Nicht anthropozentrisch sondern christozentrisch – 5 Eckpunkte des Schriftverständnisses von Abraham Calov

Wie man die Heilige Schrift sachgemäß auslegt ist Gegenstand vieler Reflexionen in der Geschichte der Kirche. Einige gut durchdachte und systematisierte Äußerungen dazu hat Abraham Calov vorgelegt, die für heutige Leser leider nicht ganz leicht erreichbar sind, sind sie doch auf Latein geschrieben und für uns heute recht kompliziert aufgrund des vielen Wissens, das Calov eingepflegt hat. (NB: Darüber nachzudenken rückt unsere manchmal also so hoch gepriesene moderne Bildung in ein anderes Licht.)

Deshalb wollen wir im Folgenden ein paar Grundsätze skizzieren und zugänglich machen, die Calov ähnlich wie andere Lehrer des 16. und 17. Jahrhunderts aufgestellt hat, und die unseres Erachtens auch heute hilfreich und bedenkenswert sind. Wir stützen uns dabei auf das Buch Volker Jungs, „Das Ganze der Heiligen Schrift“, der sich dort mit der Hermeneutik Calovs ausgiebig beschäftigt hat.

Zunächst und grundlegend: Biblisches Denken ist das Zentrum der Theologie Calovs gewesen, der eine sehr genaue Kenntnis der Schrift, sowohl auf deutsch als auch in den Ursprachen gehabt hat und auch die Auslegungen anderer Konfessionen und der jüdischen Rabbiner bei seiner Auslegung beachtete.

Grundsatz 1: Gott hat in der Schrift gesprochen, um uns damit das Evangelium zu verkündigen.

Die Schrift ist keine Reflexion menschlichen Erlebens von Gottes Taten, sondern offenbart Gottes Wirken für uns.

Grundsatz 2: Es geht darum, den einen Sinn einer jeden Bibelstelle zu erheben.

Jeder Vers muss dazu in seinem biblischen Kontext ausgelegt werden, Umstände wie Zeit, Art des biblischen Buches, Sprache, Bräuche usw. sind hilfreich zu beachten.

Grundsatz 3: Das Ziel der gesamten Schrift Alten und Neuen Testaments ist die Verkündigung des Evangeliums von Christus.

Christus kann im AT gefunden werden. Die Bibel erzählt keine menschlichen mutmachenden Geschichten, sondern die Geschichte des Wirkens Gottes an uns durch Christus.

Grundsatz 4: Im AT ist Christus (nicht im Fleisch) vorhanden, im NT ist Christus (im Fleisch) vorhanden: in beiden steckt Gesetz und Evangelium. Auch das AT verkündet die Rechtfertigung des Sünders allein aus Gnaden.

Die Schrift kann also weder auf das Evangelium noch auf das Gesetz reduziert werden. Viele der in der EKD vereinten Kirchen berufen sich für die Grundlage ihres Handels in ihren Verfassungen heute jedoch auf „das Evangelium von Jesus Christus“ und bei manchen konservativen Strömungen treten dogmatische und soteriologische Lehrfragen in den Hintergrund, weil man ethische Themen als dringlicher, vlt. auch als weniger trennend mit anderen „Frommen“ empfindet. Doch das Gesetz bedingt die Gute Botschaft – und die Freiheit, die das Evangelium schafft, bleibt irrelevant, wenn sie sich nicht den Willen ihres Erlösers sucht und tut.

Grundsatz 5: Der zum Verstehen der Schrift notwendige Geist ist in der Schrift.

Die Schrift braucht die Erleuchtung durch den Heiligen Geist. Der Heilige Geist ist aber nichts, was der Leser mitbringen kann und auf die Schrift anwendet. Nur durch das Lesen und Gebrauchen der Schrift erleuchtet diese sich. Die Schrift legt den Leser aus.

 

 

 

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