Bei euch ist Luther schwach wie eine Flasche leer! – Franz Delitzschs Reformationsjubiläumswutrede

1839, zum dreihundertjährigen Jubiläum der Einführung der Reformation in Leipzig, kam Franz Delitzsch nicht umhin, das Wort an seine Zeitgenossen zu richten. Weil wir fanden, dass einige der Überlegungen auch nach 180 Jahren immer noch aktuell sind, haben wir die Gelegenheit genutzt, sind in die Zeit zurückgereist und haben eifrig mitgeschrieben. Denn – die Idee, Luther sei eigentlich der Erfinder der individuellen Freiheit der Moderne gewesen, das sei das Relevante an ihm, die geistert noch immer herum. Der Rest ist höchstens unangenehm, lohnt keinesfalls die Beschäftigung, außer man ist Historiker. Oder? Übergeben wir doch einfach das Wort an Franz:

„Lasst euch demnach nicht betrügen durch diejenigen, welche die Reformation eine Gegenwirkung der Vernunft gegen den Aberglauben nennen. Es war ein Kampf des unbedingtesten Glaubens an das ganze Wort Gottes gegen das irrlehrerische in der römischen Kirche grassierende Unwesen, dessen Quelle nicht in der heiligen Schrift, sondern eben in dem ihr eigenwillig widerstrebenden Menschengeiste zu suchen ist; denn der Irrthum ist des Menschen, die Wahrheit Gottes. Unsere Reformatoren emanzipierten nicht die menschliche Vernunft, welche schlechterdings in göttlichen Dingen blind ist und auch, wenn erleuchtet, nur so weit sieht, als sie die verlorene Sehkraft durch göttliche Gnade wieder empfangen hat (1 Kor. 2, 14; 2 Kor. 3, 5); nein im Gegentheil, sie nahmen dieselbe gefangen; die Waffen ihrer Ritterschaft waren nicht fleischlich, sondern mächtig vor Gott, zu verstören die Befestungen, damit sie verstörten die Anschläge und alle Höhe, die sich erhebt wider das Erkenntnis Gottes, und nahmen gefangen alle Vernunft unter den Gehorsam Christi (2 Kor. 18, 4-5). Sie stellten nicht an die Stelle eines konsequenten, ihnen missfälligen Glaubenssystems ein wandelbares Vernunftsystem, nicht an die Stelle der ewigen und unabänderlichen Schriftwahrheiten wesenlose, in beständigem Wolkenzuge begriffene Philosopheme oder gar die unumschränkte Freiheit, ins Blaue hinein zu vernünfteln, immerdar zu lernen und nimmermehr zur Erkenntnis der Wahrheit zu kommen. Nein, nein, Luther war nicht der Mann der verfinsterten Vernunft, sondern der erleuchteten; nicht der Mann des Gemeinsinns, sondern des Wortes Gottes; nicht ein Rohr, das der Wind hin und her weht, sondern Gott hatte ihn, wie dort den Propheten (Jer. 1, 18), zur festen Stadt, zur eisernen Säule und zur ehernen Mauer gemacht im ganzen Lande, wider die abtrünnigen Könige Judas, wider ihre Fürsten, wider ihre Priester, wider das Volk im Lande. Er demonstrierte nicht, wie Julius Vanini, seinen Richtern die Existenz einer Gottheit an einem aufgehobenen Strohhalm, sondern zeigte seinen Widersachern die Schriftwidrigkeit ihrer Lehren an dem aus langjährigem Schutte hervorgezogenen Worte der Wahrheit. Er bewies nicht Leo dem X. und seinen in altrömisches Heidenthum versunkenen Kardinälen aus Vernunftgründen die Unsterblichkeit der Seele, sondern ergriff den Harnisch Gottes, den Schild des Glaubens und das Schwert des Geistes, welches ist das Wort Gottes; er rührte, um in seinen eignen Bildern zu reden, die Heerpauke, stieß in die Trompete Gottes, und stürzte die Mauren Jerichos über den Haufen. Er proklamierte nicht das vom Teufel im Paradiese erteilte uralte Manifest der Vernunft; sondern trat in der Kraft des Herrn vor die Fürsten der Staaten und der Kirche mit dem im Hause des Herrn wiederaufgefundenen Gesetzbuch (2 Kön. 22.). Ein ewiges Evangelium, das alte, aber ewig neue, erscholl aus seinem Munde den Bewohnern der Erde (Offenb. 14, 6.7). Was werdet ihr noch aus diesem Luther machen und was habt ihr schon aus ihm gemacht, lutherische Zeitgenossen? Fürwahr, einen größeren Ketzer, als sich je die römische Kirche unterfangen hat.

[…]

Es gibt keine Verirrung des Verstandes und des Herzens, zu deren Empfehlung ihr nicht Luthers Namen missbraucht und seine Schriften zerfleischt hättet. Ihr bauet der Propheten Gräber, ihr schmücket der Gerechten Gräber, ihre Leichname habt ihr bei euch, aber die von ihnen gepredigte und bezeugte Wahrheit habt ihr längst aus euren Kirchen und Schulen vertrieben, kaum dass sie hie und da noch als eine Stimme in der Wüste, wie eine einsam girrende Taube, sich vernehmen lässt.

[…]

Die Lehren von der göttlichen Eingebung der heiligen Schrift, von der heiligen Dreieinigkeit, von der Gottheit Jesu Christi, von seinen Wundern, seiner stellvertretenden Genugtuung und seiner Wiederkunft zum jüngsten Gerichte, von der Gottheit des heiligen Geistes, der Auferstehung der Leiber etc., die gemeinschaftlich mit uns die römische Kirche glaubt und bekennt – diese Lehren sind von euren Predigtstühlen fast verschollen, und dafür hört ihr gern von den Wundern der Natur, von der Ehre und Würde der Menschheit, von der fortschreitenden Aufklärung, von der Begeisterung für das Wahre, Gute und Schöne, von Unsterblichkeit und Sternenwanderung, und, wenn es nicht anders sein kann, auch Etwas von Jesu, dem großen Nazarener. Denn es wird, wie die Schrift vorherverkündigt (2 Tim. 4, 3), eine Zeit sein, da sie die heilsame Lehre nicht leiden werden, sondern nach ihren eigenen Lüsten werden sie ihnen selbst Lehrer aufladen, nach dem ihnen die Ohren jucken, und werden die Ohren von der Wahrheit wenden, und sich zu den Fabeln kehren. Ja der allerheiligste Glaube der christlichen Kirche, mit dem sie steht und fällt, den sie seit fast siebzehn Jahrhunderten unveräußerlich bewahrt hat, trägt jetzt die sinnverdrehten Schimpfnamen des Mysticismus und Pietismus; die klarsten Lehren des Wortes Gottes, deren selbst die geschickteste exegetische Gaukelkunst sich nicht entledigen kann, gelten als schwärmerisch und überspannt, aber jenes vage Schweben im leeren Raume der Ideen, jene unvergleichlich schale Tugendlehre, jener heidnische Natur und Vernunftdienst ist für euch das Christentum in seiner vergeistigten Reinheit.“

aus: Franz Delitzsch, Luthertum und Lügenthum, Grimma/Leipzig 1839

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