Gottesdienstnachlese – 08.11.2015 : Psalm 90: Nicht „So ist das Leben eben“ sondern der Zorn Gottes, das gefallene Leben und die Erlösung aus demselben

In dieser Serie werden Betrachtungen zum jeweilig letzten Gottesdienst aus der Perspektive lutherischer Theologie gesammelt.

Zu Psalm 90

Im Allgemeinen sind mir bezüglich Psalm 90 bisher nur Interpretationen begegnet, die im Sinne einer allgemeinen Beschreibung des menschlichen Lebens vorgehen. Grundlegend ist hierbei immer gewesen, dass das Leben des Menschen und der Mensch selbst nun einmal sind wie sie sind. Doch ist diese Herangehensweise tatsächlich mit dem Text vereinbar? Beim Beten des Psalms am vergangenen Sonntag vielen mir hierzu einige Punkte auf.

Im Vers 1 bis 6 wird das Thema menschlicher Vergänglichkeit im Kontrast zur Ewigkeit und Vorzeitlichkeit Gottes ausgeführt. Doch ist es keineswegs eine wehmütige, bitter-süße Beschreibung unabwendbarer Tatsachen, die uns am Ende doch ein Gefühl der Versöhnung mit uns selbst und diesem Leben vermitteln. Denn ab Vers 7 wird deutlich, dass wir nicht so geschaffen wurden: „Das macht dein Zorn, daß wir so vergehen, und dein Grimm, daß wir so plötzlich dahin müssen. Denn unsere Missetaten stellst du vor dich, unsre unerkannte Sünde ins Licht vor deinem Angesicht.“

Das Thema, dass die Vergänglichkeit eben nicht zum ursprünglichen Bauplan des Menschen gehört durchzieht die Bibel vom Schöpfungsbericht bis ins Neue Testament: “Denn der Sünde Sold ist der Tod; die Gabe Gottes aber ist das ewige Leben in Christus Jesus, unserem Herrn“ (Römer 6,23).

Und auch hier beschreibt der Psalmist, dass die Vergänglichkeit kein eigentlicher Teil der conditio humana ist, sondern das Ergebnis des Zorns Gottes über unsere Missetaten. Aber was ist damit gemeint? Ist es wirklich in erster Linie mein eigenes, einzelnes, gottwidriges Handeln das den Zorn auf sich zieht? Müsste dann nicht, wenn ich weniger falsch handle, mein Leben weniger vergänglich oder sogar messbar länger sein? Oder spricht der Psalmist etwa von einer speziellen Plage, die Gott im Zorn über einen spezifischen Ungehorsam des Volkes Israel verhängt hat und um deren Aufhebung Gott in Vers 13 bis 17 gebeten wird?

Diese Lesart fällt jedoch mit einer näherer Betrachtung der zuvor diagnostizierten Auswirkungen des Zornes. Diese sind eben nicht außergewöhnlich sondern so grundlegend, dass sie den allgemeinen Rahmen unseres Lebens bilden. Gottes Zorn bewirkt die grundlegende Vergänglichkeit, die Nichtigkeit unseres irdischen Lebens, ja, durch ihn währt unser Leben (auch damals schon) siebzig Jahre und wenn’s hoch kommt 80 Jahre. Sowohl die Bedingung des Zorns als auch seine Auswirkungen reichen also weit über unser einzelnes Leben hinaus.

Wenn wir hier nun versuchen, gemäß sola scriptura, die Bibel mit der Bibel auszulegen, fällt unser Blick auf der Suche nach einer Antwort auf eben den oben genannten Schöpfungsbericht, in dem beschrieben wird wie durch unser Handeln – das Handeln der gesamten damaligen Menschheit, durch Adam und Eva nämlich – die Strafe des Todes und der Vergänglichkeit in die Welt kam. Sie, die erste oder Ur-Sünde (im Deutschen traditionell oft irreführend Erbsünde genannt) steht seither zwischen den Menschen und Gott, aus ihr können wir uns nicht befreien, durch sie sind wir Sünder, wegen ihr sündigen wir. Denn nicht das Sündigen macht mich zum Sünder sondern weil ich Sünder bin sündige ich. Und in meinen Versuchen diesem Hang zur Sünde (Konkupiszenz) zu widerstehen wird mir klar, dass ich ihm ebensowenig aus eigener Kraft entkommen kann wie dem Tod. Dann sprechen wir mit Paulus „Denn das Gute, das ich will, das tue ich nicht; sondern das Böse, das ich nicht will, das tue ich.“ (Röm 7,19).

Wer, aber, kann uns hier helfen? Angesichts dieser Situation bittet der Psalmist, um Gottes Erbarmen, um seine Zuwendung. Doch was ihm zu seiner Lebenszeit als Versprechen gegeben war ist für uns nun Teil unserer Zeitgeschichte: Gott HAT sich erbarmt, er HAT sich uns wieder zugewandt. Er selbst wurde Mensch, lebte unter uns und löste dieses menschlich unlösbare Problem; er erlöste uns, er trug unsere Schuld am Kreuz und gab uns seine eigene Gerechtigkeit. Er hat den Tod, den unsere Sünde in die Welt brachte, besiegt durch seinen Tod am Kreuz. „Denn wie sie in Adam alle sterben, so werden sie in Christus alle lebendig gemacht werden.“ (1. Kor. 15, 22).

Das sind wahrlich gute Neuigkeiten, euangelio, für den Psalmisten und auch für uns! Doch „ Wer glaubt aber, daß du so sehr zürnest, und wer fürchtet sich vor solchem deinem Grimm?“ Mögen wir für uns und unsere Mitmenschen immer wieder beten: „Lehre uns bedenken, daß wir sterben müssen, auf daß wir klug werden.“

 

 

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