Drei zum Preis von einem – ein theologisches Papier der EVLKS kratzt an der Trinität … und warum ist die überhaupt so wichtig?!

Wie im vorletzten Amtsblatt der EVLKS zu lesen, verabschiedete die Synode der Ev.-Luth. Landeskirche Sachsens im November 2016 sogenannte „Theologische Aspekte der interreligiösen Begegnung“. Wer das Papier, das hier im Kontext „Kirche in der Gesellschaft“ noch einmal dem Leser dargereicht werden soll, aufmerksam liest, erkennt jedoch schnell, dass es sich um ein Glaubensbekenntnis handelt, „Aspekte“ ist eine irreführende Bezeichnung. Die drei Abschnitte beginnen jeweils mit der Eröffnung „Als Christinnen und Christen“, verweisen also darauf, dass die jeweils folgenden Aussagen ihren Ursprung in dieser beschworenen Eigenschaft des Christseins haben, und damit Aussagen sind über das, was Christen ausmacht – Glaubensbekenntnisse eben.

Besonders der Anfang des zweiten Absatzes soll uns, auch anlässlich der posttrinitatischen Kirchenjahreszeit in der wir uns allsonntäglich wiederfinden, besonders beschäftigen:

Als Christinnen und Christen

– glauben wir an die Existenz eines einzigen Gottes, der mit allen Menschen Gemeinschaft sucht und zum Heil aller Menschen wirken will,

– glauben wir diesen Gott als dreieinig, der sich in Jesus Christus durch den Heiligen Geist offenbart

Soweit so gut, jedenfalls vielleicht beim ersten Lesen. Hier tritt die Bekenntniseigenschaft des Textes besonders klar zutage, denn wir kennen diese Sprache und diese Inhalte. Sie sind Teil der klassischen Eröffnung der Altkirchlichen Bekenntnisse über die ‚Lehre von Gott‘ (in der [lateinischen] Dogmatik mit „De Deo“ – über Gott – überschrieben). Der erste Satz klingt erstmal richtig und auch irgendwie vertraut, doch beim zweiten Satz werde ich etwas stutzig: Ja, es wird auch hier Sprache gebraucht, die mir geläufig ist und auch das Wort dreieinig kommt vor. Um meinen Bauchschmerzen auf den Grund zu gehen, will ich aber genauer nachsehen. Tun wir das doch bei den Bekenntnissen, die die lutherische Kirche als solche definieren und die, laut der Verfassung der EVLKS, auch diese zur Grundlage ihres Handelns nimmt. Man merkt gleich, das Thema scheint zentral zu sein.

Das apostolische Glaubensbekenntnis

Ich glaube an Gott, den Vater, den Allmächtigen, Schöpfer Himmels und der Erden

Und an Jesus Christus, seinen eingebornen Sohn, unsern Herrn

 

Das nicäische Glaubensbekenntnis

Ich glaube an einen einigen allmächtigen Gott, den Vater, Schöpfer Himmels und der Erden, alles, das sichtbar und unsichtbar ist.

Und an einen einigen Herrn Jesus Christus, Gottes einigen Sohn, der vom Vater geboren ist vor der ganzen Welt, Gott von Gott, Licht vom Licht, wahrhaftigen Gott vom wahrhaftigen Gott, geboren, nicht geschaffen, eines Wesens mit dem Vater (homoousion to patri); durch den alles geworden ist, was im Himmel und was auf Erden ist

Auf das dritte altkirchliche Bekenntnis, das Athanasische, kommen wir später noch: es ist im Endeffekt in seiner Gesamtheit nur mit dem De Deo befasst.

Das Augsburger Bekenntnis

Erstlich wird einträchtiglich gelehrt und gehalten, laut des Beschlusses des Konzils von Nicäa, daß ein einig göttlich Wesen sei, welches genannt wird und wahrhaftiglich ist Gott, und sind doch drei Personen in demselbigen einigen göttlichen Wesen, gleich gewaltig, gleich ewig, Gott Vater, Gott Sohn, Gott Heiliger Geist, alle drei Ein göttlich Wesen, ewig, ohne Stück, ohne End, unermeßlicher Macht, Weisheit und Güte, ein Schöpfer und Erhalter aller sichtbaren und unsichtbaren Dinge. Und wird durch das Wort Persona verstanden nicht ein Stück, nicht eine Eigenschaft in einem andern, sondern das selbst bestehet; wie denn die Väter in dieser Sache dies Wort gebraucht haben

 

Die Schmalkaldischen Artikel

I) Daß Vater, Sohn und Heiliger Geist, in einem göttlichen Wesen und Natur, drei unterschiedliche Personen, ein einiger Gott ist, der Himmel und Erde geschaffen hat;

II)Daß der Vater von niemand, der Sohn vom Vater geboren, der Heilige Geist vom Vater und Sohn ausgehend;

III) Daß nicht der Vater noch Heiliger Geist, sondern der Sohn sei Mensch worden;

 

Es gibt also bestimmte wiederkehrende, das heißt der Kirche über 2000 Jahre hinweg zentrale und gleiche Punkte, die als Minimum hier immer genannt werden:

  1. Es ist ein einziger Gott
  2. Er ist der Schöpfer und Ursprung all dessen, was ist.
  3. Er ist eins, jedoch in drei Personen
  4. Gott der Vater ist ungeschaffen
  5. Christus ist sein von ihm geborener Sohn
  6. Der Heilige Geist geht vom Vater (in der Westkirche: auch vom Sohn) aus
  7. Vater und Sohn sind ein Wesen

Was hören wir nun in den „Theologischen Aspekten?“

 Als Christinnen und Christen

– glauben wir an die Existenz eines einzigen Gottes, der mit allen Menschen Gemeinschaft sucht und zum Heil aller Menschen wirken will,

– glauben wir diesen Gott als dreieinig, der sich in Jesus Christus durch den Heiligen Geist offenbart

Wir glauben an einen einzigen Gott. Das ist sehr gut und natürlich auch verbindend mit den anderen monotheistischen Religionen. Doch fällt im Vergleich auf: Wo ist denn die Allmächtigkeit und die Schöpfer– und Ursprungseigenschaft Gottes im Text der Aspekte geblieben? Nun, sie wird im vorhergehenden Abschnitt quasi als gesetzt genommen:

Als Christinnen und Christen

-Erkennen wir Gottes Handeln in der Vielfalt seiner Schöpfung

Der Schöpfer ist da, doch seine Allmacht fehlt immer noch. Nun aber wird es noch ernster: Denn die im nächsten Punkt genannte Dreieinigkeit wird auf mehreren Ebenen abgeschwächt. Erstens glauben wir diesen Gott als dreieinig. Das ist eine grammatisch ungewöhnliche Nutzung des Verbs „glauben“, die eher die Eigenschaft der Dreieinigkeit als durch das Glauben bedingt formuliert, als den Fakt der Dreieinigkeit als Glauben fordernd zu bekennen.

Und weiter: keines der anderen Bekenntnisse, die wir eben betrachtet haben, sagt, dass sich Gott durch den Heiligen Geist in Christus offenbart. Sie sprechen vom Sohn und Vater. Die klare Aussage, dass Jesus Christus Gott ist, wird in der obigen Formulierung verwischt zugunsten einer Sprachregelung, die alles und nichts bedeuten kann. Sie kommt manchem Lutheraner zwar bekannt vor, aber eben nicht aus den Bekenntnissen, sondern von Luthers Beschreibung des deus revelatus – Gott, der sich durch die Tatsachen der Menschwerdung, des Lebens, Leidens, Sterbens und Auferstehens Christi als die Liebe offenbart. Gott offenbart sich nicht in Christus, Christus ist Gott. Gott der Sohn. In einer nicht leicht erkennbaren Weise wird hier die Klarheit des Bekenntnisses verdunkelt, denn diese Aussage gilt ebenso für alle Propheten und Apostel, ja, für die ganze Kirche Christi. Kein Alleinstellungsmerkmal also.

Und das ist kein leicht zu nehmender Punkt: Die Bekenntnisschriften der Lutherischen Kirche umfassen nicht umsonst auch das Athanasium, das bekanntlich mit folgenden Worten beginnt:

Jeder, der selig werden will, muss vor allem den einen, allgemeinen Glauben festhalten.

 

Jeder, der diesen nicht unversehrt und unverletzt bewahrt, wird ohne Zweifel auf ewig verloren gehen.

Das ist eine ernste Warnung darüber, wie essenziell die Lehre von dem einen Gott in drei Personen für das Christentum, bzw. für das sich-Christ-nennen, ist. Aber der Verfasser (wohl nicht Athanasius selbst) steht nicht allein. Der zweite große Reformator – Philipp Melanchton – und ja doch eigentlich der, der nicht so unversöhnlich und radikal war, wie man so hört *hüstel*, schrieb die Apologie der Augsburger Konfession. Dort lautet es zu De Deo in der Übersetzung aus dem Lateinischen:

Diesen Artikel haben wir allzeit also rein gelehrt und verfochten, halten auch und sind gewiss, daß derselbe so starken, guten, gewissen Grund in der Heiligen Schrift hat, daß [es] niemand möglich ist, den zu tadeln oder umzustoßen. Darum schließen wir frei, daß alle diejenigen abgöttisch, Gotteslästerer und außerhalb der Kirche Christi seien, die da anders halten oder lehren.

Hui! Übertrieben? Das haben schon viele geglaubt. Doch selbst ein oberflächliches Eintauchen in die Materie führt schnell zu sehr Grundsätzlichem: War nun Christus wirklich selbst Gott? Wenn nicht, wer starb dann am Kreuz? Wer tat die Wunder? Kann dann sein Leiden und Sterben wirklich genug sein um mich, um die ganze Menschheit aller Zeiten von Ihren Sünden reinzuwaschen? Wenn er vielleicht nur sehr gut war? Kann ein bloßer Mensch überhaupt perfekt sein? Ist die Ursünde nicht über allen gleich, so wie auch die Vergebung  – über denen, die sie akzeptieren und eben nicht. Hat Gott da einfach seinen tollsten Nachfolger verrecken lassen? Wenn Christus nur ein Mensch war, muss doch die gesamte Rechtfertigungstheologie – allein aus Gnaden, allein durch Christus sind wir von Gott angenommen – fallen. Denn was sollte das tolle Leben eines bloßen Menschen da bewirken können? Das tolle Leben Noahs rettete keinen derer, die ihn verspotteten. Gott aber erweist seine Liebe zu uns darin, dass er uns angenommen hat, als wir noch Sünder waren. Daher sind die Worte der klassischen Bekenntnisse hier nicht umsonst gewählt. In einer Zeit, in der der Kirche oft genug ihre Irrelevanz vorgehalten wird, täte sie gut daran, sich an der klaren Sprache von Schrift und Bekenntnisse zu orientieren, um so deutlich zu machen, was ihr Kern, ihr eigenes ist, das, was niemand ersetzen kann. Vernebelnde Kompromissformeln werden hier nicht weiterhelfen.

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