ergreifen können (Konkordienformel, Epitome, III). Andere Religionen können dorthin nicht führen, und sind insofern nicht beliebig mit dem Christentum austauschbar. Sie führen, wie alles Gesetz, nur zu der Erkenntnis, dass ich als Mensch nicht selbst Herr der Welt und damit Gott bin, sondern ein von vielen Mächten abhängiges Wesen. In der Zerstörung menschlicher Selbstherrlichkeiten räumen sie den Weg frei, auf dem Christus zu mir kommt.

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