Worthaus, wir und der skurrile Gott-Mann aus Nazareth

Nun  ist es soweit: wir können unseren ersten Analysepodcast zum Worthausvortrag „Die Sache mit der Schlange“ wieder online gehen lassen, da wir ihn – entsprechend der Vorstellungen des Worthaus e.V., der uns wegen angeblicher Urheberrechtsverletzung abmahnte – angepasst haben. Hierzu sind §1 und §2, aber auch §§ 24 und 51 des UrhG interessantes Lesematerial. Unsere Anfrage, uns im Sinne der wissenschaftlichen Auseinandersetzung und Prüfbarkeit wissenschaftlicher Aussagen die Beibehaltung der Zitate zu erlauben, wurde leider abgelehnt.


Im Zuge dessen wurden uns auch Wissenschaftlichkeit und Kollegialität in Abrede gestellt. Leider scheint der – zumindest oft implizite – Vorwurf der Engstirnigkeit bzw. des fehlenden Begreifens in den Kreisen der sog. Postevangelikalen recht inflationär gebraucht zu werden. Bei ihnen selbst jedoch gibt es nach eigener Überzeugung keine Denk- und Sprechverbote, Tabus, Niveaulosigkeit, Enge, Einfältigkeit, Oberflächlichkeit, verstellte Blicke.

Im wirklich „tiefen“ Sinn bleibt zu fragen, ob und inwiefern es einen unverstellten[i] Blick überhaupt geben kann. Aber schon die auf der oben verlinkten Worthausseite„Fakten“ verkündete „Idee“ verdeutlicht, dass gewichtige wissenstheoretische Fragen bei Worthaus vorschnell beantwortet zu sein scheinen. Z.B. werden unter Punkt 2 Aussagen getroffen, die fast ohne faktischen Inhalt sind: Wie soll man sich ein„ungeschichtliches“ Verständnis der Bibel vorstellen? Wie soll man einen Textbegreifen, ohne ihn wörtlich zu nehmen? Inhaltlich positiv sind diese Sätze nur für Eingeweihte, eben jene, für die „geschichtlich“ für ganz spezielle Inhaltesteht. Punkt 3 und 4 trennen sich dann schon inhaltlich klar vom „geschichtlichen“ – das bedeutet hier historisch in der Breite nachweisbaren –Christentum. Das hielt nämlich seine – schon zu Paulus Zeiten „seltsamen,skurrilen, einfältigen“ und für eine Gesellschaft, die, wie auch heute,  Epikurismus oder Stoizismus als Antwort auf das Leid der Welt für vollkommen ausreichend hielt „letzlich irrelevanten“ – GlaubensBEKENNTNISSE allesamt für ewig gültig, bzw. objektiv wahr. Und dazu gehört auch, dass der „Mann aus Nazareth“ eben auch wahrer Gott war, ein Punkt, der im verlinkten Text fehlt. Hiermit beraubt man sich jedoch selbst der schönsten Antwort auf die Frage, warum man überhaupt einem cis-geschlechtlichen nahöstlichen Mann, der in seiner Heimat keiner Minderheit angehörte. so viel Gewicht beimisst: „Weil er Gott war und weil er Gott ist und weil er Gott sein wird in Ewigkeit.“ – soviel zur Idee, dass christlicher Glaube jemals nicht skurril sein könne.

Doch zurück zur Wissenschaft: Im Fall unserer beiden Podcasts suchte Worthaus weder den Diskurs noch die Verständigung. Das ist schade, jedoch Teil des sich verfestigenden Bildes einer abgeschlossenen Verständnisgemeinschaft um Worthaus, die sich mit evangelikal ererbter Unflexibilität nun an einem neuen Evangelium – eben jenem „aktuellen Diskussionstand christlicher Hochschulen“, bzw. genauer eines bestimmten Ausschnitts davon – festhält. Doch, wie damals in Evangelikalien, so gilt auch jetzt in Ratioliberalien, dass man nur durch Loslassen frei wird. Es ist viel besser, sich ganz vom christlichen Glauben zu verabschieden, als ihn sich rational auf einen Fitzel zurechtzustutzen und zu behaupten, man wäre noch *Christ*. Warum? Weil man dann zu diesem Glauben zurückkehren kann! In diesem Sinne wünschen wir angenehmes Hören.


[i] ‚Unverstellt‘ bezieht sich auf folgendes Zitat, welches auf der Worthausseitezu lesen war (2014, unter http://worthaus.org/worthaus/idee/):

 Worthaus ist ein 2010 ins Leben gerufenes Experiment. Es ist derVersuch, einen unverstellten Blick auf die biblischen Texte und den Menschen zugewinnen, an dessen Geburt sich nicht nur unsere Zeitrechnung orientiert. Inaller denkerischen Freiheit wird mit Mitteln des Verstands, der Wissenschaftund des Herzens daran gearbeitet, einen neuen, authentischen Zugang zu denchristlichen Quellen zu finden. Dabei steht bewusst alles zur Disposition. Alles auf null. In gewisser Hinsicht beginnt alles von vorn. Es gibt keine Tabus. Es gibt keine Denk- und Sprechverbote. Es gibt keine vorbestimmtenResultate. Vielleicht landet Worthaus irgendwann bei Altbekanntem, vielleichtaber auch ganz woanders. Das Ziel der Reise ist unbekannt.

One thought on “Worthaus, wir und der skurrile Gott-Mann aus Nazareth

  1. Schandor

    Die Frage, ob es einen „unverstellten“ Blick überhaupt geben könne, ist leicht zu beantworten.
    Nach dem Hauswort des Worthauses bedient man sich dieser Floskel, um von vornherein, wenn auch verdeckt und listig, zu sagen:
    Unverstellt ist, was unseren eigenen Denkvoraussetzungen nicht widerspricht. Punkt.
    Sowas nennt man üblicherweise Voreingenommenheit, also genau das, was Worthaus vorgibt, zu vermeiden.
    Ach, wie lächerlich ist es, mit vorgehaltener Hand Unvoreingenommenheit zu beteuern …

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