„Gottes Schriftzüge sind Lebensgeschichten“ – Göttliche Schreibkunde und Gesetz & Evangelium mit Meister Ahlfeld

Heute sitzen wir nicht in der Vorlesung, wohl aber werden wir unterwiesen. Friedrich Ahlfeld, Pfarrer zu St. Nikolai in Leipzig, predigt über Gesetz und Evangelium, über Gottes Punkte und Striche und vor allem zeigt er, wie man das Alte Testament vorbildich allegorisch auslegt: Indem man auf Christus schaut.
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Und Mose stieg aus den Steppen Moabs auf den Berg Nebo, den Gipfel des Gebirges Pisga, gegenüber Jericho. Und der HERR zeigte ihm das ganze Land: Gilead bis nach Dan
und das ganze Naftali und das Land Ephraim und Manasse und das ganze Land Juda bis an das Meer im Westen
und das Südland und die Gegend am Jordan, die Ebene von Jericho, der Palmenstadt, bis nach Zoar.
Und der HERR sprach zu ihm: Dies ist das Land, von dem ich Abraham, Isaak und Jakob geschworen habe: Ich will es deinen Nachkommen geben. – Du hast es mit deinen Augen gesehen, aber du sollst nicht hinübergehen.
So starb Mose, der Knecht des HERRN, daselbst im Lande Moab nach dem Wort des HERRN.

5. Mose 34, 1-5

Sünder sind wir. Im tiefsten Innern sind wir behaftet mit der Erbsünde. Diese Anlage, dieser Hang – wer kann es leugnen? Wie steht Gott dazu? Er droht, alle zu strafen, die solche Gebote übertreten. Verflucht sei, wer nicht alle Worte dieses Gesetzes erfüllt, dass er danach tue. Wer hat sie erfüllt? Wer hat danach getan? – Keiner. Nach dem Gesetz liegen wir alle unter dem Fluch, sind wir alle Kinder des Todes. Diesen großen und schweren Satz schreibt Gott tatsächlich nieder in unserem Text.

Gott schreibt ja in Lapidarschrift. Seine Schriftzüge sind Lebensgeschichten oder auch Völkergeschichten. Seine großen Züchtigungen, wo sich die Leute besinnen sollen auf den Herrn ihren Gott, sind die Denkstriche. Tod oder große zerschmetternde Gerichte, welche über ganze Völker einherfahren, sind Punkte und Absätze. Freilich hat er zuletzt noch ein großes Punktum mit einem ewigen Denkstrich. Die Weltgeschichte schließt mit dem Weltgerichte. –

Moses, der Knecht Gottes, ist der rechte Mann des Gesetzes. Die Wüste ist das Vorbild unserer Pilgerfahrt. Kanaan, das gelobte Land, ist das Vorbild der ewigen Heimat, die uns Gott in Christo seinem Sohn geben will. Aber der Mann des Gesetzes ist nicht hinübergekommen nach Kanaan. Er hat große Gnade von Gott erfahren. Gott hat ihn erkoren zum Mittler des ersten Testaments. Mit Mose hat Gott von Angesicht zu Angesicht geredet. Moses ist ein Held Gottes gewesen. Wenn das ganze Volk murrte und wogte wider den Herrn, wie ein wildes Meer, dann hat der Knecht Gottes gestanden wie ein Fels darinnen. Wenn selbst sein Bruder Aaron, den Gott mit dem Priestertum betrauet hatte, abfiel mit dem fleischlichen Volke und diesem einen Gott machte, wie sie ihn in Ägyptenland gehabt hatten, dann ist dieser Moses stark genug, allein bei seinem Gotte zu bleiben, die Verirrten zurückzurufen, das goldene Kalb zu Staub und Asche zu verbrennen, und die verhärteten Götzendiener mit der Schärfe des Schwertes zu strafen.

Aber dennoch ist er ein Sünder wie andere Menschenkinder. Auch er ist ein Übertreter des göttlichen Willens gewesen. Das Gesetz spricht auch über ihn sein Gericht aus. Er stirbt auf dem Nebo. Und darin, dass der Held des Gesetzes nicht nach Kanaan kommen kann, hat Gott ausgesprochen, dass auch der treueste Dienst unter dem Gesetze uns nicht in das himmlische Kanaan hilft; denn ganz treu ist ja Keiner.

Aber Eins hat Gott seinem getreuen Knechte doch vor den Hunderttausenden, welche aus Ägypten ausgezogen waren, vorausgegeben, dass er nämlich von dem Gipfel des Berges einen sehnenden Blick hinüberwerfen durfte nach Kanaan. Diese Gnade gibt das Gesetz allen seinen redlichen Dienern:

Das Gesetz schlicht mit einem sehnenden Blicke in das Reich der Gnade.

I. Am Schlusse des Gesetzes ist meine eigene Hoffnung zu Nichte.

Hundert und zwanzig Jahre war Moses alt, seine Augen waren nicht dunkel geworden und seine Kraft war nicht verfallen. Vierzig Jahre war er ein Fürst und Führer des Volkes Israel gewesen, nachdem ihm Gott das Gesetz gegeben hatte. Jetzt stand er auf der Höhe des Nebo an den Grenzen des Landes Kanaan, auch an dem Marksteine seines Lebens. Wenn er zurücksah über die vierzig Jahre, welche hinter ihm lagen, was sah er da? Tief eingegrabene Spuren der göttlichen Barmherzigkeit. Aus Ägypten hatte Gott sein Volk geführt mit seinem gewaltigen ausgereckten Arm; durch’s rote Meer hatte er ihnen einen Pfad geschlagen; aber Pharao mit Rossen und Wagen war darin untergegangen. Mit Manna und Wachteln, mit Wasser aus dem Felsen hatte Gott das Volk gespeist und getränkt, und von seinen Feinden, den Amalekitern und andern Stämmen, hatte er es errettet mit seiner mächtigen Hand. Das waren die Züge der Gnade und Güte.

Dazu kam die scharfe Zucht, welche Gott im Gesetze über das Volk verhängte, und die großen Plagen, mit denen er es schlug, wenn es nicht Lust hatte, in seinen Wegen zu gehen. Bald waren es die Feinde, denen Gott die Hand stärkte; bald waren es giftige Schlangen, welche das Wandervolk verwundeten. Mit beiden Stäben, dem Stabe Sanst und dem Stabe Wehe, hatte es Gott ziehen wollen. Aber war denn das Volk in Demut und im Gehorsam geblieben? Nein, der ganze Zug durch die Wüste war eine Kette von Übertretungen. Falschen Göttern hatten sie gedient, um das goldene Kalb hatten sie getanzt, einmal über das andere hatten sie gegen Moses und Aaron gemurrt. Es war ihnen nicht recht, daß die beiden Männer Gottes sie weggeführt hatten von den Fleischtöpfen Aegyptens. Wenig fehlte daran, sie hätten den Moses gesteinigt. Endlich fast an der Grenze ihrer Pilgerschaft ließen sie sich noch von Bileam und den Moabitern zu Unzucht und Hurerei mit den Heiden verlocken. Nicht Gottes Gnade und Güte, nicht sein eisernes Szepter hatte sie in dem Wandel nach dem Gesetz erhalten können. Hatte doch Moses selbst gestrauchelt: Am Haderwasser hatte ihm Gott Befehl gegeben, mit dem Felsen zu reden, auf dass Wasser herausflösse. Er aber hat mit dem Volke gehadert und den Felsen hat er zweimal mit seinem Stabe geschlagen. Er war auch einen selbstgewählten Weg gegangen. Um aller dieser Übertretung willen hatte Gott Gericht über das Volk gehalten. Der einzelnen Strafen wollen wir nicht gedenken. Es ist genug, wenn wir wissen, daß das ganze Heer Israels, welches erwachsen aus Ägypten gezogen war, für unwürdig erkannt wurde, in das verheißene Land einzuziehen. Alle bis auf zwei Männer starben in der Wüste, und Moses, der Knecht Gottes, starb auf dem Nebo, wo ihm Gott der Herr selbst sein Grab grub.

— Ja, siehe zurück, um ihrer Sünden willen, sind sie Alle unwürdig befunden, das heilige Land zu betreten, Alle sind draußen gestorben. Das Gesetz hat kein neues Leben geben können. Wohl hat es mit seinen Drohungen die Sünde in manchen Fallen zurückgescheucht; aber überwunden konnte sie durch das Gesetz nicht werden, weil es keine Kraft der Wiedergeburt hat. Daher sind auch die ganzen Straßen des Volkes Gottes unter dem Gesetze bedeckt mit der Strafe Gottes und mit dem Tode. Israel ist nicht eingegangen in seine Ruhe.

— Nun steige du hinauf auf deinen Nebo und übersiehe das Leben, welches hinter dir liegt; richte es nach dem Gesetze und frage dich, ob du nach demselben Hoffnung und Frieden finden kannst. Deine Sünden will ich dir nicht weiter vorerzählen. Denke nur daran: Auch du hast andern Göttern gedient; auch du hast um das goldene Kalb getanzt. Auch du hast gemurrt über Gottes Wunderwege. Auch du hast dich, als er dich in der Taufe durch das rote Meer geführt hatte, als du dich einmal ein Wenig auf den Bußweg gemacht hattest, nach den Fleischtöpfen Ägyptens zurückgesehnt. Auch du hast Gottes Güte und Gottes ernste Zucht verachtet.

Auch wir haben uns von der Welt verführen lassen, mit ihr zu buhlen und Gott zu vergessen. Und wollen wir uns gar mit Moses vergleichen, so haben wir auch mit dem Felsen — ihr kennet den Felsen — reden sollen, daß er Wasser gebe. Dafür haben wir mit unsern Brüdern gehadert, und den Felsen, Jesum Christum, haben wir mit Klagen und mit Murren geschlagen. Unsere Sünde ist mehr, denn des Sandes am Meer. Die zehn Gebote sind zehn Zeiger auf dein Herz und dein Leben. Sie sind zehn Finger, welche allzumal auf deine Sünden zu deuten haben. Und unter den Sünden deuten sie auf das sündige Herz.

Das Gesetz hat für dich zuerst nur das Amt, daß es die Sünde zur Sünde mache, und daß es dir dann Schritt für Schritt deine Sünde nachweise. Begnadigen kann es nicht. Unter Donner und Blitz und Schrecken ist es gegeben. Mit Angst und bangem Klopfen erfüllt es zeitlebens das Herz. Aus Furcht des Todes müssen wir unter ihm unser ganzes Leben Knechte sein. Und wenn der Tod kommt, unter welchem Schilde will dann der Diener des Gesetzes vor den heiligen Gott treten? Gerecht sind wir nicht, das wissen wir. Strafen will Gott alle Ungerechtigkeit, das liegt in seiner Natur, und er hat es auch in klaren Worten ausgesprochen. Sein Wort steht fest, er kann nicht lügen. Da liegt denn Tod und Gericht vor uns. Der Stachel des Todes ist die Sünde, die Kraft aber der Sünde ist das Gesetz. Du stehst auch auf deinem Nebo und es steht hinter dir ein Leben voll Übertretung. Wenn nun Israel unter dem Gesetz um seiner Sünde willen nicht eingehen durfte in das Kanaan, da man mit den Füßen eingehet, wie willst du unter demselben Gesetze in das Kanaan eingehen dürfen, wo man mit dem reinen Herzen eingeht. Wenn jene in der Wüste sterben mußten unter dem Gesetz, dann müssen wir vielmehr in der Wüste sterben.

Das Gesetz ist gut. Es verheißt auch Gnade und alles Gute denen, welche es halten. Aber durch unsere Schuld ist es ein Verderber geworden. Wenn wir Nichts hätten, als die Zehn Gebote, dann stünden wir auch auf dem Nebo, weineten und stürben. Gottes Ungnade und Zorn wäre unser Theil. Wir würden in den Kerker geworfen, wo Heulen und Zähnklappen ist. Wir würden nicht von dannen hinausgehen, bis wir auch den letzten Heller bezahlten. Aber wovon sollten wir bezahlen? Wer kann denn die alte Schuld lösen? Selbst wenn Jemand noch das Leben hat, kann er alte Sünden nicht ungeschehen machen. Ja, wenn es dir auch rechter Ernst mit der Buße und dem neuen Wandel wäre, so wird ja die alte Schuld damit so wenig weggenommen, wie du bei einem Kaufmanne die alte Schuld damit tilgst, daß du fortan Alles, was du von ihm nimmst, bezahlst. Sie muß vergeben werden; von Vergebung aber weiß das Gesetz Nichts. So stehen wir am Schlusse des Gesetzes in dem tiefsten Elende und fragen:

II. Wo finde ich die Gnade?

Als Moses, welcher nicht hineinkommen sollte in das Land Kanaan, auf seinem Berge stand, da tat ihm Gott die Augen auf, daß er die künftige Heimat des Volkes sehen konnte. Er sah das Land, darinnen Milch und Honig fließt. Er sah es von Osten bis an das große Meer, von Naphthali bis an das tote Meer hinunter. Er sah das Land Juda, die Breite von Jericho, der Palmenstadt. Er hat auch die Höhen des Morija gesehen, wo später die Gnadenstadt gebaut werden sollte, und wo der Herr am Kreuze die große Angst und Frage gelöst hat, welche die ganze Welt am schwersten drückt. Ein letzter Blick hinein nach Kanaan war die letzte Tat des Mannes Gottes auf Erden. Dann schloß er seine Augen und entschlief.

— Und wie der Mittler des Gesetzes dieses letzte Amt hatte, nach Kanaan hineinzublicken, so hat auch sein Gesetz das Amt, uns zuletzt in das rechte Kanaan hineinblicken zu lassen. Durch die ganze Patriarchengeschichte ziehen sich die Vorbilder auf den Erlöser und die Erlösung hindurch. Auf dem Berge Morija, wo später der Tempel stand, baute Abraham seinen Altar, um seinen Sohn daselbst zum Brandopfer zu opfern. Isaak hat das Holz zu seinem Opfer selbst auf den Berg getragen. Der Gott, welcher Abraham’s Sohn nicht annahm, sondern nur das Herzensopfer, den Gehorsam bis zum teuersten Gute, sehen wollte, hat später daselbst seinen einigen Sohn opfern lassen, und dieser hat auch sein Opferholz selbst getragen. Als Israel gebissen ward von giftigen Schlangen, musste in der Wüste eine eherne Schlange erhöhet werden. Wer die gläubig anschaute, starb nicht. Der Herr nimmt diese selber als ein Vorbild auf sich. Er sagt: „Wie Moses in der Wüste eine Schlange erhöhet hat, also muß des Menschen Sohn auch erhöhet werden, auf daß Alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben“.

— Aber gehen wir bestimmter hinein in das eigentliche Gesetz. Alljährlich mußte jede Familie das Osterlamm schlachten und essen. Dies Osterlamm ward gegessen zum Andenken an den Auszug aus Ägypten. Damals hatte das Volk die Pfosten der Türen mit dem Blute bezeichnen müssen, auf daß der Würgengel, welcher ausging Ägyptens Erstgeburt zu schlagen, an den Häusern der Kinder Israel vorüberginge. Paulus sagt: „ Wir haben auch ein Osterlamm, das ist Christus, für uns geopfert“. Jenes ist nur ein Vorbild auf diesen. Wenn der Engel des Gerichtes einst ausgehet, wird er die auch nicht schlagen dürfen, deren Herzen mit dieses Lammes Blute gezeichnet sind.

— Ferner wurde alljährlich ein Bock, auf welchen der Hohepriester vorbildlich die Sünden des Volkes legte, indie Wüste geschickt. Er ist ein klares Vorbild auf das Lamm Gottes, welches der Welt Sünde trägt.

— Das sind eitel Blicke vom Gesetze hinüber in die Gnade. Da hinüber zeigt auch die Weissagung, welche in das Gesetz mit eingeflochten ist. Gott spricht: „Jch will ihnen einen Propheten, wie du bist, erwecken aus ihren Brüdern und meine Worte in seinen Mund legen; der soll zu ihnen reden Alles, was ich ihm gebieten werde. Und wer meine Worte nicht hören wird, die er in meinem Namen reden wird, von dem will ich’s fordern“. Hinüber auf diesen höchsten Propheten, auf den Sohn Gottes, treibet endlich das Gesetz auch als Zuchtmeister. Wenn es dein Herz zerschlagen, wenn es dir deine eigene Gerechtigkeit ausgezogen hat, kannst du in diesem Elend Ruhe haben? Du mußt anpochen, an die Türen deines Gottes und rufen: „Hast du denn Keinen, der mir meine Wunden wieder heilet? Hast du denn Keinen , der mir ein neues Kleid anzieht?“ Heilen aber kann nur der Heiland, und kleiden und gürten mit dem Gürtel der Gerechtigkeit kann nur der Gerechte. O blicke ja von dem kalten und kahlen Nebo nicht allein in die Wüste deiner Sünde und des Gesetzes! Wer nichts kennt, als das Gesetz und seine Strafe, der muß verzweifeln. Darum gibt es jetzt so viele gänzlich zerrissene und auch irre Herzen, weil die Leute wohl noch Etwas vom Gesetz, aber meist Wenig von der Gnade gelernt haben. Wenn nun das Gesetz lebendig wird und sie anklagt, dann sind sie wie Durstige in der Wüste, da kein Wasser ist. Etwas Elenderes gibt es nicht. Wer sich aber einen weichen, milden lieben Gott gemacht, und unter diesem selbstgemachten Gotte tote Ruhe gehabt hat, der wird auch verzweifeln, wenn er sich fragt, ob Gott wirklich so sei, und wenn ihm die Schrift und die tiefere Erfahrung redet von dem Heiligen und Gerechten, von dem geschrieben steht: „Schrecklich ist es, in die Hände des lebendigen Gottes zu fallen“.

Den Hofprediger an einem fürstlichen Hofe im Sachsenlande ließ eines Tages ein angesehener Herr zu sich rufen. Derselbe setzte dem Prediger auseinander, daß er krank sei, und vielleicht bald sterben müsse; der Prediger möchte ihm doch etwas Tröstliches sagen, aber Jesum Christum gar nicht dabei erwähnen, denn von dem wolle er Nichts wissen. Der Prediger antwortete ihm: „Es ist gut, daß Sie mir das voraussagen, denn mit dem hätte ich sonst gerade angefangen“. Er redete nun bei diesem Besuche von der Liebe Gottes. Das umwehte den kranken Herrn wie eine süße Lebensluft. Er befand sich sehr wohl dabei und bat den Prediger, er möchte ja bald wiederkommen. Er kam und redete das zweite Mal von Gottes Allmacht, Allgegenwart und Allwissenheit. Da waren für den Kranken schon etliche Dornen darinnen. Es ist gar bitter, daß dieser Gott alle unsere Sünden gesehen und in sein Buch geschrieben hat. Doch es ging noch. Der Prediger nahm Abschied, und der Kranke bat wiederum, er möchte bald wiederkommen. Er kam und redete diesmal von der göttlichen Heiligkeit und das nächste Mal von der göttlichen Gerechtigkeit. Da war es freilich nicht mehr wie milde Frühlingsluft. Denn wenn es heißt: „Gott ist nicht ein Gott, dem gottlos Wesen gefällt, wer böse ist, bleibt nicht vor ihm“, dann ist eiskalter Winter da. Und wenn es heißt: „Gott wird geben einem Jeglichen nach seinen Werken“, und „Die Gottlosen werden in die ewige Peingehen“, dann friert es bis mitten in’s Herz hinein. Mit solchen Gesprächen über den gerechten Gott schloss diesmal der Seelsorger. Er stand am Ende des Gesetzes. Mehrere Tage ging er nicht zu dem Kranken. Er hatte im Grunde dem Manne, welcher von Christo Nichts hören wollte, Nichts mehr zu sagen. Endlich ließ ihn der Patient selbst wieder rufen und klagte ihm: „Ich weiß mich vor Angst nicht zu fassen, mir ist als ob ich in der Hölle, oder die Hölle in mir wäre. Wissen Sie denn Nichts, womit Sie mich trösten könnten?“ Der Prediger antwortete: „Ich weiß Ihnen sonst Nichts mehr zu sagen, als daß Gott zwar gnädig, aber auch weise, heilig und gerecht ist, und nach seiner Gerechtigkeit nicht anders kann, als das Böse strafen. Wohl wüsste ich Ihnen viel Treffliches und Tröstliches zu sagen, aber davon wollen Sie Nichts hören. Darum müssen Sie in diesem unseligen Zustande hinsterben und drüben Ihr Schicksal erwarten, und da muss ich Sie von Herzen bedauern“. „Nun was wissen Sie denn Tröstliches und Gutes; sagen Sie mir’s doch, kann ich noch gerettet werden?“ fragte der Kranke in der Angst seines Herzens. „O ja, aber unter keiner andern Bedingung, als wenn ich Ihnen von Jesu sagen darf“. „So sagen Sie in Gottes Namen, was Sie wollen, wenn ich nur noch aus meiner Verdammnis gerettet werden kann!“ Jetzt ging der Prediger von Sinai nach Bethlehem und Golgatha und predigte dem armen, reichen Manne vom Gnadenrat Gottes, von der Erlösung, der Vergebung der Sünden und der Gerechtigkeit in Jesu Christo. Und da die Not auf’s Wort merken lehrt, fand der Glaube und aus dem Glauben der Trost in das arme Herz Eingang.

— Mein Christ, wenn deine Sünden dich kränken, und sie müssen dich kränken, dann tu die Augen auf und siehe hinweg aus der Wüste des Gesetzes hinüber in das gelobte Land des Glaubens. Das ist das Land, da Milch und Honig fließt, da man Milch und Wein umsonst kauft. Der dreieinige Gott hat aus Erbarmen von Ewigkeit her Rat geschafft für das geängstete Herz. Die drei Artikel im zweiten Hauptstück sind drei heilige Bergspitzen auf einer Wurzel. Die Sonne ruht auf ihnen und die frischen Quellen springen unter ihnen. Wer vom Nebo her nach dem Leben schauet, sieht sie zuerst. Hinter ihnen ist das große Meer der göttlichen Gnade. Mache es wie jener Bergmann in Joachimsthal: Dem war sein Gewissen wach geworden, und er suchte mit allem Ernst den Herrn und seine Gnade. Sein Beichtvater Johann Matthesius fragte ihn, wessen er sich getröste. Er antwortete: „Ich habe gegen alle Gebote Gottes gesündigt, doch habe ich noch eins, welches ich als das elfte ansehe, und das macht die zehn vorigen wieder gut. Dieses elfte heißt:

„Das helf‘ uns der Herr Jesu Christ,
Der unser Mittler worden ist,
E ist mit unserm Thun verlor’n,
Verdienen doch eitel Zorn. Kyrielei.“

Christus ist des Gesetzes Erfüllung. Amen.

Johann Friedrich Ahlfeld, Predigten über das erste Hauptstück, Halle 1867

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